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Im Leben alles verloren

Wolfgang Bernheim fand wenigstens für kurze Zeit im Kloster Geborgenheit

AUGSBURG – „Dass ich einen Vetter habe, der ein Märtyrer ist, daran muss ich mich erst herantasten“, bekennt der Augsburger Michael Bernheim. Erst im „reifen Erwachsenenalter“ habe er überhaupt erfahren, dass es diesen Wolfgang Bernheim, den späteren Benediktinerbruder Paulus, überhaupt gegeben hat. Er ist von den Nazis in einem Arbeitslager umgebracht worden. Am 7. Mai vor 96 Jahren ist er in Augsburg geboren worden.

Erst um das Jahr 2000 herum begann Michael Bernheim, sich mit seinem Onkel Wolfgang zu beschäftigen. Das war, als ihn der Benediktinerpater Franziskus aus Maria Laach in der Hoffnung angeschrieben hatte, Informationen über dessen Onkel zu bekommen. Damals konnte er ihm nicht viel weiterhelfen. Inzwischen weiß Bernheim aber dank der Forschungen des Lehrers Albert Eichmeier von der Agnes-Bernauer-Schule mehr.

„Unsere Väter waren Cousins“, berichtet Michael Bernheim. Sein Großvater Willy war Geschäftsführer einer Pferseer Firma, die Chemieprodukte für die Augsburger Textilindustrie herstellte. Dessen Bruder Kurt, der Vater von Wolfgang dem Märtyrer, war zwar an der Firma beteiligt, arbeitete aber dort nicht. Gegründet worden war das Unternehmen 1888 von Wolfgangs jüdischen Urgroßeltern Isak und Röse Bernheim aus Bad Buchau. „Die Familie war nicht religiös. Sie wollten gute deutsche Bürger sein. In die Synagoge ging man höchstens an hohen Feiertagen“, sagt Michael Bernheim. „Mein Großvater, Wolfgangs Onkel, hat sich im Ersten Weltkrieg als 17-Jähriger unter Vertuschung seines Alters als Freiwilliger zum Wehrdienst gemeldet“, erzählt er.

Ende des Wohlstands

„Dass sie Juden waren, haben die Bernheims wohl erst 1933 richtig erlebt“, denkt der katholische Nachfahre. Willy und Kurt, der Vater des Märtyers, seien von leitenden Angestellten denunziert worden und hätten ihre Firma nach einem Schauprozess an die Denunzianten verloren. Das muss für die beiden Cousins, Wolfgang und Willy, die zu diesem Zeitpunkt beide zehn Jahre alt waren, ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, denn die Sicherheit und der Wohlstand fanden ein jähes Ende.

Eine entscheidende Wendung hat  Wolfgangs Leben aber schon 1928 genommen, denn da meldete Kurt Bernheim sich und seinen Sohn von der Israelitischen Kultusgemeinde ab und ließ ihn noch am selben Tag in der Pfarrei Herz Jesu taufen. 1930 ließ sich auch der  Vater taufen und sich mit einer Katholikin kirchlich trauen, nachdem die Ehe mit Wolfgangs Mutter schon einige Jahre zuvor gescheitert war. Ab 1933  besuchte Wolfgang das Benediktinergymnasium St. Stephan in Augsburg, wo er auch gefirmt wurde. Von 1937 an wohnte er im Internat, weil der Vater mit seiner zweiten Frau nach München gezogen war. Michael Bernheim vermutet, dass die Familie gehofft hat, durch den Umzug in die Landeshauptstadt mit dem Druck der Nazis besser fertigwerden zu können.

1938, Wolfgang war gerade 15, war wieder ein entscheidendes Schicksalsjahr. Wolfgangs Vater musste Hals über Kopf nach Zürich fliehen, und sein Sohn musste das Gymnasium St. Stephan verlassen, weil nach einer Anordnung aus Berlin Schüler aus jüdischen Familien keine deutschen Schulen mehr besuchen durften. „Das muss eine Katastrophe gewesen sein“, vermutet Michael Bernheim. Denn er weiß von seinem Vater, ebenfalls Schüler von St. Stephan, dass dort Schüler mit jüdischem Hintergrund „gut und wohlwollend“ behandelt worden sind. Es muss für jüdische Schüler „eine Art sicherer Hafen“ gewesen sein, urteilt Michael Bernheim. 

„Ich gehe davon aus, dass in St. Stephan Wolfgangs Entschluss gereift ist, ins Kloster zu gehen.“ Er sieht die Entscheidung seines Onkels auch als Auswirkung „einer großen Bewegung hin zur katholischen Kirche in den 1920-er Jahren, wie sie Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz in ihrer Biografie über Edith Stein beschreibt. Viele Intellektuelle, Atheisten, Juden und auch Protestanten hätten nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs eine neue geistige Heimat gesucht.

Michael Bernheim vergleicht die Situation seines Onkels „mit der eines jugendlichen Flüchtlings aus Syrien unserer Tage“. Einige Monate konnte sich noch Wolfgangs Stiefmutter in München um ihn kümmern, dann schlug er sich zu seiner leiblichen Mutter nach Köln durch. Von dort machte er sich Anfang 1940 auf den Weg ins niederländische Benediktinerkloster Benedictusberg direkt an der Grenze vor den Toren Aachens. Hier legte er das Abitur ab, wurde 1941 Novize und bekam den Klosternamen Frater Paulus.

Opfer für das Kloster

Aber auch auf dem Benedictusberg war Wolfgang nicht sicher. Getaufte Juden wie er wurden von den deutschen Besatzern aufgefordert, sich an einen Sammelpunkt zu begeben. Dies war eine Racheaktion gegen die Kirche, die gegen die Deportation niederländischer Juden protestiert hatte. Sein Mit­novize Jos Niessen, der Beziehungen zum niederländischen Untergrund hatte, drängte Frater Paulus, sich durch Mitglieder des Widerstands in die Schweiz zu seinem Vater bringen zu lassen. Der damalige Abt des Klosters hatte Angst vor Vergeltungsmaßnahmen der Nazis und forderte den jungen Frater auf, sich für das Kloster zu opfern. Michael Bernheim sieht hier eine Parallele zu Edith Stein. Der Mitnovize begleitete Frater Paulus zum Sammelplatz und versuchte ihn zu überzeugen, dies sei seine letzte Chance. Später berichtete Niessen, beide seien sehr bewegt gewesen. Frater Paulus habe geweint, sein Entschluss sei jedoch unabänderlich gewesen. 

Er wurde mit anderen Menschen nach Westerborg gebracht und von dort in ein Zwangsarbeitslager nach Sakrau/Oberschlesien verschleppt, wo seine Arbeitskraft ausgebeutet wurde. Dort starb er im Herbst 1942. „Im Laufe seines kurzen Lebens“, resümiert Michael Bernheim, „hat er nach und nach alles verloren: seine Mutter, die materielle Sicherheit der Familie, seinen Vater, die Geborgenheit in St. Stephan und die letzte irdische Heimat in der Klostergemeinschaft St. Benedictusberg und schließlich mit 19 Jahren sein Leben.“

Letztes Jahr im Mai wurde auf dem Stephansplatz das Erinnerungsband, eine Augsburger Variante der Stolpersteine, aufgestellt. Dazu kamen Verwandte aus der Schweiz und den USA. Die Stimmung war „nicht traurig, eher gelöst“, erinnert sich Michael Bernheim. Es war eine „innige, intensive Veranstaltung“. Man sei dankbar gewesen, Wolfgang so ehren zu können. Gerhard Buck