Erinnerungsband in der Augsburger Gesundbrunnenstraße (Sonntag, 28. Juli 2019 12:00:00) / Bistum Augsburg / Katholische Sonntagszeitung

Schweres Schicksal erlitten

Ein Pfarrer, eine Pfarrerin und Rabbiner-Assistenten beteten für die Ermordeten

AUGSBURG – Weil sie eine jüdische Mutter hatte, wurde die fünfjährige Gabriele Schwarz Anfang 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Ihre Mutter, Lotte Eckart, die in der Gesundbrunnenstraße in Augsburg wohnte, war ein Jahr vorher in der Tötungsanstalt Bernburg vergast worden. Zwei weitere Hausbewohner, August Einstein und Anna Schwarz, fielen ebenfalls dem Nazi-Terror zum Opfer. An sie erinnert jetzt ein Erinnerungsband vor dem Haus, das auf Initiative des Allgäuer Filmregisseurs Leo Hiemer aufgestellt wurde.

Hiemer hatte dem Schicksal von Gabriele Schwarz, die als Pflegekind auf einem Bauernhof in Stiefenhofen lebte, schon in seinem Film „Leni … muss fort“ von 1994 nachgespürt. Der Lehrer Albert Eichmeier, der in der Erinnerungsarbeit engagiert ist, hatte Hiemer den Anstoß gegeben, auch im Umfeld des Mädchens weiterzuforschen. Bei der Gedenkfeier mit der Enthüllung des Erinnerungsbands waren für die Israelitische Kultusgemeinde  die Assistenten des Rabbiners, Josef Strzegowski und Marjan Abramovitsch, gekommen. Anwesend war auch ein Vertreter der katholischen Kirche, der Pfarrer Pfarreiengemeinschaft St. Georg/St. Maximilian/St. Simmert, Florian Geis, und der evangelischen Kirche, die Pfarrerin von St. Johannes in Oberhausen, Snewit Aujezdsky. Sie sprachen Gebete. 

Schülerinnen des Stetten-Instituts und der Agnes-Bernauer-Realschule trugen die rekonstruierten Lebensläufe der vier Nazi-Opfer im Haus Gesundbrunnenstraße 3 vor. Anna Schwarz, geboren 1870, die Großmutter von Gabriele, war Kaufmannswitwe und blieb der jüdischen Religion zeitlebens treu. Sie erlebte die Judenverfolgung in ihrem engsten familiären Umfeld mit. Verwandte und Freunde versuchten ab 1934, Deutschland zu verlassen, was nur teilweise gelang. 1938/39 wurde sie enteignet und sollte ihre Wohnung verlassen. Da nahm sie am 20. September 1939 Gift. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof in der Haunstetter Straße beerdigt.

Ihre Tochter, Lotte Eckart, geboren 1904, trat ihrem Mann zuliebe zum Katholizismus über. Der Münchner Erzbischof, Kardinal Michael von Faulhaber, mit dem sie persönlich bekannt war, erteilte eine Ausnahmegenehmigung und unterstützte sie in dem Bemühen, außerhalb von Hitler-Deutschland einen Aufenthaltsort zu finden. Auch der spätere Oberbürgermeister von Augsburg, Ludwig Dreifuß, setzte sich für sie ein, letztlich ohne Erfolg.

August Einstein, geboren 1869, im Jahr 1900 zur protestantischen Konfession übergetreten, weitläufig mit dem Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein verwandt, war Kaufmann und lebte seit 1936 bei seiner Schwägerin Anna Schwarz in der Gesundbrunnenstraße 3. Im Ersten Weltkrieg hatte er für Deutschland gekämpft und war mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet worden. Im Alter war er schwer zuckerkrank. Das Regime verwehrte ihm aber das benötigte Insulin, worauf es ihm zunehmend schlechter ging. Am 8. November 1937 erschoss er sich mit seinem Armee­revolver.

Wie Hiemer sagte, lebten in dem Haus weitere jüdische Nazi-Opfer. Otto Rödelheimer, Daniel Bissinger und Johanna Einstein wurden im Konzentrationslager Piaski ermordet. August Silber starb kurz vor seiner Deportation. Die Familie Neuburger konnte in die USA emigrieren. Aenni Hirsch und ihre Tochter Irmgard durften 1939 nach England ausreisen. Andreas Alt

28.07.2019 - Gedenken , Holocaust