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Angeklagter Kardinal erscheint zum Prozessauftakt im Vatikan

Becciu verfolgt Verhandlungsbeginn - und beteuert seine Unschuld

Nahezu unbemerkt betritt ein kleiner Mann im schwarzen Anzug den zum Gerichtssaal umgewandelten Saal in den Vatikanischen Museen. Er bleibt kurz an der Tür stehen, schaut sich um, wartet. Dann wird der Angeklagte, Kardinal Giovanni Angelo Becciu (73), von Anwälten an seinen Platz geführt - in der letzten Reihe.

Er begrüßt einige Anwesende, auch die Presse. Blickkontakt zu seinem ehemaligen Sekretär Mauro Carlino nimmt er nicht auf. Dieser sitzt - wie ein Musterschüler - neben seiner Anwältin in der vordersten Reihe. Becciu versinkt förmlich in seinem Stuhl, vor ihm ein Stapel Akten, als der Vorsitzende Richter Giuseppe Pignatone das Wort ergreift.

Mit Becciu und Carlino sind nur zwei der zehn Angeklagten an diesem ersten Prozesstag rund um einen Finanzskandal im Vatikan persönlich erschienen. Im Kern geht es um eine verlustreiche Investition in Höhe von rund 350 Millionen Euro in eine Londoner Luxusimmobilie sowie damit zusammenhängende Deals und Provisionen. Obendrein ist in der Anklageschrift von fragwürdigen Überweisungen Beccius an die ebenfalls angeklagte Sicherheitsberaterin Cecilia Marogna sowie an seinen Bruder und dessen Sozialeinrichtung die Rede.

Unter den übrigen Angeklagten sind der römische Broker Enrico Crasso, seine Finanzmakler-Kollegen Raffaele Mincione und Gianluigi Torzi; außerdem Torzis Rechtsbeistand, der Mailänder Jurist Nicola Squillace. Weiter angeklagt sind der inzwischen entlassene Direktor der vatikanischen Finanzaufsicht, Tommaso Di Ruzza, und Fabrizio Tirabassi. Tirabassi war die unmittelbare Schnittstelle zwischen Vatikan und Finanzmaklern und genoss einen zweifelhaften Ruf. Zudem werden in der Anklageschrift drei Unternehmen von Crasso und eine Firma von Marogna in Slowenien genannt.

Angeklagt ist darüber hinaus der Schweizer Finanzexperte Rene Brülhart, ehemals Präsident der vatikanischen Finanzaufsicht. Ihm wird Amtsmissbrauch vorgeworfen. Verschont wurde hingegen der langjährige vatikanische Kassenwart Alberto Perlasca. Er ist ein wichtiger Zeuge der Strafverfolgung.

Richter Pignatone, der früher Mafiosi jagte, nutzte den ersten Prozesstag, um alle anwesenden Parteien ausführlich anzuhören. Der Tenor der Anwälte: Die Vorbereitungszeit sei zu kurz gewesen. Und es fehlten Dokumente und wichtige Materialien, andere seien zu kurzfristig eingereicht worden. Auch seien Anfragen zu weiteren Dokumenten nicht beantwortet worden. Außerdem stellten die Anwälte die juristische Kompetenz des Vatikan infrage.

Die Anwältin des vatikanischen Staatssekretariats, das als Nebenkläger auftrat, bekräftigte indes die Schwere der Verfehlungen und die Folgen für den Heiligen Stuhl. Dieser Prozess habe eine starke "moralische Seite" und die von den Verteidigern vorgebrachten Einwände sollten zurückgewiesen werden. Die Strafverfolgung wies alle Einwände zurück, brachte aber zugleich noch eine Videoaufnahme der Befragung des Hauptzeugen Perlasca ins Spiel.

Nach rund sieben Stunden Verhandlung zogen sich Pignatone und seine beiden Richterkollegen zurück, um letztlich in Teilen den Anwälten Recht zu geben. Zumindest hinsichtlich fehlender Dokumente. Das genannte Video der Perlasca-Befragung muss nun von den Strafverfolgern allen Angeklagten zur Verfügung gestellt werden.

In den kleinen Pausen des langen ersten Prozesstages unterhielten sich Becciu und sein ehemaliger Sekretär Carlino dann doch noch. Größere Anspannung war dabei nicht zu erkennen. Die Medienvertreter begrüßte Becciu demonstrativ gelassen, bevor er in die letzte Reihe des Prozesssaals zurückkehrte und in seinem Stuhl versank.

Am Ende der Verhandlungsrunde trat der Kardinal vor die Presse, um erneut seine Unschuld zu beteuern: "Ich habe dem Papst zu jedem Zeitpunkt gehorcht." Dann kündigte der Sarde rechtliche Schritte gegen den Zeugen Perlasca an.

Anna Mertens/KNA

28.07.2021 - Finanzen , Recht & Gesetz , Vatikan