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3000 Experten bei Weltwasserwoche in Stockholm

Die Welt im Wasserstress

Waldbrände in Schweden, Dürre in Deutschland, Überschwemmungen in Indien: Das Jahr 2018 zeigt, dass die Wasserprobleme in vielen Teilen der Welt eskalieren. Neue, naturnahe Lösungen sucht die Weltwasserwoche in Stockholm.

Die einen haben zu viel davon, die anderen zu wenig. Bei den einen sorgen Monsune für Jahrhunderthochwasser, hunderte Tote und tausende Obdachlose, wie aktuell in Südindien. Bei den anderen führen Hitze und Dürre zu Ernteausfällen und Waldbränden, wie dieses Jahr in Europa und Kalifornien. Wasser kann unglaubliche Not und Zerstörung anrichten, andererseits hängt der Mensch von kaum etwas so sehr ab wie von Wasser.

Themen genug für die mehr als 3.000 Teilnehmer aus Politik, Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaft, die sich derzeit zur Weltwasserwoche in Stockholm treffen. Seit 1991 ist die schwedische Hauptstadt Gastgeberin; in diesem Jahr soll es unter dem Motto "Wasser, Ökosysteme und die Entwicklung der Menschheit" unter anderem um die Umsetzung der UNO-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung gehen. "Sauberes Wasser und Sanitärversorgung für alle" ist die sechste Forderung unter den Nachhaltigkeitszielen.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. 2,1 Milliarden Menschen weltweit haben laut Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef keinen Zugang zu sauberem Wasser - rund 884 Millionen Menschen noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Wasser. Dem Weltwasserbericht der UN-Kulturorganisation Unesco zufolge leben 3,6 Milliarden Menschen in Gebieten, in denen mindestens einmal im Monat das Wasser knapp wird - die Hälfte der Weltbevölkerung. Die Zahl könnte bis 2050 auf fünf Milliarden Menschen ansteigen, warnte die Unesco anlässlich des Weltwassertages im März.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Nicht nur wegen des Klimawandels droht Wasserknappheit, auch wegen der anwachsenden Weltbevölkerung und des steigenden Wasserverbrauchs. Das meiste Wasser wird weltweit in der Landwirtschaft verbraucht, etwa 70 Prozent, ein weiteres Fünftel in der Industrie. Zuhause verbrauchen die Menschen das meiste Wasser, wenn sie duschen, auf die Toilettenspülung drücken oder Wäsche waschen. Etwa 123 Liter kommen da hierzulande pro Kopf und Tag zusammen. Mit fünf Litern am Tag müssen dagegen die Menschen in manchen Entwicklungsländern auskommen.

Dort zeigt sich, welche Probleme Wasserknappheit und Wasserverschmutzung mit sich bringen. Im Südsudan brach im Sommer 2016 eine Cholerawelle aus, die laut Unicef über 400 Todesopfer forderte. Solche Krankheiten verbreiten sich, wenn Menschen das verschmutzte Wasser aus Flüssen nutzen oder ihre Notdurft im Freien verrichten.

Die Welt muss neue, naturnahe Lösungen suchen, um die eskalierenden Wasserprobleme zu bewältigen, betonen denn auch die Veranstalter der Weltwasserwoche. Auf die Bedeutung von Bächen und Flüssen macht auch die Umweltorganisation WWF in ihrem aktuellen "globalen Flussreport" aufmerksam: Gesunde Flüsse könnten die gravierenden Auswirkungen von Wetterextremen wie Starkregen und Dürreperioden abmildern, heißt es. "Sie liefern zudem Energie aus Wasserkraft, Nahrung in Form von Fischen, Dünger und verhindern durch ihre Sedimente das Versinken ganzer Flussdeltas."

Doch viele Flüsse sind verstopft, verschmutzt und ausgesaugt", warnt Philipp Wagnitz, Programmleiter Süßwasser beim WWF Deutschland. Eine halbe Milliarde Menschen, darunter die Bewohner von Megametropolen wie etwa Shanghai, Kalkutta und Ho Chi Minh City, lebten in Fluss-Deltas, die ohne die stetige Versorgung mit Sedimenten im Meer zu versinken drohten.

Laut WWF sind weltweit zwei Milliarden Menschen für ihr Trinkwasser direkt auf Flüsse angewiesen. Ein Viertel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion hänge von der Bewässerung durch Flüsse ab. Jedes Jahr werden mindestens zwölf Millionen Tonnen Süßwasserfische gefangen, die Millionen von Menschen Nahrung und Lebensunterhalt sichern.

Auch die europäische Politik sieht der WWF in der Pflicht: Nach einer Untersuchung der EU-Umweltagentur aus dem Juli befinden sich nur 8,4 Prozent der deutschen Oberflächengewässer in einem "guten ökologischen" Zustand. EU-weit liegt der Wert immerhin bei 40,6 Prozent. Deutschland und Europa müssten den Gewässerschutz endlich ernst nehmen und die Wasserrahmenrichtlinie konsequent umsetzen, so die Forderung des WWF.

Lukas Kissel/KNA

28.08.2018 - Umwelt