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Rituale neu interpretiert

Ungewöhnliche Osterkerze

RIEDBERG – Mit einer besonderen spirituellen Aktion haben die Pallottiner in der Fastenzeit zum Mitmachen aufgerufen: Jeder war eingeladen, seine persönlichen Gedanken zu Schuld in einem Stück Wachs nach Friedberg zu schicken. Aus einer großen Fülle dieser Symbole ist nun eine außergewöhnliche Osterkerze entstanden, die für Vergebung steht und Erlösung erfahrbar macht. 

Über Wochen hinweg stapelten sich Briefe und Päckchen bei den Pallottinern in Friedberg, gefüllt mit Briefen, Karten und unzähligen Wachsstücken – alle unter dem Stichwort „Licht werden“. Pater Markus Hau hatte Christen und Freunde der pallottinischen Familie aufgefordert, eben dieses zu tun: sich in der persönlichen Vorbereitung auf Ostern Gedanken zu Schuld, Dunklem, Zerbrochenem oder Erlebtem zu machen und diese symbolisch mit einem Stück Wachs abzugeben. 

Alle zusammen sollten Teil der neuen Osterkerze werden und damit zum Licht und zum Zeichen für Erlösung in Christus. Hinter dieser Aktion steht das Projekt „Mensch-Gott-Schnittstellen“ des Katholischen Bildungswerks Bonn, das von Studierenden des Studiengangs Industrial Design der Universität Wuppertal realisiert wurde. Diese hatten sich dafür mit traditionellen kirchlichen Ritualen auseinandergesetzt und sie nach den Regeln des Produktdesigns überarbeitet 

Ziel war es, abstrakte Glaubensinhalte wie Buße oder Gebet auch für kirchlich Ungebundene verständlich und sinnlich erlebbar zu machen. „Wir wollten nicht nur renovieren, nicht nur die Oberfläche neugestalten“, berichtet Professor Fabian Hemmert, der das Projekt an der Hochschule leitete. „Wir wollten auch nicht revolutionieren, aber dazwischen eben Innovation betreiben und die bestehenden Rituale und Werte ins 21. Jahrhundert bringen.“ 

Dass Missionssekretär Markus Hau von dieser Idee begeistert war, als er davon im Deutschlandfunk hörte, überrascht keineswegs, sondern passt zur Denkweise der Pallottiner. Mit dem Rückhalt der Provinzleitung und des Rektors stieß er die Aktion in Friedberg umgehend an und lud die Menschen über die Medien zum Mitmachen ein. Auch die Katholische SonntagsZeitung berichtete darüber. 

„Die Grunderfahrung von Ostern, dass Jesus Schweres, Dunkles und Schuld durch das Kreuz und den Tod hindurch wegnimmt – diese Erlösung wird erfahrbar“, erklärt der Geistliche. Seine Motivation, gemeinsam die Schuld zusammenzulegen und miteinander Licht zu werden, hat ganz offensichtlich sehr viele Menschen überzeugt. Er freut sich sehr über das immense Echo. Jeden Tag erreichten ihn Dutzende Briefe und Päckchen, auch die eigens aufgestellte Schale in der Friedberger Pallottikirche füllte sich beständig. „Berührend“ seien viele der Anliegen gewesen, die ihm auf diesem Weg zugetragen wurden, berichtet Pater Markus Hau. „Die Leute beten für ihre Familie, für Erkrankte oder ihre Freunde, manche beschreiben ihre Lebensgeschichte oder ihre Sehnsucht nach einem gemeinsamen Gottesdienst.“ 

Bewegende Erlebnisse

Manches ist der Corona-Pandemie geschuldet und manche Briefe zeugen wirklich von ganz Schwerem, wenn etwa jemand schreibt, dass das Leben nicht mehr zu ertragen sei. Dann fühlt sich der Seelsorger auch zum persönlichen Gespräch berufen. Aber auch von schönen, bewegenden Erlebnissen berichtet er, wenn etwa eine Seniorin ihre Hochzeitskerze mit all den Erinnerungen an das Leben und die Liebe in die Hände der Pallottiner gibt, um Teil des Lichts statt irgendwann einfach entsorgt zu werden. 

Diese zahlreichen Symbole in einer Osterkerze zusammenzuführen, wurde schließlich noch zur technischen Herausforderung. Keine Unterstützung fand der Geistliche bei den Wachshöfen in der Region. Sie wollten sich auf ein solches Experiment nicht einlassen. Dafür zeigte sich die Friedberger Künstlerin Isolde Heumann umso offener dafür, dieses besondere Projekt kreativ und durchaus risikofreudig mit dem Pater umzusetzen. Der Probelauf, bei dem die beiden die klein geschnittenen Wachsstücke in ein gefettetes Rohr schichteten und mit Flüssigwachs vorsichtig auffüllten, erwies sich als Abenteuer, als das Wachs an vielen Seiten herauslief. Pater Markus Hau erkennt spätestens hier das „ambitionierte Unterfangen“, lässt sich aber nicht entmutigen. 

So klappt es beim nächsten Anlauf dann auch richtig gut. „Die einzelnen Wachsstücke sind zu einer Kerze zusammengewachsen, bei der jedes einzelne Symbol für Schuld sichtbar bleibt und für Erlösung miteinander steht“, berichtet der Missionssekretär begeistert. In der Feier der Osternacht wird diese besondere Kerze in der Friedberger Pallottikirche entzündet. Darin werden sich sehr viele Menschen – auch und vielleicht sogar gerade in Coronazeiten – spirituell wiederfinden. Dagmar Weindl

02.04.2021 - Ostern