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Offener Strafvollzug für Mütter

„Die Kinder können ja nichts dafür“

BIELEFELD – Diplom-Soziologin Kerstin Brandau-Fiebig arbeitet seit mehr als zehn Jahren im Justizvollzugssystem. Nachdem sie anfangs für den Bereich Sicherheit und Ordnung im Männervollzug zuständig war, ist sie jetzt Vollzugsabteilungsleiterin in Deutschlands größter Anstalt für offenen Strafvollzug in Bielefeld. 

Frau Brandau-Fiebig, was hat Sie dazu motiviert, im Gefängnis zu arbeiten?

Als ich im Strafvollzug angefangen habe, dachte ich: „Man kann jeden retten.“ Im Laufe der Jahre wurde mir deutlich: Das funktioniert leider nicht. Drogensucht ist ein massiver Faktor. Auch wir haben Erwartungen an die Häftlinge. Alles soll möglichst gut funktionieren. Aber man darf den Maßstab nicht zu hoch ansetzen. 

Die meisten Frauen in Haft haben Probleme mit Drogenabhängigkeit und Beschaffungskriminalität. Viele haben Gewalt- und Missbrauchs­erfahrungen gemacht. Wenn man zum Beispiel mitbekommt, dass sich eine Inhaftierte früher als Kind vor die Mutter gestellt hat, damit die nicht Opfer der Gewalt des Vaters wird, dann muss ich damit rechnen, dass sie nicht immer so reagiert, wie ich das von ihr erwarte.

Ist das Gefängnis heute überhaupt noch ein Ort der Strafe?

Der moderne Strafvollzug soll die Leute fit machen für das Leben in Freiheit. Das erreiche ich nicht, wenn ich einfach die Tür zumache. Wir müssen die Inhaftierten fordern und ihnen etwas an die Hand geben. Darauf können sie dann zurückgreifen, wenn sie raus kommen. So, wie es früher war, können wir nicht weitermachen. Die Rückfallstatistiken zeigen ja, dass bloßes Weg­sperren nicht funktioniert. Die Zeit der Haft muss möglichst sinnvoll genutzt werden, für Ausbildung, Behandlungsmaßnahmen und auch für soziale Kontakte nach draußen.

Gilt das auch für Kontakte von Müttern zu ihren Kindern?

Wenn die Beziehung zwischen Mutter und Kind förderungswürdig erscheint, dann bemühen wir uns, dass es so wenig Brüche wie möglich gibt. Der Strafvollzug an sich ist ja schon ein massiver Bruch. Die Kinder werden während der Inhaftierung von anderen Bezugspersonen betreut oder vom Jugendamt. Manche werden depressiv. Aber sie können ja nichts dafür, dass ihre Eltern in Haft sind. Deshalb wollen wir sie unterstützen. Zwar können wir die Frauen nicht jederzeit rauslassen, aber wir können dazu beitragen, dass der Kontakt erhalten bleibt.

Fällt es Ihnen nicht schwer, zu entscheiden, ob eine Mutter ihr Kind sehen darf?

Ich persönlich habe die Haltung, wir sollten alles möglich machen, was geht. Ich verlege die Inhaftierten nicht leichtfertig in den geschlossenen Vollzug oder spreche Sanktionen aus. Aber manchmal ist ein Punkt erreicht, an dem nichts mehr geht. Dann plädiere ich dafür, dass die Frauen ehrlich damit umgehen. 

Natürlich sitzen auch manchmal Leute vor mir, die wissen, dass sie Mist gebaut haben und in den geschlossenen Vollzug müssen, und gerade dann sagen sie: „Aber was ist jetzt mit meinen Kindern?“ Da kommuniziere ich dann offen meinen Eindruck: „Sie schieben jetzt Ihr Kind vor. Aber Sie müssen für das gerade stehen, was Sie gemacht haben.“ Man muss schon aufpassen, dass man nicht instrumentalisiert wird. 

Wie haben sich die politischen Vorgaben verändert?

Der familiensensible Strafvollzug hat definitiv mehr Gewicht bekommen. Die Politik hat sich umgestellt. Im geschlossenen Vollzug gibt es Langzeitsbesuchsräume, die für Familien und Paare die Möglichkeit schaffen, auch mal stundenlang alleine zu sein, ohne dass das Vollzugspersonal dabei ist. Solche Möglichkeiten gab es früher nicht. 

Sind diese Bemühungen erfolgreich?

Gerade im Suchtbereich gibt es eine kleine Gruppe von Frauen, der man immer wieder begegnet. Anfangs kommen sie völlig fertig von der Straße. Dann werden sie bei uns aufgepäppelt. Und dann hat man eigentlich ein ganz gutes Gefühlt und denkt: „Jetzt muss es doch klappen.“ Aber sobald das alte Umfeld wieder eine Rolle spielt, sind die Erfolgsaussichten leider gering. Wenn eine süchtige Frau rauskommt, wo soll sie denn hin? Wer möchte die denn schon gerne bei sich im Freundeskreis neu aufnehmen? 

Es ist schwer für diese Leute, irgendwo anders Fuß zu fassen, wenn sie nicht beruflich integriert sind und auch sonst einige Defizite haben. Deswegen muss man was tun. Aber auch unser System hat Defizite. Zum Beispiel müssten wir sehr viel mehr Möglichkeiten schaffen, traumatische Erlebnisse aufzuarbeiten. Im Männerbereich werden Gewalt- oder Sexualstraftäter immer therapeutisch betreut, um das Delikt aufzuarbeiten und Rückfälligkeit zu vermeiden. Bei Frauen hingegen ist es ganz selten, dass sie eine psychologische Maßnahme kriegen. Sie fallen durch das Raster. Eigentlich müssten wir viel mehr Opfertherapie machen. Dieser Kreislauf von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen führt bei Frauen ja dazu, dass sie sich mit Drogen betäuben und in der Folge straffällig werden.

Täuscht es, oder müssen Sie in Ihrem Beruf gut mit Frustrationen umgehen können?

Ich mache mir immer wieder klar, dass die Welt nicht nur aus Straftaten besteht. Zum Glück ist es nur ein kleiner Ausschnitt der Realität, in dem es Kindern und Frauen so schlecht geht. Manche Erlebnisse machen auch Hoffnung. Als wir mit den familienorientierten Maßnahmen angefangen haben, gab es mal einen Tag der offenen Tür für die Angehörigen der Frauen. Da konnten die Inhaftierten ihren Familien die Vollzugsanstalt zeigen. Die Kinder haben gesehen, dass der Haftraum ihrer Mutter gar nicht so schlimm ist. Am Abend kam dann eine Hand voll Frauen zu mir und hat sich bedankt, dass wir das ermöglicht haben. Das fand ich schon sehr schön.

Interview: Andreas Boueke

23.08.2018 - Hintergrund , Kriminalität