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Ökumenische Augsburger Hochschulgottesdienste im Wintersemester 2021/22 – Themenreihe „Austreten“ von Bischof Bertram Meier

„Warum bleiben, wenn die Kirche zum Davonlaufen ist?“

Lesung: 1 Petr 2,4-9
(„Lasst euch als lebendigeSteine zu einem geistigen Hausaufbauen“)

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Liebe Schwestern und Brüder,

„Warum bleiben, wenn die Kirche zum Davonlaufen ist?“ Das fragen heute viele – auch treue Christinnen und Christen, die der Kirche verbunden sind. Vor einem Jahr wurden bei einem Podcast der AZ der evangelische Regionalbischof Axel Piper und ich ganz unverhohlen gefragt, ob es die Kirche denn überhaupt noch braucht. Welche Existenzberechtigung hat eine Institution, die sich in den Augen vieler selbst abgeschafft hat? Wir machen Schlagzeilen, aber negative. Finanzskandale, Missbrauchsfälle, sexualisierte Gewalt und andere Missstände haben unsere Glaubwürdigkeit nachhaltig erschüttert. Die Folge bei vielen: Wut und Entfremdung. Seit Jahren verzeichnen die beiden großen Kirchen Rekordwerte bei den Austrittszahlen. Manchen erscheint die Kirche als Schiff im hohen Wellengang: Die Kirchentitanic geht unter! War’s das? Ende der Fahnenstange? Mission gescheitert? Sie werden nicht überrascht sein, wenn ich anderer Meinung bin: Trotz aller Fehler, ja Verbrechen in der Kirche ist es ein Segen, dass es Kirche(n) gibt und warum es sie auch zukünftig braucht. Zuerst möchte ich darlegen, was wir eigentlich meinen, wenn wir von „der Kirche“ sprechen.

Ecclesia semper reformanda: Erneuerung als Dauerauftrag

Die Bibel bietet viele Bilder von Kirche, z.B. „Tempel des Heiligen Geistes“ (vgl. 1 Kor 3,16), und mystischer „Leib Christi“ (vgl. 1 Kor 12,13). Im ersten Petrusbrief steht: Die Kirche besteht aus „lebendigen Steinen“ (1 Petr 2,5), somit aus Menschen, die sich zu Christus bekennen, seinen Ruf „Folgt mir nach!“ (Mk 1,17) hören und seinen Spuren folgen wollen. Kirche ist also nicht nur der Papst, die Bischöfe und Priester, sondern alle, die an Christus glauben. Das II. Vatikanische Konzil griff ein Bild des Augustinus auf: Kirche sei das „Volk Gottes“, das zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes als Pilger dahinschreitet und Kreuz und Tod des Herrn verkündet, bis er wiederkommt (vgl. LG 8). Allen Umschreibungen ist eines gemeinsam: Kirche ist keine starre Größe, sondern stets dynamisch, eine lebendige Gemeinschaft von gläubigen Menschen unterwegs durch die Zeit und somit vor immer neue Herausforderungen gestellt. Die vielen geistigen, politischen und gesellschaftlichen Umbrüche riefen stets kirchliche Reaktionen hervor; so steht die Kirche als Glaubensgemeinschaft, die im Lauf der Zeit zu einer weltweiten Institution heranwuchs, von jeher im Spannungsverhältnis zwischen „Kontinuität“ und „Wandel“, zwischen „Bewahren“ und „Erneuern“. Immer muss sie sich die Frage stellen: Wie kann das Evangelium Jesu Christi in die jeweilige Zeit übertragen werden? Wie kann Kirche der Botschaft des Herrn treu bleiben und zugleich angemessen auf die Erwartungen und Bestrebungen der jeweiligen Generation reagieren (vgl. GS 4)? Diese Frage hat das Zeug zur Zerreißprobe. Das erleben wir gerade beim „Synodalen Weg“. Während den einen die Reformprozesse nicht schnell genug gehen, fürchten die anderen den Verlust des katholischen Profils: Es ist sogar von einer zweiten evangelischen Kirche in Deutschland die Rede. Einerseits zeigt es, dass die Kirche lebt und Leute sich mit ihr auseinandersetzen. Zum anderen spüren wir, dass die Einheit auf der Kippe steht. Die Kirche ist über sich selbst eingeschlafen, sie ist träge geworden und satt: müde Masse ohne Esprit, schwerfälliger Tanker mit einer Vielzahl an Immobilien und einem riesigen Verwaltungsapparat im Schlepptau. Wo ist der Schwung geblieben, mit dem die Jünger einst Jesus gefolgt sind? Was wurde aus dem Feuer der Begeisterung, mit dem die Apostel an den Start gingen? Diesen Fragen müssen wir uns ehrlich stellen, wenn Kirche zukunftsfähig sein will, anstatt egozentrisch um sich selbst zu kreisen und irgendwann als „trauriger Rest“ zu verkümmern. Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss sich erneuern, um ihren Auftrag zu erfüllen, „allumfassendes Heilssakrament“ (LG 48) in der Welt zu sein! So darf ich nun einige Punkte benennen, die helfen können, das „Schiff“ Kirche wieder seetüchtig zu machen.

Mein Kirchentraum: Aufbruch!

„I have a dream“: So umschrieb der Bürgerrechtlicher Martin Luther King seine Zukunftsvision für die Vereinigten Staaten von Amerika; es ging um die Gleichstellung der Afroamerikaner. „I have a dream“: Fast die gleichen Worte verwendete Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium, in dem er bereits im Jahr 2013 von einer „unaufschiebbaren kirchlichen Erneuerung“ (EG 27) sprach: „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung [der Kirche], die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt.“ (EG 27) Papst Franziskus greift hier das alte Bild des „wandernden Gottesvolkes“ auf und träumt von einer Kirche in Bewegung. Die Kirche muss raus! Hin zu den Menschen, besonders zu denen am Rande der Gesellschaft, um Gottes Liebe in Wort und Tat zu bezeugen. Die Krankheit der Kirche lag demnach in den letzten Jahren vor allem in ihrer Bequemlichkeit und Verschlossenheit. Zu oft haben wir uns hinter Gewohnheiten und Strukturen versteckt, die eine falsche Sicherheit vorgaukelten. Diese Haltung gilt es nun aufzubrechen und die Segel neu zu setzen, jede Krise ist auch eine Chance. 

Das heißt aber nicht, das „Schiff der Kirche“ durch eine bessere „Motorisierung“ im Sinne einer gesteigerten Zahl an Veranstaltungen und Events retten zu wollen. Erhöhte Betriebsamkeit und blinder Aktionismus würden das Problem nur vertiefen. Die Menschen von heute wollen etwas ‚sehen‘ von unserem Glauben. Sie wollen ‚sehen‘, ob wir das leben, was wir lehren. Sie wollen ‚sehen‘, wie es bestellt ist um das große Wort der Liebe, das wir als ChristInnen so gern im Mund führen. Sie wollen ‚sehen‘, ob wir glaubwürdig sind. Mindestens so wichtig wie die Rechtgläubigkeit ist die Glaubwürdigkeit. Die Berufung der Kirche liegt demnach darin, in den Stürmen des Lebens eine Arche zu sein, deren Tore weit offenstehen, wo Menschen Wärme und Geborgenheit finden, gerade auch diejenigen, deren Leben anders ist als es unsere Normen vorschreiben oder deren Biographien Brüche aufweisen. 

Nun ist es nicht so, dass Kirche all diese Punkte in den letzten Jahren gänzlich übersehen oder etwa vergessen hätte. Sehr viele Christinnen und Christen, Kleriker wie Laien, versuchen jeden Tag, genau das zu leben. Daher will ich Ihnen nun einige kurze Gedanken mit auf den Weg geben, von denen ich glaube, dass sie eine gute Antwort geben können auf die Frage „Warum bleiben, wenn die Kirche zum Davonrennen ist?“. 

Warum braucht es die Kirche?

1. Kirche ist eine Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung (GmbH)

Zunächst am wichtigsten: Die Kirche ist gegründet auf Jesus Christus, den Sohn Gottes. In ihm findet sie ihren Sinn und ihre Hoffnung, denn er hat uns das innerste Wesen Gottes offenbart: Liebe. Seit ihrem „Geburtstag“ an Pfingsten vor zweitausend Jahren, verkündet die Kirche die frohe Botschaft der Liebe Gottes zu allen Menschen und zu seiner Schöpfung. Der Glaube, dass es einen Gott gibt, der uns nicht nur erschaffen hat, sondern der uns als seine Kinder ansieht und ausnahmslos liebt, spendet seit Jahrhunderten den Traurigen Trost, ermutigt die Ängstlichen und stärkt die Schwachen. Menschen finden eine Perspektive in ihrem Leben und können auch Leid und Not dieser Welt besser ertragen. Dabei beschränkt sich die Hoffnung auf einen liebenden Gott nicht nur auf dieses Leben, sondern weit darüber hinaus. Als Gläubige haben wir die Gewissheit, dass unser Name auf ewig in Gottes Hand eingeschrieben steht (vgl. Jes 49,15f). So ist Kirche kein Verein wie jeder andere, sondern eine „GmbH Gottes“, eine „Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung“, die sehr vielen Menschen täglich Halt gibt.

2. Kirchen sind Wohnung Gottes

Wenn Menschen die Gegenwart Gottes spüren wollen, suchen sie dafür oft bestimmte Orte auf. Gerade in einer Zeit wie heute, die geprägt ist von Hektik und Lärm, ist es gut Räume der Ruhe und Besinnung zu haben, in denen Menschen zu sich und zu Gott finden können. Kirchenräume bieten solche Rückzugsorte, die so notwendig sind, um der Geschäftigkeit des Alltags zumindest für eine kurze Zeit zu entfliehen. (hierher auch Punkt 10. Kulturschmiede)

3. Kirchliche Gemeinschaft ist eine Begleiterin im Leben

Kirche bietet aber nicht nur Räume, sie begleitet die Menschen ihr ganzes Leben lang, von der Taufe angefangen bis zum Tod. In Christus spendet sie den Gläubigen die heiligen Sakramente, um sie zu stärken im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Hauptberufliche Seelsorgerinnen und Seelsorger, Priester und Diakone, stehen Menschen bei geistlichen Suchprozessen zur Seite und sehen ihre Berufung darin, für andere da zu sein. Gleichzeitig setzt sich Kirche dafür ein, dass nicht nur der Sonntag als Feiertag beibehalten wird. Das Kirchenjahr mit seinen Festen und Gottesdiensten greift die großen Themen des Lebens auf. Im Hören auf das Wort Gottes und die jeweiligen Auslegungen bzw. geistlichen Impulse gewinnen Menschen Orientierung und Sinn. Daher ist die Kirche existenzrelevant.

4. Kirche ist eine Wertegemeinschaft

Diesbezüglich bietet die Heilige Schrift uns geradezu ein Lehrbuch des Lebens. Hierin finden sich nahezu alle menschlichen Charakterzüge und Verhaltensweisen. An konkreten Beispielen werden Folgen unterschiedlichen Handelns aufgezeigt und aus der Sicht des Glaubens gedeutet. Daraus können Werte und Maßstäbe für ein verantwortungsbewusstes Leben gewonnen werden. Für uns Christen ist dabei das Vorbild Jesu maßgeblich, der uns Wege eines friedlichen Zusammenlebens gezeigt hat, wo Menschen im Andern den Nächsten erkennen, einander lieben und sich gegenseitig unterstützen. Mit Recht erinnern heute viele daran, dass die Allgemeinen Menschenrechte doch aus dem Geist Jesu entstanden sind und deshalb auch in der Kirche verwirklicht werden sollten. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit muss uns umtreiben und nach Wegen suchen lassen, das Evangelium immer besser zu leben.   

5. Ich will Euch segnen und ihr sollt ein Segen sein  

Unser Arbeitsleben ist von hohem Leistungsdruck und Gewinnstreben geprägt, das beginnt schon im Kindergarten, und Sie als Studierende bzw. Lehrende wissen, wie unerbittlich das System, dem wir uns unterworfen haben, sein kann. Wachstum, Effizienz und Profit stehen an erster Stelle. Der Betrieb muss „laufen“, Menschen müssen „funktionieren“. Die christliche Botschaft ist eine andere. Leben ist in erster Linie Geschenk Gottes: er hat die Welt erschaffen und alle Geschöpfe gesegnet. Wir dürfen diese grenzenlose Liebe empfangen, ohne vorher etwas leisten zu müssen. Diesen Segen spricht die Kirche allen Menschen zu, die darum bitten, und ermutigt sie daran zu glauben, dass ihr unschätzbarer Wert allein darin liegt, geliebtes Geschöpf Gottes zu sein. Amor, ergo sum. Ich bin geliebt, also bin ich!

6. Talentschuppen 

Gott hat den Menschen aber noch viel mehr geschenkt. Schon vor einiger Zeit ist mir dazu das Bild vom Talentschuppen eingefallen. Kann es eine schönere Vorstellung geben, als dass unsere Kirche ein Ort ist, wo es wimmelt von flinken Händen, von schlauen Köpfen und noch mehr von wachen und phantasievollen Herzen, wo Leute ihre Gaben und Talente, ihre Fähigkeiten und Charismen einbringen können zum Aufbau einer Gemeinde, wo alle willkommen sind? Nicht nur in der Firmvorbereitung ruft die Kirche den Gläubigen zu: Gott gibt jedem Menschen etwas mit (vgl. 1 Kor 12,7-11; Röm 12,6-8). Kirche ist somit der Ort, an dem wir uns einander helfen können, unsere Talente zu entdecken, zu heben und zu verdoppeln. 

7. Kirche ist parteiisch: Option für die Armen

Gerade denen, die durch die Ritzen der Leistungsgesellschaft fallen, muss die Sorge der Kirche gelten. Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. (Bischof Jacques Gaillot) Nehmen wir das Beispiel des barmherzigen Samariters (Lk 10,25-37). Jesus selbst suchte ganz gezielt Kranke und Schwache auf, um ihnen zu helfen und sie die besondere Nähe Gottes spüren zu lassen (vgl. Mk 1, 29ff; Mk 5, 35ff). Daher ist es der Kirche ins Stammbuch geschrieben, den Benachteiligten vor Ort, aber auch in anderen Ländern zur Hilfe zu kommen und sie tut dies auf vielerlei Weise (Stichwort Caritas/Hilfswerke etc.).

8. Begegnungszentrum

Noch etwas bietet die Kirche als Gemeinschaft der offenen Türen. Sie hält Angebote für alle Altersstufen vor: Kinder, Jugendliche und Erwachsene können sich in Gruppen oder bei Veranstaltungen treffen und austauschen. Damit leistet Kirche nicht nur etwas für den Zusammenhalt innerhalb der Kirchengemeinde, sondern trägt auch wesentlich dazu bei, dass Leute zueinander finden und nicht vereinsamen. Kirche und Kommune brauchen einander. 

9. Versöhnungsort

Wir Menschen hätten es gerne „ideal.“ Doch wir müssen ehrlich bleiben: Kirche ist immer simul iusta et peccatrix (vgl. Martin Luther), eine Kirche von Sündern, von Menschen, die sich bewusstmachen (müssen), dass sie hinter dem Ideal zurückbleiben, sich in Schuld verstricken und abstürzen können. Jesu Wort: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mk 2, 17) ist stets aktuell, besonders jetzt. Jesus selbst suchte bewusst den Kontakt zu Sündern, nicht zu den vermeintlich Gerechten, den Reichen und Schönen. Der Umgang mit eigener und fremder Schuld ist zentrales Kennzeichen echter Umkehr. Krokodilstränen allein machen keine Umkehr aus; es müssen ehrliche Reue und Besserung folgen. 

10. Kulturschmiede 

Als letzten Punkt möchte ich noch daran erinnern, welch prägende Kraft kirchliche Bauwerke, Kunst und Musik seit Jahrhunderten für unsere Kultur haben. In der Auseinandersetzung mit dem Glauben haben Architekten, Maler, Bildhauer und Komponisten Werke geschaffen, die weit über den binnenkirchlichen Raum hinaus Strahlkraft haben. Darüber hinaus bietet Kirche ein breites Bildungsangebot. Damit trage ich sicher Eulen nach Athen – bei einer Veranstaltung der Hochschulgemeinde.

Nach diesen zehn Punkten, warum wir doch vielleicht bleiben sollten, selbst wenn es in der Kirche gerade zum Davonlaufen ist, ziehe ich folgendes Fazit: 2000 Jahre Kirchengeschichte kennt Aufbrüche und Niedergänge, Highlights, Krisen und Skandale. Auch die Sünde gehört in die DNA der Kirche. In ihr tummeln sich Heuchler, Lügner und sogar Verbrecher; aber auch Lichtgestalten, die sich an die Ränder wagen. Zum Teil sind sie meilenweit gegangen, nicht für eine Camel Filter, sondern um Menschen in den Straßengräben des Lebens zu suchen und aus dem Schlamassel zu ziehen: überzeugende Christinnen und Christen, wirkliche Heilige.

Vor ihnen hatte auch ein durchaus kirchenkritischer Geist Achtung und Respekt: Die Rede ist vom Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (1917-1985). Weggefährten und Freunde erinnern sich an Böll als politischen Menschen, als Mann der Einmischung. Was dabei schnell unter den Tisch fällt, ist sein christlicher Glaube, den ihm sein katholisches Elternhaus in die Wiege gelegt hat. Auch wenn er 1976 doch aus der Kirche ausgetreten ist, gab Heinrich Böll in dem vom Erzkirchenkritiker Karlheinz Deschner herausgegebenen Buch „Was halten Sie vom Christentum?“ (1957) folgendes merk-würdiges Statement ab: „Ich überlasse es jedem Einzelnen, sich den Albtraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder eine Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: Den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich glaube, dass Millionen Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern könnten, und ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte.“

Ein starkes Zeugnis eines kirchenkritischen Menschen. Freilich: Heinrich Böll hat die äußerlich verfasste Kirche verlassen. „Ich bin aus der Körperschaft der katholischen Kirche ausgetreten“, wird er zitiert, „aber nicht aus dem Körper Christi“, dem Leib des Herrn. Professor Ralf Schnell, ein Böll-Experte, wagt die Behauptung: „Heinrich Böll glaubte an die franziskanische Utopie, an die von Jesus geforderte Solidarität mit den Armen und Schwachen.“ In Köln war der Literaturnobelpreisträger dabei, als das Politische Nachtgebet ökumenisch ins Leben gerufen wurde. Ob Heinrich Böll heute ausgetreten wäre? Vielleicht wäre er gerade heute geblieben, obwohl die Kirche für viele zum Davonlaufen ist.

08.02.2022 - Predigt