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"Christliches Leben kann so einfach sein!"

Papst feiert Messe mit Zehntausenden und ernennt zehn Heilige

Sonne, blauer Himmel, zwei Stunden Liturgie auf dem gut gefüllten Petersplatz. Die Heiligsprechung zehn neuer Glaubensvorbilder feierte der Papst wie vor der Pandemie. Und am Ende konnte Franziskus sogar wieder laufen.

"Das christliche Leben ist so einfach, es ist so einfach! Wir machen es komplizierter, mit so vielen Dingen, aber es ist so einfach." Nachdem Franziskus mit der liturgischen Formel auf Latein zehn Menschen in die offizielle Heiligen-Liste der katholischen Kirche aufgenommen hat, erklärt er noch einmal, was es mit christlicher Heiligkeit auf sich hat.

Die bestehe nicht aus heroischen Gesten, "sondern aus viel täglicher Liebe", betonte das Kirchenoberhaupt vor mehreren Zehntausend Menschen. Im Evangelium, auf Latein und im griechischen Original vorgetragen, hatte Jesus Christus seinen Jüngern aufgetragen: "Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." Dies sei das Wesentliche, unterstrich Franziskus. Damit könne jeder sein Leben in den Dienst anderer stellen.

Dieses Vertrauen sei das Lebensfundament der vier Frauen und sechs Männer gewesen, die der Papst an diesem Sonntag heiliggesprochen hat. Sie stammen aus Italien, Frankreich, Indien und den Niederlanden; von Katholiken weltweit können sie nun verehrt und angerufen werden. Ein bisschen wie beim Eurovision Song Contest abends zuvor in Turin melden sich Pilger aus den jeweiligen Ländern und Diözesen lautstark, wenn der Name ihres Favoriten genannt wird. So trägt der Leiter der Heiligsprechungskongregation, Kardinal Marcello Semeraro, die Kurzbiografien der zu Ernennenden vor, bevor er um deren Heiligsprechung bittet.

Die bekanntesten sind der französische Wüsteneremit Charles de Foucauld (1858-1916) und der im KZ ermordete niederländische Ordensmann und Journalist Titus Brandsma (1881-1942). Zudem wurde Lazzaro Devasahayam Pillai (1712-1752), der erste indische Nichtkleriker, zum Heiligen ernannt. Die vier Ordensfrauen, eine aus Frankreich und drei aus Italien, hatten im 18. und 19. Jahrhundert Gemeinschaften gegründet, die sich um die gesellschaftlichen Verlierer der Industriellen Revolution kümmerten: Kinder, Frauen, Kranke.

"Zum Ruhm des katholischen Glaubens und zur Förderung des christlichen Lebens", "nach reiflicher Überlegung und Anrufung der göttlichen Hilfe, dem Rat vieler unserer Bischofsbrüder folgend, kraft der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und in der Vollmacht des uns übertragenen Amtes", erklärte der Papst die zehn Seligen zu Heiligen. Damit seien sie in das Verzeichnis jener aufgenommen, die weltweit verehrt werden können.

Als offizielle Staatsgäste nehmen an der Feier Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella, Frankreichs Innenminister Gerald Darmanin sowie aus Algerien, wo Charles de Foucauld starb, der Vorsitzende des Hohen Islamrates, Bouabdellah Ghoulamallah, teil. Aus Indien, wo religiöse Minderheiten es derzeit besonders schwer haben, ist der Minister für Minderheiten, Gingee KS Mathan, angereist.

Für viele niederländische Pilger, die keine Karten mehr für den Petersplatz erhalten haben, wird die Feier zu Ehren von Titus Brandsma in die Karmelitenkirche Santa Maria in Traspontina, rund 300 Meter vor dem Petersplatz, übertragen. Offizieller Vertreter der Niederlande ist Außenminister Wopke Hoekstra. Der Regierung sei es protokollarisch zu prominent gewesen, wenn Königin Maxima, selbst katholisch und aus Argentinien stammend, nach Rom gekommen wäre, meint ein holländischer Journalist.

Immerhin prägen die Niederländer die Feier auch auf andere Weise. Wieder haben ihre Blumenhändler den Petersplatz geschmückt. Begonnen hatten sie die sonst zu Ostern gepflegte Tradition 1983, als Johannes Paul II. Titus Brandsma seligsprach. Weil der Ordensmann und Journalist sich vehement für wahrhaftige Berichterstattung und schon in den 1930er Jahren gegen die NS-Propaganda eingesetzt hatte, baten Medienvertreter aus den Niederlanden und Belgien Papst Franziskus jüngst darum, ihn zum offiziellen Patron der Journalisten zu ernennen.

In seiner Predigt korrigiert der Papst indes einige gängige Vorstellungen von Heiligkeit. Diese sei oft zu einem Ideal stilisiert worden, "das zu sehr auf uns selbst beruht, auf persönlichem Heldentum". Auf diese Weise sei Heiligkeit ein unerreichbares Ziel geworden, losgelöst vom Alltag. Doch genau dort müsse sie gesucht und gelebt werden. "Jeder und jede ist zur Heiligkeit berufen", erklärte Franziskus – nicht als Kopie, sondern als je eigenes Original.

Für Heiligsprechungen braucht es ein von der Kirche anerkanntes Wunder, erwirkt auf Fürsprache eines Verstorbenen. Mit Blick auf Franziskus' Knieleiden kann von einem Wunder noch keine Rede sein. Zu Beginn war er mit einem Auto bis hinter die Altarbühne gefahren worden. Auch hinkte der Papst stark, als er an den Altar trat. Allerdings feierte er den Eucharistieteil der Messe stehend. Und am Ende ging Franziskus nahezu ohne Hilfe zu anwesenden Geistlichen, um sie einzeln zu begrüßen.

Roland Juchem/KNA

16.05.2022 - Gottesdienst , Heilige , Vatikan