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Faschingssendung "Mainz bleibt Mainz"

"Obermessdiener" sorgt mit AfD-Kritik in TV-Sitzung für Furore

Mit seinem AfD-kritischen Auftritt als „Obermessdiener“ in der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ hat er für Furore gesorgt: Sitzungspräsident Andreas Schmitt erhielt für seine Büttenrede in rot-weißem Kirchengewand ungewöhnlich viel Lob im Netz, aber auch kritische und böse Kommentare. Auf Twitter sah ein Nutzer in der engagierten Reimrede ein Argument dafür, „warum es vielleicht doch keine schlechte Idee war, trotz des Terrors in Hanau an Karnevalsveranstaltungen festzuhalten“.

Wie seit Jahren üblich stieg Schmitt als „Obermessdiener am Hohen Dom zu Mainz“ in die Bütt und knöpfte sich mit aktuellem Bezug zu Hanau insbesondere die AfD vor. In Anwesenheit des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf sagte er unter anderem: „Die Morde von Hanau, die Schüsse auf die Synagoge in Halle - ob Juden, Christen, Muslime, das war ein Angriff auf alle. Wir leben hier zusammen, die Demokratie wird triumphieren; dieses Land werdet ihr niemals regieren.“ Im Saal erhielt er minutenlangen Beifall und stehende Ovationen nach seiner Rede.

Schmitt arbeitet als EDV-Experte für das Bistum Mainz und ist Vize-Chef der SPD-Fraktion im Stadtrat von Nieder-Olm bei Mainz. Vor zwei Jahren erhielt er nach einem ähnlichen Auftritt anonyme Drohungen und Beleidigungen. Bei der aktuellen Sitzung machte er seinem Ärger Luft, wurde immer erzürnter, schlug wiederholt mit der Hand auf die Bütt - und sagte dann wörtlich: „Solltet ihr für jedes Naziopfer eine Schweigeminute gestalte, müsstet ihr 38 Jahr' lang eure Schandmäuler halte. Es war millionenfacher Völkermord, ihr braunen Wichte, und kein Vogelschiss der deutschen Geschichte.“

Im Netz sprudelte schon unmittelbar nach dem Auftritt das Lob - etwa: „Ein karnevalistisches Schwergewicht. Er schafft es, Haltung in der Fastnacht zu zeigen. Sehr gute Rede!“ Sowie „großes Kino!“ oder „Narrenmund tut Wahrheit kund“. Eine Nutzerin jenseits des Helau-Äuquators twitterte: „Da ich mich ja eher zu den Nordlichtern unter den Ossis zähle, hab ich es auch nicht so mit Fasching und so Zeugs, aber das hier ist echt bemerkenswert“.

Auch Prominente wie Jan Böhmermann teilten den Clip mit Schmitts Rede. Der Kabarettist und Autor Micky Beisenherz schrieb auf Twitter: „Wie absolut verrückt diese Zeiten sind, erkenne ich daran, dass ich plötzlich anfange, Büttenreden zu teilen.“ Youtuber Rezo kommentierte: „Wenn die Lines an Karneval mehr hitten als die Lines der halben Deutschrap-Szene. Nicer Typ.“

Natürlich sorgte Schmitts Auftritt als Oberministrant aber auch für kritische Reaktionen. „Mein Gott, ist das peinlich!“, schrieb ein Leser; „... und dazu die holprigen Reime“. Andere monierten auf Twitter: „Ein Fetter Pastor labbert und verhöhnt dadurch die opfer“ (sic!) oder „Das ist Agitation keine Fastnacht“. Und der Berliner AfD-Abgeordnete Gunnar Lindemann schrieb von „Hetzen auf Kosten der Zwangsgebührenzahler“.

Bischof Kohlgraf ging am Sonntag bei einem Fastachtsgottesdienst im vollbesetzten Mainzer Dom zwar nicht direkt auf Schmitts Rede ein, schlug aber in eine ähnliche Kerbe: Die Aktiven in Fastnacht, Fasching und Karneval müssten wichtige „Akteure gegen den Hass“ sein. „Wir spüren, dass wir in einer Welt leben, in der Hass gegen andere zunehmend gesellschaftsfähig wird. Das dürfen wir nicht hinnehmen“, sagte er in seiner Predigt: „Es kann nicht sein, dass wir Fassenacht feiern, schunkeln, uns umarmen und feiern und uns daran gewöhnen, dass in unserer Gesellschaft Menschen verächtlich gemacht werden, dass Hass und Gewalt nicht nur die Sprache beherrschen, sondern zunehmend auch zur Tat werden.“

KNA