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Liebevoll statt Vorwürfe

Den anderen gut aussehen lassen

Der bekannte Kommunika­tionsforscher Paul Watzlawick hat seine Weisheiten und Botschaften oft in kleine Geschichten verpackt. Eine davon erzählt, dass eine Frau ihrem Mann zu Weihnachten zwei Hemden ausgesucht, liebevoll verpackt und dann geschenkt hat. Die Reaktion des Mannes: große Freude. Eines der Hemden packt er sofort aus und zieht es an. Was tut die Frau? Sie ist verletzt, zieht sich mit dem Satz zurück: „Und das andere gefällt Dir gar nicht!“

Was hätte der arme Mann denn tun können? Zwei Hemden gleichzeitig sind doch recht schwer anzuziehen und sehen vermutlich auch nicht so gut aus. Vielleicht kennen Sie das auch: Situationen, in denen man in einer Beziehung das Gefühl hat, dass man es sowieso nicht richtig machen kann. Dass man eigentlich gar keine Chance hat, egal wie sehr man sich bemüht. 

„Apokalyptische Reiter“

Das ist gerade in Paarbeziehungen häufig zu beobachten – und es ist zerstörerisch. Der Paarforscher John Gottman spricht hier von den „apokalyptischen Reitern“ einer Beziehung. Damit meint er Verhaltensweisen, die mit ziemlicher Sicherheit dazu führen werden, dass sich die Partnerschaft verschlechtert: Kritik, Verachtung, Rechtfertigung und Mauern.

Vor kurzem war ich auf einer Fortbildung, die ich als sehr gut und hilfreich empfand. Die Dozentin gab uns für Paargespräche einen wichtigen Satz mit auf den Weg, den ich seitdem in der Arbeit mit Paaren häufig einsetze. Der Satz ist ganz einfach. Er lautet: „Lass den anderen gut aussehen!“ 

Was einfach klingt, ist für viele Paare eine ziemliche Herausforderung. Sie sind schon so sehr bei den apokalyptischen Reitern angekommen, dass es ihnen schwerfällt umzudenken. In aller Breite können sie erzählen, warum die Partnerin oder der Partner unmöglich ist und warum sie selbst an der Beziehungskrise, in der sie stecken, keinen oder nur geringen Anteil haben – der oder die andere müsste nur …

Aber das ist – bis auf ganz wenige Ausnahmen – nicht der Fall. Es würde ja bedeuten, dass es einen Täter (oder eine Täterin) und ein Opfer gibt. Nicht selten sehen sich aber beide als Opfer – und den jeweils anderen als Täter. Dann wird es schwierig: Zum Opfersein gehört nämlich in der Regel dazu, sich selbst als ohnmächtig und ohne jede Einflussmöglichkeit wahrzunehmen. Wie soll sich denn auf diese Weise etwas verändern? 

„Lass den anderen gut aussehen“ – durch diese Einstellung dagegen kann sich etwas zum Guten wenden. Ich gehe dann davon aus, dass es der andere gut mit mir meint. Dass der Partner mir nicht schaden, sondern das Beste für mich will. Vielleicht weiß der andere manchmal nicht, was mich verletzt. Dann sollte ich ihm das einfach sagen. Vielleicht waren seine Kindheit und familiäre Prägung ganz anders als die meinige, so dass es zwangsläufig zu Missverständnissen kommt. 

Darauf aber nicht mit Vorwürfen, sondern mit einem liebevollen Blick zu reagieren, das kann man üben – und es lohnt sich! In der Psychologie nennt man diese Technik auch „Reframen“ – das heißt übersetzt so in etwa „etwas in einen anderen Rahmen setzen“. Die Frau in der Geschichte zu Beginn würde – wollte sie ihren Partner gut aussehen lassen – so etwas denken oder sagen wie: „Der ist ja so begeistert wie ein kleines Kind, reißt alles gleich auf!“ Wie anders würden sich beide fühlen! 

Positiv denken

Machen Sie doch selbst einmal den Versuch – vielleicht auch bei Kollegen oder Menschen, denen Sie im Alltag begegnen. Die Bäckereiverkäuferin ist unfreundlich? Vielleicht hatte die Arme heute früh Streit mit ihrem Partner! Der unordentliche Kollege nervt mich? Er weist mich mit seinem Verhalten auf meinen Ordnungsfimmel hin und darauf, dass man auch mal fünfe gerade sein lassen kann. Es geht dabei nicht darum, was davon wirklich stimmt, sondern darum, sich gegenseitig das Leben leichter zu machen. 

Vor allem weiß man, dass positives Denken „ansteckend“ ist. Da, wo einer beginnt, den anderen gut aussehen zu lassen, wird eine gute Grundstimmung erzeugt, die sich positiv auf die anderen Menschen auswirkt – und davon profitieren dann alle. 

Wenn wir das an der Beratungsstelle mit Paaren üben, geht das zu Beginn oft ziemlich zäh. Wenn sich aber beide auf dieses Experiment einlassen können, entsteht etwas fast Magisches – und plötzlich ist auch wieder Hoffnung da, wo zuvor keine mehr möglich schien. 

Haben Sie den Mut und versuchen Sie es! Wen wollen Sie heute „gut aussehen“ lassen? 

Martina Lutz

Die Autorin ist Theologin sowie
Familientherapeutin und arbeitet in
der Psychologischen Beratungsstelle
für Ehe-, Familien- und Lebensfragen
in Augsburg.

30.06.2022 - Familie , Frieden , Psychologie