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Zum Welttag der Suizidprävention

Experten wollen Angebote zur Vorbeugung ausbauen

Zum Welttag der Suizidprävention am Samstag fordern Experten einen Ausbau von niedrigschwelligen Beratungs- und Hilfsangeboten. Um diese nachhaltig zu sichern, brauche es eine jährliche Förderung von 15 Millionen Euro, sagte Sozialforscher Reinhard Lindner am Montag in Berlin. Er gehört zum Leitungsgremium des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro), das in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert.

Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr als 9.000 Menschen durch Suizid. Das sind mehr Todesfälle als durch Verkehrsunfälle, Mord und illegale Drogen zusammen, wie Psychologieprofessorin und NaSPro-Leiterin Birgit Wagner ausführte. Statistisch gesehen nehme sich alle 57 Minuten ein Mensch in Deutschland das Leben; zudem kämen auf jede vollendete Selbsttötung etwa zehn bis 20 Versuche. Es handle sich also um ein "bedeutendes gesellschaftliches und gesundheitspolitisches Problem".

Bei den aktuellen Debatten um assistierten Suizid müssten auch die Angehörigen in den Blick genommen werden, mahnte Wagner. Studien zeigten, dass sie häufiger unter Belastungssymptomen litten als andere Hinterbliebene. Zudem sei der Schulungsbedarf in vielen Bereichen hoch, auch unter Therapeuten.

Zusätzliche Brisanz erhält das Thema durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das im Februar 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Beihilfe zur Selbsttötung gekippt hatte. Die Selbsttötung gehöre zum Recht auf Selbstbestimmung, betonten die Karlsruher Richter. Das schließe auch die Hilfe Dritter ein. Ein neues Gesetz, das ein von den Richtern vorgeschlagenes Schutz- und Beratungskonzept ermöglicht, steht noch aus.

Die aktuell vorliegenden Gesetzentwürfe hätten indes "mit Suizidprävention wenig zu tun", kritisierte Lindner. Beratungsangebote für suizidgefährdete Menschen und ihre Angehörigen dürften nicht schwieriger erreichbar sein als der Zugang zum assistierten Suizid. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), Claudia Bausewein, betonte, dass schon die Information über Hilfsangebote vermeiden könne, dass etwa Menschen mit einer schweren Erkrankung überhaupt erst Suizidgedanken entwickelten.

Bereits im Juni hatten das NaSPro und über 40 weitere Institutionen und Fachgesellschaften ein Gesetz zur Suizidprävention sowie einen weiteren Ausbau von Hospizarbeit und Palliativversorgung gefordert. Nach Worten von Medizinerin und NaSPro-Leiterin Barbara Schneider fehlt es weiterhin an einem Bewusstsein für die hohe Zahl von Suiziden - und auch dafür, dass Hilfe durchaus möglich sei.

Lindner würdigte zudem die Zusammenarbeit mit den Kirchen: Sie seien für die Suizidprävention wichtige gesellschaftliche Partner. Am Freitagabend findet der zentrale Auftakt zum diesjährigen Welttag in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin statt. Die Predigt hält Pfarrerin Kathrin Oxen; geplant ist zudem ein Gespräch zwischen dem Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), Burkhard Jabs, und dem SPD-Politiker Lars Castellucci.

KNA

06.09.2022 - Beratung , Medizin , Suizid