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Hamburger Alterzbischof Thissen:

"Schwere Fehler" im Umgang mit Missbrauch

Der Hamburger Alterzbischof und frühere Münsteraner Generalvikar Werner Thissen hat Fehler im Umgang mit sexuellen Missbrauchsfällen eingeräumt. Der 80-Jährige bezeichnete es als „schweren Fehler“, als Personalverantwortlicher im Bistum Münster ab den 1970er Jahren „überzogen und unrealistisch“ auf die Therapierbarkeit von Tätern vertraut zu haben. Ein weiterer Fehler sei es gewesen, kaum mit Opfern Kontakt gehabt zu haben.

Die Personalkonferenz des Bistums, der Thissen von 1978 bis 2003 als Personalchef, Generalvikar und schließlich Weihbischof angehörte, hatte nach seinen Worten damals „unbedarft“, unbürokratisch und ohne jegliche Standards professioneller Personalführung gearbeitet. Nach Bekanntwerden eines Missbrauchsfalls sei der Täter einem anerkannten Arzt und Therapeuten überstellt worden.

Wenn dieser nach einer gewissen Zeit signalisiert habe, dass der Priester „stabilisiert“ sei, sei der Geistliche zunächst in einem Bereich ohne Kontakt zu Kindern und später bei Zustimmung des Therapeuten auch wieder in der normalen Pfarrseelsorge eingesetzt worden. „Im Nachhinein muss ich sagen: Wir haben ihn ausgenutzt“, sagte Thissen zur Zusammenarbeit mit dem Arzt: „Wir haben das von uns weggeschoben auf ihn.“

Wenn ein Missbrauchstäter wieder eingesetzt wurde, hat laut Thissen ein Mitglied der Personalkonferenz mit ihm Kontakt gehalten. Zudem sei der zuständige Dechant oder eine andere Vertrauensperson informiert worden. „Mich wundert heute, dass wir nicht auf den Gedanken gekommen sind, auch den Pfarrgemeinderatsvorsitzenden und andere Verantwortungsträger in der Gemeinde zu informieren“, sagte der Alterzbischof: „Wir hielten das (...) zu sehr im klerikalen Bereich.“

Die Verantwortlichen haben nach den Worten Thissens damals nicht gewusst, „dass sexueller Kindesmissbrauch ein weit verbreitetes gesellschaftliches Übel ist, an dem wir als Kirche erheblichen Anteil haben“. Auch habe er keine Vorstellung davon gehabt, „was für ein Schaden durch  Missbrauch bei einem jungen Menschen angerichtet wird“. Auch strafrechtliche Belange, eine Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen sowie klare Regeln zur Herstellung von Transparenz oder Präventionsmaßnahmen seien nicht im Blick gewesen.

Thissen nannte es auch ein Problem, dass der Personalkonferenz eine größere Distanz zu den geistlichen Tätern gefehlt habe: „Diejenigen, die des Missbrauchs beschuldigt wurden, waren ja Priester, die wir gut kannten. Da kommt sehr schnell der Mitleidseffekt auf.“ Als die Konferenz über eine Strafe für einen Täter diskutierte habe, hieß es schon mal, dieser habe sich durch sein Vergehen schon genug bestraft.

Bei ihm und in der Bischofskonferenz habe es aber inzwischen einen Lernprozess gegeben, sagte Thissen, der von 2003 bis 2014 das Erzbistum Hamburg leitete. Seit 2010 sei in der Kirche eine andere Sprache eingekehrt.

Münsters Bischof Felix Genn dankte Thissen dafür, sich zu seinen Fehlern zu bekennen. Dies sei für Betroffene hilfreich. Sie fragten immer wieder danach, wer dafür verantwortlich gewesen sei, dass Missbrauchstäter weiter als Priester tätig waren. Genn sicherte eine unabhängige Aufarbeitung zu. Er hoffe, dass ein Forschungsprojekt der Uni Münster Klarheit bringe.

KNA

06.11.2019 - Bischöfe , Missbrauch , Seelsorge