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Buchveröffentlichung

Der Geschichte stellen

KÖLN – Rund  ein  Dutzend  judenfeindliche  Szenen  zählen Forscher  an  Kunstwerken  im  Kölner  Dom. Sie stammen  aus  nahezu  allen  Epochen.  Wie  mit  diesen  das  Verhältnis  zwischen  Christen  und  Juden  belastenden  historischen Zeugnissen umgegangen worden ist und in  Zukunft umgegangen werden soll, steht im Fokus eines neu aufgelegten Buches.

„Der Dom und ,die Juden‘“ erschien ursprünglich 2008 und fasste die Beiträge einer Tagung mit dem gleichen Titel zusammen, die 2006 auf Initiative des Dombauarchivs stattgefunden hatte. Jetzt ist der wissenschaftliche Band zu Deutschlands wohl bekanntester Kathedrale in einer durch ein Vorwort ergänzten, ansonsten aber unveränderten Neuausgabe erschienen.

Der Kölner Weihbischof Rolf Stein­häuser, der den Nachdruck unterstützt hat, nennt die judenfeindlichen Darstellungen im Dom ein „bleibendes Ärgernis“. Vor dem Hintergrund der Verabschiedung der Erklärung „Nostra aetate“ während des Zweiten Vatikanischen Konzils sei „die Manifestation“ des Antisemitismus in verschiedenen Darstellungen im Dom „eine schwere Hypothek“.

Das gemeinsame Erbe

Mit „Nostra aetate“ stellte die Kirche 1965 ihre Haltung zu den nicht-christlichen Religionen auf eine neue Grundlage. Dadurch habe sich das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum grundsätzlich verändert, sagt der Bischofsvikar für Ökumene und interreligiösen Dialog. Seither lebe die Kirche in dem Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam habe.

Trotzdem könne man heute nicht mit Hammer und Säge losziehen, um die historischen Zeugnisse, mit denen so viel Leid verbunden sei, einfach zu entfernen, macht der Weihbischof deutlich. „Wir müssen uns der Geschichte stellen, dürfen nichts verschweigen und schon gar nicht darauf hoffen, dass diese in Glas, Stein oder Holz festgehalte- nen Szenen in der Fülle der Kunst im Dom verschwinden“, sagt Stein­häuser. 

Gerade in der aktuellen gesellschaftlichen Situation, die durch ein Erstarken des Antisemitismus bis in die Mitte der Gesellschaft hinein gekennzeichnet sei, sei die Aufarbei- tung und Auseinandersetzung mit den judenfeindlichen Darstellungen ein wichtiger Schritt. Die Dokumentation sei ein Akt „heilender Erinnerung“.

Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, ver­-
weist auf das Jahr 2021. Dann soll der 1700-jährigen Präsenz von Juden nördlich der Alpen gedacht werden. Ihre Ansiedlung geht auf ein Dekret Kaiser Konstantins aus dem Jahr 321 zurück. 

Angesichts des Jubiläums werde an einer intensiven Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Kirchengeschichte gearbeitet werden müssen. Schon bald soll eine Infobroschüre erscheinen, mit der auf die antijüdischen Artefakte im Dom hingewiesen wird. Auch Domführungen mit diesem Schwerpunkt seien geplant, sagt Wilhelm. 

Bernd Wacker, vor zwölf Jahren Mitinitiator der Tagung, regt an, für den Dom ein Kunstwerk zu schaffen, das das „neue Verhältnis von Christen und Juden zum Ausdruck bringt“. Damit könne 80 Jahre nach dem Holocaust ein Kontrapunkt zu den antijüdischen Kunstwerken gesetzt werden.

Robert Boecker

15.11.2018 - Deutschland , Historisches , Kunst