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Exklusiv-Interview

Angst schützt das Leben

Das Coronavirus beherrscht seit Wochen die Welt – und damit auch ein äußerst unangenehmes Gefühl: Angst. Zum Teil entwickeln Menschen krankhaft anmutende Züge, wenn sie Toilettenpapier, Desinfektionsmittel oder Lebensmittel hamstern. Der international anerkannte Angstforscher Borwin Bandelow erklärt im Exklusiv-Interview, woher Ängste kommen und ob sie nach Corona wieder vergehen.

Herr Bandelow, die Angst vor dem Coronavirus beherrscht die Welt offenbar noch mehr als zuvor die vor einem Atomkrieg, dem Klimawandel oder Terroranschlägen wie dem vom 11. September 2001. Haben sich Ängste im Laufe der Zeit verändert oder gibt es wiederkehrende Muster?

Ängste verändern sich eigentlich nicht. Man kann aber immer wieder beobachten, dass Menschen, wenn eine neue Gefahr droht, die unbeherrschbar erscheint, mehr Angst haben, als es der tatsächlichen Gefahr entspricht. Rein statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, am Corona-virus zu sterben, für jeden einzelnen von uns nicht so hoch, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel vor zweieinhalb Jahren etwa 25 000 Menschen an einer normalen Grippe gestorben sind – und da gab es keine Panik. Wir haben auch jedes Jahr 9000 Tote bei Freizeit-unfällen in Deutschland. An das denkt man aber nicht unbedingt, wenn man zum Skifahren oder Reiten geht. 

Neue Viren wie Vogelgrippe, Schweinegrippe, Sars oder Ebola, Krankheiten wie damals BSE oder Ereignisse wie Tschernobyl oder Fukushima haben am Anfang sehr viel Angst ausgelöst – aber nach ein paar Wochen hat sich das gelegt. So etwas beobachtet man immer. 

In so einem Fall wird unser Angstgehirn mobilisiert, das mit Fakten nicht gut umgehen kann. Unser Vernunftgehirn sagt: „Dass du mit 35 Jahren an Corona stirbst, ist relativ unwahrscheinlich.“ Das Angstgehirn hält aber dagegen und sagt: „Es sterben so viele, und ich werde der Nächste sein.“ Diese Angst ist am Anfang immer stärker. Nach ein paar Wochen – das merkt man ja jetzt schon – minimiert sich die Angst und die Leute sagen: „Ach ja, ich werde schon nicht sterben.“ Die Einstellung ist schon deutlich lockerer geworden, obwohl wir gerade in einer Phase mit vielen Infektionen sind. Die Angst hat sich also wieder einigermaßen normalisiert. 

Viele Medien bezeichnen die Corona-Krise als größte Belastungsprobe seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Leute haben Tschernobyl vergessen, würde ich sagen. Damals war es ähnlich. Allerdings hat das nicht zu solchen Einschränkungen geführt. Insofern kann man schon sagen, dass das Coronavirus eine Höchstbelastung und die größte Angst seit langer Zeit ist. 

Ist es für die Menschen besser, wenn sie immer wieder mal Angst haben oder wenn sie Angst gar nicht kennen? 

Menschen, die schon solche Situa-tionen erlebt haben, werden gelassener. Sie denken, dass es immer einen Ausweg gibt. Wenn man mit älteren Leuten spricht, gerade mit 90-Jährigen, sagen viele: „Ich habe so viel überlebt, etwa den Krieg. Dann werde ich das auch noch überleben.“ Die meisten Menschen gehen aus dieser Krise gestärkt hervor, denke ich.

Kürzlich sagten Sie, das Hamstern von -Toilettenpapier, Mehl und anderen Waren komme von einer sehr weit zurückliegenden Urangst. Könnte es nicht auch sein, dass Menschen etwa durch Erzählungen von der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Lebensmittel-rationierung beeinflusst sind?

Das glaube ich nicht. Ich kann mich auch an eine Hamsterzeit erinnern. 1962 – ich war elf Jahre alt – standen wir kurz vor einem Atomkrieg mit der Sow-jetunion. Ich weiß noch, dass wir vor dem Radio saßen und mein Vater sagte: „Morgen gibt es Krieg.“ Damals standen im Keller große Mengen an Eingemachtem. 

Meine Eltern hatten den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen erlebt: ausgebombt, der Hunger – die hatten das ja alles durch. Sie haben das Hamstern angefangen. Damals hat die Regierung das auch gefordert, denn jeder sollte wegen möglicher Radio-aktivität im Haus bleiben, was ja auch relativ sinnvoll war. Ich bin auch aus dieser Generation und habe jetzt nicht gehamstert – weil ich mir gesagt habe: Warum sollte ausgerechnet das Toi-lettenpapier ausgehen? Das ist völlig unlogisch. 

Worauf ist die von Ihnen angesprochene Urangst dann zurückzuführen?

Meine Begründung der Urangst ist die: Vor 50 000 Jahren, als Europa vom Homo sapiens besiedelt wurde, drangen Menschen von Äthiopien aus immer weiter nach Norden vor. Erstmals mussten sie mit dem kalten Klima klarkommen. Sie mussten sechs Monate Nahrungsmittel hamstern, sonst hätten sie den Winter nicht überstanden. 

Die Äquatorländer hatten das Problem nicht. Bananen und Fische gibt es dort das ganze Jahr über. Im Norden dagegen musste man wirklich Nahrungsmittel bunkern. Die Ängstlichen dachten vorausschauend und sagten sich: Wir müssen uns eindecken, sonst überleben wir das nicht. Die völlig Unbekümmerten starben. Wir vererben Ängste auch. Die Menschen, die das Angst-Gen hatten, lebten weiter, während die anderen kinderlos gestorben sind.

Corona ist also jetzt wie der Winter damals?

Nein. Das liegt einfach daran, dass in dieser Situation, die neu und unbehaglich ist, unser Gehirn auf „Survival--Modus“ schaltet. Das heißt: Die Logik wird erstmal ausgesetzt und es wird Panik gemacht. Wenn Menschen in den Panikmodus, den Überlebensmodus, gehen, hamstern sie. Das ist wie ein Reflex oder ein Instinkt. 

Der Bereich des logischen Gehirns sagt: „Wir brauchen nicht hamstern, das ist Blödsinn.“ Aber das Angstgehirn schaltet auf Panikmodus. Das ist ein Automatismus. Wir treffen dann Vorsorge und beginnen zu hamstern. 

Wie kann eine solche Angst über Generationen, über Jahrtausende, weitergegeben werden?

Bei der Erforschung von Angst-erkrankungen beruft man sich auf Zwillingsuntersuchungen. Wenn man eineiige und zweieiige Zwillinge, die getrennt oder gemeinsam aufgewachsen sind, untersucht und auf eine Angsterkrankung hin betrachtet, kann man genau ausrechnen, wie viel Prozent einer Angsterkrankung erblich und wie viel durch Umweltfaktoren entstanden sind.

Dass Ängste vererbt werden, ist auch wichtig: Wenn Sie jetzt zum Beispiel eine Klapperschlange treffen, nützt es nichts, wenn Sie eine Lernerfahrung machen, dass Klapperschlangenbisse tödlich sind: Sie haben nicht mehr viel Zeit, daraus einen Nutzen zu ziehen. Eine ererbte, angeborene Schlangenangst dagegen, wie Mensch und Tier sie von Natur aus haben – auch vor harmlosen Ringelnattern –, schützt. 

Auch Spinnenängste sind bei uns völlig überflüssig geworden. Trotzdem haben sie noch 80 Prozent der Deutschen. Solche Ängste müssen vererbt werden, sonst hätte es in der Geschichte der Menschen und Tiere zu viele Totalausfälle gegeben. 

Ab wann ist eine Angst als krankhaft einzustufen?

Jeder Mensch muss Angst haben, da man ohne Angst nicht lange überlebt. Der Übergang zwischen normaler Angst und krankhafter Angst ist natürlich fließend. Wenn jemand aber beispielsweise 50 Prozent des Tages über seine Angst nachdenkt oder deutliche Einschränkungen im Familienleben, Berufsleben oder Sozialleben hat, wenn er sich wegen seiner Ängste umstellen muss oder anfängt, Beruhigungsmittel oder Alkohol im Übermaß zu sich zu nehmen, gehört er behandelt. 

Der Durchschnittsbürger kann aufgrund der Flut der Informa-tionen zu Corona die Lage kaum richtig einschätzen. Wie kann man eine Angst, die so wenig greifbar ist, eindämmen? 

Ich werde immer wieder gefragt, ob die Medien schuld sind, weil sie uns mit Informationen über Corona überschütten. Aber das ist nicht der Fall. Zum einen wollen die Leute das ja, und zum anderen würden sie, wenn alle -Medien beschließen würden, nichts mehr über Corona zu bringen, denken, dass man ihnen irgendetwas verheimlicht.

Wissen hilft gegen Angst. Es ist wichtig, dass jeder versteht, wie sich so ein Virus überträgt. Wissen ist extrem hilfreich, um nicht nur das Virus zu bekämpfen, sondern auch, um die Angst davor einzuschätzen. 

Werden sich die Menschen, wenn die Corona-Krise überwunden ist, von ihren Ängsten erholen?

Ich glaube, es wird sich ein gewisser Respekt vor Infektionskrankheiten ausbreiten. Man wird etwas vorsichtiger sein. Aber die Leute werden in ihr altes Leben zurückfinden. Das kann man an vergangenen Krisen beobachten, etwa beim Anschlag auf das World Trade Center 2001, als alle dachten, jetzt bricht die Welt zusammen oder ein Weltkrieg aus. Das ist nicht eingetreten. Oder nach der Tsunami-katastrophe mit 300 000 Toten: Trotzdem fahren die Menschen wieder nach Thailand. 

Menschen sind anpassungsfähig. In Kabul, Johannesburg oder Rio – Städte, in denen das Leben viel gefährlicher ist als etwa in Gelsenkirchen – haben die Menschen keine posttraumatischen Belastungsstörungen im Übermaß. Auch dort sieht man fröhliche Menschen. Menschen gewöhnen sich an die Gefahr. Auch die Deutschen haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg an die Situation gewöhnt. 

Es werden also nur solche Menschen Traumata behalten, die vorbelastet sind?

Belastungsstörungen kann es geben. Dieser Begriff wird aber oft inflationär gebraucht. Außerdem werden Belastungsstörungen eher durch traumatische Erlebnisse als durch kollektive Erfahrungen ausgelöst. Vor einigen Jahren gab es etwa in der chinesischen Stadt Chengdu 70 000 Tote bei einem Erdbeben. Dort wurde dann ein Zentrum für posttraumatische Belastungsstörungen für Überlebende und Angehörige eingerichtet. 

Die Verantwortlichen wunderten sich aber, warum kaum jemand Hilfe suchte – bei so einer Opferzahl. Gerade, wenn ein Trauma so kollektiv ist, fühlt sich nicht jeder einzelne so sehr getroffen. Demnach glaube ich nicht, dass mehr Menschen posttraumatische Belastungsstörungen haben werden, wenn die Corona-Krise langsam nachlässt.

Viele Menschen wenden sich in ihrer Angst im Gebet an Gott. Inwiefern kann man im Glauben Hilfe und Zuflucht finden?

Es ist tatsächlich so, dass gläubige Menschen mit Angst besser klarkommen. Sie haben eine enorme Ausschüttung an Glückshormonen. Dieses Belohnungssystem, in dem die Glückshormone ausgeschüttet werden, ist der Gegenspieler des Angstsystems. Wer glaubt, kann mit den Endorphinen die Angst eindämmen, weil er davon überzeugt ist: „Es gibt immer einen Ausweg, egal was passiert. Gott wird mir helfen.“ Das hilft manchen Leuten. Allerdings hat mir mein Pfarrer erzählt, dass es unter Gläubigen auch mehr Ängstliche gibt. Damit hebt sich das wieder ein wenig auf. 

Gibt es etwas, vor dem Sie große Angst haben oder hatten?

Ganz früher hatte ich Angst, Vorträge zu halten. Wenn mich jemand zum Vortrag eingeladen hat, dachte ich immer: „Die müssen sich getäuscht haben, ich bin gar nicht der Richtige.“ Wenn die Zuhörer dann noch geklatscht haben, dachte ich: „Naja, die meinen das nicht wirklich.“ Das hat sich aber nach den ersten Vorträgen schnell gelegt. Mittlerweile habe ich da keine Probleme mehr.

Interview: Lydia Schwab

30.04.2020 - Corona , Forschung , Interview