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Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier bei der Chrisammesse am Karmittwoch 2022

Das Sein kommt vor dem Tun: „Ihr seid Christi Wohlgeruch“. (2 Kor 2,15)

Die Regel des hl. Benedikt gehört zu den großen Büchern des Abendlandes. Sie hat nicht nur das Leben vieler Generationen von Ordensleuten bis heute bestimmt; sie zählt auch zu den Stempeln, die der Kultur des christlichen Abendlandes eingeprägt wurden. Die Benediktsregel beginnt mit einem Prolog, und darin steht der Satz: „Lasst uns endlich aufstehen, die Schrift weckt uns“.

Es gibt Stunden, in denen dieses „Erweckungswort“ besonders eindringlich an unser Ohr und vor allem in unser Herz dringen will: “Lasst uns aufstehen; die Schrift weckt uns“. Eine solche Stunde ist heute am Karmittwoch, dem Prolog der drei österlichen Tage vom Leiden, Sterben und von der Auferstehung Jesu Christi. Schön, dass so viele Priester (und Diakone) unseren Dom füllen. Alle und jeden einzelnen heiße ich willkommen in der „sakramentalen Bruderschaft“, wie das Zweite Vatikanische Konzil das Presbyterium eines Bistums nennt (vgl. Presbyterorum ordinis, 8): ein sprechendes Zeichen der Verbundenheit mit dem Herzen der Diözese. Denn nicht wenige von Euch haben sich heute Morgen schon sehr früh auf den Weg gemacht, um die Chrisammesse mitzufeiern, ihr Treueversprechen zu erneuern und die Begegnung mit mir und den Mitbrüdern zu suchen. Auf diese Weise habt Ihr die Einladung aus der Benediktsregel schon ganz handgreiflich umgesetzt: „Lasst uns endlich aufstehen; die Schrift weckt uns und sagt: Die Stunde ist gekommen, vom Schlaf aufzustehen“.

Liebe Brüder! Würden wir jedoch bei dieser wörtlichen Anwendung des Wortes aus der Benediktsregel stehen bleiben, dann hätten wir nur an der Oberfläche gekratzt. „Die Stunde ist gekommen, vom Schlaf aufzustehen“, bedeutet mehr als: Morgenstund’ hat Gold im Mund. Es geht darum, einen neuen Anfang zu setzen, sich „aufzumachen“ im doppelten Sinn des Wortes: sich zu öffnen für die Schrift, die uns wecken will, und aufzubrechen nach dem Neuland, das es unter den Pflug zu nehmen gilt. „Es ist Zeit aufzustehen.“ Corona läuft – hoffentlich – langsam, aber sicher aus. Ich danke allen, die in den vergangenen zwei Jahren nicht geschlafen haben, sondern wach geblieben sind mit der Frage: Wie können wir Jesus und seinem Evangelium Kanäle öffnen zu den Menschen, die mehr brauchen als nur innerkirchliche Debatten um Strukturen, die ein Wort des Trostes und der Ermutigung wünschen, die hungern nach dem Brot des Lebens, das nicht altbacken wird und Wegproviant ist für das Ewige Leben? Vergelt’s Gott für Euren Einsatz! Die Stunden, die Ihr dafür investiert, sind nicht umsonst. Der Herr, in dessen Dienst wir gemeinsam stehen, weiß darum. Und allen, die sich vielleicht doch haben hinreißen lassen, ein Nickerchen zu machen, ermutige ich: „Steht auf! Der Herr braucht euch!“ Gerade jetzt, wenn das öffentlich-kirchliche Leben wiedererwacht und wir auch gesellschaftlich gefordert werden, wünsche ich uns als Kirche, dass wir uns aus dem Dornröschenschlaf wachküssen lassen. Ich kenne den Prinzen, der das gern tun. Jesus Christus ist der „Prinz“, der will, dass die Kirche neu auflebt. 

So ist die Erneuerung der Weiheversprechen keine Pflichtübung, sondern eine Liebeserklärung an den, dem wir unsere Berufung verdanken. Mir kommt das tröstende Wort aus dem Alten Testament in den Sinn, mit dem Jahwe sein müde gewordenes und deprimiertes Volk aufrichtete: „Ich werde an die Liebe deiner Brautzeit denken“ (Jer 2,2). Diesen Zuspruch schenkt der Herr uns, jedem einzelnen persönlich, wenn wir unser „Adsum“, „Ich bin bereit“, voreinander und miteinander erneuern. Ist es nicht ermutigend, wenn aus dem „Adsum“ ein „Adsumus“ wird, aus dem einsamen Solisten ein mächtiger Chor, aus dem Einzelkämpfer auf verlorenem Posten ein Team mit einem gemeinsamen Ziel? Baut es nicht auf, dass wir gerade heute bei der Chrisammesse hautnah spüren dürfen: Ich bin mit meiner Berufung nicht allein. Neben mir stehen noch andere in der gleichen Reihe. Ich wünsche mir, dass Ihr nicht nur bei diesem Anlass so eng zusammensteht, sondern auch in den alltäglichen Sorgen und Belastungen Eures Dienstes zueinandersteht, einander beisteht und als aufmerksame und feinfühlige Brüder aufeinander Acht gebt. Paulus schrieb: „Achtet auf eure Berufung, Brüder!“ (1 Kor 1,26). An Timotheus richtete er die Bitte: „Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1, 6 f.).

Ich weiß, dass diese hehren Worte oft die tägliche Erfahrung zu widerlegen scheint. Ich bin mir auch bewusst, dass manche von Euch den Eindruck haben, eher im Steinbruch als im Weinberg des Herrn eingesetzt zu sein. Dennoch gibt es einen Weg, um den uns Anvertrauten „Schmuck zu geben statt Schmutz, Freudenöl statt Trauerkleid, Jubellied statt Verzweiflung“ (Jes 61,3a). Liebe Mitbrüder, keine Angst! Ihr müsst nichts Neues  t u n , Ihr sollt vielmehr in ganz neuer Weise s e i n ! Wichtiger als das, was wir tun, ist das, was wir sind. Wie sollen wir das verstehen? Lasst es mich an einer Begebenheit verdeutlichen. Zwei christliche Missionare, die sich in Indien vergeblich abgemüht hatten, Menschen für Christus zu gewinnen, wandten sich in ihrer Ratlosigkeit an Mahatma Gandhi und fragten, was sie falsch gemacht hätten. Gandhi antwortete: „Ihr müsstet mehr nach der Bergpredigt duften“. Damit ist etwas angesprochen, was schon Paulus von seinem missionarischen Wirken sagte: „Gott verbreitet durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten. (...) Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen“ (2 Kor 2,14f). Wonach duften wir? Die Weihrauchschwaden in den Kirchenschiffen und das edle Aftershave in den Pfarrbüros sind noch keine Garantie dafür, dass wir Christi Wohlgeruch sind.

Pater Rupert Mayer, der Apostel Münchens, war ein Wohlgeruch Christi weit über die Grenzen der Bayernmetropole hinaus. Wer ihm begegnete, kam mit Christus in Berührung. In seiner Nähe konnte man den Geist des Evangeliums einatmen wie einen lebensspendenden Duft. Wie hat er das geschafft? Hören wir Pater Rupert Mayer selbst: „Es muss Wärme von uns ausgehen, den Menschen muss es in unserer Nähe wohl sein, und sie müssen fühlen, dass der Grund dazu in unserer Verbindung mit Gott liegt“. 

Der „Knackpunkt“ ist die Verbindung zum Herrn. Nur wenn wir mit ihm verbunden sind, können wir ihn ausstrahlen. Ansonsten blenden wir uns selbst. Gerade unter Klerikern gibt es die Gefahr des Narzissmus. Nur wenn der Herr den ersten Platz einnimmt, bekommt anderes den rechten Rang: die Menschen, die ganz nahe mit uns leben und arbeiten; die Frauen und Männer, die wir seelsorglich begleiten; die Aufgaben und Pflichten, die uns binden; die Hobbies, die uns Ausgleich bieten sollen; die ganz menschlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte, um die auch ein Priester weiß und wissen darf.

Je tiefer und enger wir mit Christus verbunden sind, umso intensiver werden wir seinen „Duft“ verbreiten. Könnte es an der mangelnden Vertrautheit mit Christus liegen, dass in der Kirche insgesamt, aber auch in unseren Gemeinden oft dicke Luft herrscht, Luft, die abgestanden ist und stickig?! Könnte es auch an uns selber liegen, wenn es bei uns manchmal stinkt, wenn andere uns den Rücken kehren, weil sie bei uns nicht frei durchatmen können?! Einer unserer Mitbrüder sagt oft: Wer in das Geheimnis Gottes eingetaucht ist, taucht automatisch bei den Menschen auf. Also: Nicht abtauchen, sondern auftauchen! Es gibt so viel Gutes in der Kirche, gerade in den Pfarreien, Verbänden und Gemeinschaften. Leider findet es wenig öffentliche Beachtung oder es wird selbstverständlich genommen. Deshalb, liebe Brüder: Tut Gutes und macht es bekannt! Da könnt Ihr vielleicht an der „Basis“ mehr punkten als wir „da oben“ als Bischöfe. Wir Bischöfe sind derzeit weniger Werbeträger als vielmehr Zielscheibe. Wir müssen unsere Existenz begründen und unser Tun beglaubigen. Deshalb sage ich mir immer wieder: Bertram, zeige Dein Herz! Und ich bitte auch Euch: Liebe Brüder, seid Priester mit Herz, seid Diakone der Herzen! Besonders die Dekane und Pfarrer lade ich ein: Klopft an die Türen der Landratsämter und Rathäuser, seid nahe bei den Vereinen, besucht Stammtische und Kaffeekränzchen über den kirchlichen Tellerrand hinaus! Knüpft Kontakte zu Politikern und Honoratioren! Jetzt ist die Zeit, neu anzufangen. Bildet Koalitionen: Wichtige Partner sind die neuen Pfarrgemeinderäte. Nehmt sie ernst! Ruft ihre Kompetenzen ab! Mischt Euch unter die Menschen! Besucht die Redaktionen der lokalen Zeitungen und anderer Medien, versucht dort Themen zu setzen! Es passiert so viel Gutes, wacht auf und redet darüber! Das fällt nicht unter „Eigenlob stinkt“, sondern unter die Rubrik: Das Evangelium duftet. 

Liebe Brüder! Wir sind Christi Wohlgeruch. Unter diesem Anspruch steht unser Sein und unsere Sendung, noch ehe wir Pläne schmieden und Projekte starten. Das Sein kommt vor dem Tun, das Mysterium vor der Aktion, die Evangelisation vor der Administration, das geistliche Leben vor der Bürokratie. Diese Priorität scheint sich umgekehrt zu haben: Tun vor dem Sein, Struktur vor Spiritualität. Da hat sich etwas verschoben. Ergebnis: Was als Dienstleistung gedacht war (z.B. Finanzen, Recht und IT), hat sich aufgeschwungen, das Zepter zu schwingen über das kirchliche Leben. Helfen wir mit, uns aus diesem Korsett zu befreien und wieder wesentlich zu werden. Mich beschleicht das Gefühl, dass wir mehr Energie aufwenden, um unsere Bilanzen nach dem Handelsgesetzbuch zu gestalten, als uns mit der Frage zu befassen: Was macht eigentlich die katholische Kirche aus? Was ist der Kern der katholischen Glaubenslehre, worin liegen unsere moralischen Maßstäbe, an denen wir nicht rütteln sollten? Die Leute erwarten von uns weniger eine perfekte Verwaltung, dafür mehr seelsorgerliche Begleitung. Enttäuschen wir sie nicht! 

Wo wir Christi Duft verbreiten, da wird um uns herum ein Kraftfeld neuen Lebens entstehen, das die Leute hineinzieht in den Dunstkreis des Herrn. Wie könnte es duften, wenn sich Christi Wohlgeruch ausbreitete ausgehend von uns Priestern und Diakonen auf die vielen Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen hinein in unsere Pfarrgemeinden, Orden, geistlichen Gemeinschaften, Gruppen, Kreise und nicht zuletzt in die Familien! Kardinal Joao Braz de Aviz sagte bei der Verleihung des St.-Ulrich-Preises in Dillingen: „Die Mitte einer Stadt ist nicht ein Programm, sondern eine Person, Jesus Christus. Bei der postmodernen Stadt handelt es sich weniger um einen Ort der Gottlosigkeit, sondern der Gottsuche.“ (3.5.2014) Ich bin sicher: Gott ist nicht weit weg. Er ist mitten drin. Wir müssen ihn nur suchen gehen. Eine Welt, in der nicht nur giftige Stickoxyde die Luft verschmutzen und Krankheiten erregen, sondern auch geistige Gifte die Atmosphäre belasten und zersetzend wirken auf die Seelen besonders der Kinder und Jugendlichen – diese Welt braucht Christi Wohlgeruch, sie braucht Christen mit Ausstrahlung. In ihrem Dunstkreis fühlen sich die Menschen wohl.

Die Öle, die ich in wenigen Augenblicken weihen werde, sind ein Zeichen der Ermutigung. Denn seltsamerweise sind die Ölbäume am fruchtbarsten, wenn sie auf steinigem und dürrem Boden wachsen. Das Buch Hiob kennt sogar „Ölbäche aus dem Felsen“ (29,6). Auch der steinige Boden, auf dem viele von uns arbeiten müssen, wird einmal Früchte bringen. Nach dem Gottesdienst werden Vertreter der einzelnen Dekanate die Öle holen und sie hinaustragen in das ganze Bistum. Bringen wir nicht nur das duftende Öl in verschlossenen Koffern! Öffnen wir unsere Herzen für Christus, damit wir selbst Boten des Herrn werden, die seinen Wohlgeruch verbreiten, den Duft der Wahrheit, des Lebens und der Liebe. Dafür lohnt es sich, vom Schlaf aufzustehen. Die Schrift weckt uns: Ihr seid Christi Wohlgeruch. Amen.

Wo wir Christi Duft verbreiten, da wird um uns herum ein Kraftfeld neuen Lebens entstehen, das die Leute hineinzieht in den Dunstkreis des Herrn. Wie könnte es duften, wenn sich Christi Wohlgeruch ausbreitete ausgehend von uns Priestern und Diakonen auf die vielen Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen hinein in unsere Pfarrgemeinden, Orden, geistlichen Gemeinschaften, Gruppen, Kreise und nicht zuletzt in die Familien! Kardinal Joao Braz de Aviz sagte bei der Verleihung des St.-Ulrich-Preises in Dillingen: „Die Mitte einer Stadt ist nicht ein Programm, sondern eine Person, Jesus Christus. Bei der postmodernen Stadt handelt es sich weniger um einen Ort der Gottlosigkeit, sondern der Gottsuche.“ (3.5.2014) Ich bin sicher: Gott ist nicht weit weg. Er ist mitten drin. Wir müssen ihn nur suchen gehen. Eine Welt, in der nicht nur giftige Stickoxyde die Luft verschmutzen und Krankheiten erregen, sondern auch geistige Gifte die Atmosphäre belasten und zersetzend wirken auf die Seelen besonders der Kinder und Jugendlichen – diese Welt braucht Christi Wohlgeruch, sie braucht Christen mit Ausstrahlung. In ihrem Dunstkreis fühlen sich die Menschen wohl.

Die Öle, die ich in wenigen Augenblicken weihen werde, sind ein Zeichen der Ermutigung. Denn seltsamerweise sind die Ölbäume am fruchtbarsten, wenn sie auf steinigem und dürrem Boden wachsen. Das Buch Hiob kennt sogar „Ölbäche aus dem Felsen“ (29,6). Auch der steinige Boden, auf dem viele von uns arbeiten müssen, wird einmal Früchte bringen. Nach dem Gottesdienst werden Vertreter der einzelnen Dekanate die Öle holen und sie hinaustragen in das ganze Bistum. Bringen wir nicht nur das duftende Öl in verschlossenen Koffern! Öffnen wir unsere Herzen für Christus, damit wir selbst Boten des Herrn werden, die seinen Wohlgeruch verbreiten, den Duft der Wahrheit, des Lebens und der Liebe. Dafür lohnt es sich, vom Schlaf aufzustehen. Die Schrift weckt uns: Ihr seid Christi Wohlgeruch. Amen.

13.04.2022 - Bistum Augsburg , Glaube