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Gegen Hass und Antisemitismus

Holocaust-Gedenkfeier im Bundestag

Zum 25. Mal gedenkt der Deutsche Bundestag an diesem Mittwoch der Opfer des Nationalsozialismus. Bei der Gedenkfeier, die Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble eröffnet, werden als Rednerinnen die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und Holocaust-Überlebende, Charlotte Knobloch, sowie die Publizistin Marina Weisband erwartet. Weisband kam als Kind und Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland. Teilnehmen werden auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesratspräsident Reiner Haseloff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Stephan Harbarth.

Die Gedenkstunde, die 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog initiiert und wie der Internationale Holocaust-Gedenktag auf den Tag der Befreiung des KZ Auschwitz gelegt wurde, steht in diesem Jahr auch unter dem Zeichen des Jubiläumsjahres "321 - 2021: 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Hierfür wird es eine Ausstellung des Leo Baeck Institute im Paul Löbe Hauses des Bundestages geben.

Darüber hinaus wird zum Abschluss der musikalisch untermalten Gedenkstunde die Sulzbacher Thorarolle von 1793 in einer feierlichen Zeremonie im Andachtsraum des Bundestages fertiggestellt - als Symbol staatlicher Selbstverpflichtung, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und zu ermöglichen. Die Thorarolle wurde für die neue Synagoge im oberpfälzischen Sulzbach geschrieben und gilt als eine der ältesten erhaltenen Thorarollen in Süddeutschland.

Bundespräsident Steinmeier hatte zuvor an jeden Einzelnen appelliert, sich für den Schutz von Juden einzusetzen. "Ein jeder von uns ist aufgerufen, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger vor Bedrohungen, Beleidigungen und Gewalt zu schützen. Nicht in Zukunft, sondern hier und heute, in dem Land, in dem wir gemeinsam leben", sagte Steinmeier in einer Videobotschaft für die gemeinsame virtuelle Gedenkveranstaltung des World Jewish Congress und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zum internationalen Holocaust-Gedenktag.

Die katholischen Bischöfe in Deutschland forderten zum entschiedenen Einsatz gegen alle Formen des Antisemitismus auf. "Die Erinnerung an den Holocaust erfüllt mich mit tiefer Trauer, aber auch mit Scham, weil so viele damals schwiegen", schrieb der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, auf Twitter und Facebook.

Er forderte zugleich alle Menschen auf, "gemeinsam antijüdischen Vorurteilen, Verschwörungsmythen und jeder Form des Hasses im Alltag, in der Schule oder im Freundeskreis" mutig zu widersprechen. Der "industrielle Mord an den Juden", habe am Ende eines Weges gestanden, "der mit Hassreden, Verschwörungsmythen und sozialer Ausgrenzung begann. Diesen Weg dürfen wir nie wieder beschreiten."

Im Vorfeld des Gedenktags wurden Appelle zur gemeinsamen Verantwortung für Erinnerung und den Einsatz gegen Antisemitismus laut. In einer mit dem Freundeskreis Yad Vashem veröffentlichten Erklärung bekannten sich Borussia Dortmund, Daimler, die Deutsche Bahn, Deutsche Bank und Volkswagen zu ihrer historischen Verantwortung. Die Unternehmen erklärten am Dienstag, dass sie sich gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen, dass sie Toleranz und Offenheit fördern und fordern sowie sich als "Motoren der Integration" sehen. Außerdem verabschiedeten sie die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zu Antisemitismus.

Das American Jewish Committee Berlin begrüßte die Erklärung. "Wir hoffen, dass viele weitere Unternehmen und Organisationen diesem Beispiel folgen werden", sagte Direktor Remko Leemhuis. Denn der Einsatz gegen Antisemitismus sei auch Aufgabe der Privatwirtschaft.

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, ermutigte Jugendliche, wegen Corona ausgefallene Besuche in Gedenkstätten nachzuholen. Er sagte der "Bild"-Zeitung, nichts könne Eindrücke am Ort des Massenmordes ersetzen. Studien zufolge wüssten 63 Prozent der US-Jugendlichen nicht, "dass damals sechs Millionen Juden abgeschlachtet wurden". Er denke nicht, dass die Welt vergessen habe. "Aber die nachwachsende Generation hat noch viel zu lernen." Jürgen Rüttgers, der dem Kuratorium eines Vereins zum Festjahr 1.700 jüdisches Leben in Deutschland vorsteht, forderte Schulen auf, jüdisches Leben stärker im Unterricht zu behandeln.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, unterstrich auch die Schuld der Kirchen im Nationalsozialismus. Dietrich Bonhoeffer sei einer der wenigen Theologen gewesen, die "die ganze theologische Abgründigkeit der Judenverfolgung verstanden" hätten. Bedford-Strohm wies auf die internationale Erinnerungskampagne #weremember hin.

Die Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Beate Rudolf, erinnerte daran, dass jüdisches Leben seit 1.700 Jahren Teil der Gesellschaft in Deutschland sei. Antisemitische Einstellungen bestünden fort und würden von Demagogen missbraucht. Das habe sich zuletzt in Verschwörungserzählungen im Kontext der Corona-Pandemie gezeigt. Zu Recht forderten jüdische Gemeinden wirksamen Schutz.

Mahnende Worte kamen auch vom Vizepräsidenten des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner. Angesichts steigenden Rechtsextremismus und antisemitischen Hasses wachse die Sorge, ob Demokratien, Bürger und Politiker sich über das Gedenken hinaus der aktuellen Gefahren bewusst seien.

Die Corona-Pandemie hat auch die Art und Weise beeinflusst, mit der an den Holocaust erinnert wird - zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung von Forschern der Hebräischen Universität Jerusalem. Die globale Krise habe eine weit stärkere Akzeptanz für die Rolle von digitalen Medien im Gedenken geschaffen. Auch am 76. Jahrestag der Befreiung überlebender Häftlinge in Auschwitz am 27. Januar 1945 finden zahlreiche Gedenkveranstaltungen digital statt.

KNA

27.01.2021 - Gedenken , Holocaust , Judentum