Ein Funkspruch als Todesurteil (Freitag, 13. Dezember 2019 11:56:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Schüler gegen Stalin

Ein Funkspruch als Todesurteil

Den Widerstand der „Weißen Rose“ gegen die Nazis kennt fast jeder. Auch in der DDR gab es eine Art „Weiße Rose“. Sie richtete sich gegen den Stalinismus und die rote Dik­tatur auf deutschem Boden: Schüler im thüringischen Altenburg bastelten einen Störsender, mit dem sie zu Stalins Geburtstag auf Sendung gingen.

Sie waren jung und brauchten den „Kick“. Mit diesem Vorwurf mussten die Überlebenden noch lange leben. Heute gibt es immerhin einen Gedenkstein auf dem Hospitalplatz in Altenburg, der an jene Handvoll Schüler erinnert, die im Dezember 1949 dem kommunistischen Unrechtssystem der DDR für wenige Monate die Stirn boten. Zwei von ihnen bezahlten den Mut mit ihrem Leben. 

1950 wurden sie in einem Keller der sowjetischen Geheimpolizei in Moskau erschossen. „Zu DDR-Zeiten wäre so ein Gedenkstein undenkbar gewesen“, sagt eine Anwohnerin. Das Areal auf dem Hospitalplatz wirkt sauber und gepflegt. Die umliegenden Gründerzeithäuser haben die Jahre unbeschadet überstanden – gediegene Bürgerlichkeit, wo bis zum Herbst 1989 Kommunisten das Sagen hatten. 

Widerstand im Keim ersticken

„Die SED tat alles, um den Widerstand gegen ihre Politik im Keim zu ersticken“, sagt die Potsdamer Historikerin Jenny Krämer. Kritik war in dem System nicht vorgesehen. Zensur und Schmalspurdenken bestimmten zu DDR-Zeiten den Alltag vieler Menschen. Die Altenburger Schüler Hans-Joachim Näther, Ulf Uhlig, Gerhard Schmale und Jörn-Ulrich Brödel wollten sich damit nicht abfinden.

Für ihren Mut bezahlten sie einen hohen Preis. In der DDR galten sie als Verräter, die für immer der Vergessenheit anheimfallen sollten.  Dem Einsatz eines engagierten Geschichtslehrers ist es zu verdanken, dass dies nicht geschah. Auch durch das Theaterstück „Die im Dunkeln“ aus dem Jahre 2013 kam die Geschichte der Jugendlichen wieder ins öffentliche Bewusstsein. 

Das Landestheater Altenburg hatte entschieden, die Geschichte der jungen Leute im Kampf gegen den Kommunismus auf die Bühne zu bringen und damit die Dramaturgin Mona Becker beauftragt. Schmale und Brödel waren von Anfang eingebunden, heißt es: Sie begleiteten die Proben und erzählten den Schauspielern ausführlich ihre Geschichte.

Ihr Mitschüler Hans-Joachim Näther besucht Ende der 1940er Jahre die elfte Klasse der Altenburger „Karl-Marx-Oberschule“. Aus ihr ging nach der Wende das heutige Friedrichgymnasium hervor. Im Frühjahr 1949 gründet Näther mit Mitschülern eine antikommunistische Widerstandsgruppe. 

„Anders als ihre Eltern im Dritten Reich wollten sie keine Mitläufer sein“, sagt Historikerin Krämer. Sie wollen sich einmischen, politisch aktiv sein und nicht tatenlos dem Aufbau einer neuen Diktatur in Deutschland zusehen. Ihr Vorbild ist die „Weiße Rose“, jene studentische Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime, die 1943 in München von der Gestapo zerschlagen wurde.

Zunächst kleben die Schüler Flugblätter, auf denen sie mit einem großem F „Freiheit“ und „freie Wahlen“ fordern. Im Sommer 1949 hat Näther einen tollkühnen Plan: Mit einem selbstgebauten Radiosender will er zum 70. Geburtstag des sowjetischen Diktators Stalin auf Sendung gehen. 

Heimliche Bastelarbeit

Drei Monate basteln die Abiturienten heimlich nachts, bis das Gerät einsatzbereit ist. Ein Nachbau steht heute im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. „Die Bauteile hatten sie sich auf einem stillgelegten Militärflugplatz besorgt, wo kaputte Wehrmachtsmaschinen herumstanden“, weiß Historikerin Krämer.

Am 20. Dezember, dem Vorabend des Stalin-Geburtstags, versammeln sich die jungen Männer bei Jörn-Ulrich Brödel in der Altenburger Lessing­straße unter dem Dach der Eltern. Denen haben sie zuvor erzählt, gemeinsam für eine Physikklausur üben zu wollen. Pünktlich zur Festansprache des DDR-Staats­präsidenten Wilhelm Pieck, die live aus Berlin übertragen wird, gehen die Gymnasiasten auf Sendung. 

Ein Massenmörder und Diktator

Den Sprechtext haben sie sich genau überlegt und vorher abgetippt. Näther spricht mit sonorer Stimme ins Mikro und sagt, dass Stalin – ganz im Gegensatz zu den öffentlichen Lobpreisungen – ein „Massenmörder und Diktator“ sei. Millionen seien im Gulag umgekommen, und in der DDR säßen zehntausende Unschuldige in den vom sowjetischen Geheimdienst NKWD reaktivierten Konzentrations­lagern. Der Zeitpunkt für die Störaktion ist präzise gewählt: Viele Bürger sitzen abends gern am Radio. Wie viele Zuhörer die Schüler mit ihrer Aktion tatsächlich erreichten, ist umstritten. 

Ein gutes Ende ist der Geschichte ohnehin nicht beschieden. Im März 1950 kommt ihnen das wenige Wochen zuvor gegründete DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf die Schliche. Wie genau, ist bis heute ungeklärt. Historiker vermuten, dass ein kurz zuvor ebenfalls verhafteter Lehrer die Ermittler auf die Spur der vier Schüler gebracht haben könnte. 

Sie werden verhaftet und der sowjetischen Besatzungsmacht übergeben, die sie in Weimar vor ein Militärtribunal stellt. Die Anklage lautet: konterrevolutionäre Verbrechen gegen die Sowjetunion. Der Prozess findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und dauert – eher untypisch für Schnellverfahren – ganze sechs Tage.

40 Kilometer Reichweite

Obwohl die Reichweite des Störsenders nur 40 Kilometer betrug, geraten die Behörden massiv unter Zugzwang. Spezialfahrzeuge der Roten Armee fahren durch Altenburg und die umliegenden Ortschaften, um das Gerät zu orten. Um nicht entdeckt zu werden, hatten die Schüler den Sender in Einzelteile zerlegt und an verschiedenen Stellen deponiert. Das sollte der Staatssicherheit die Suche erheblich erschweren. Erfolgreich war sie letztlich doch. 

„Mit 25 Jahren Knast hatten wir gerechnet“, sagte der 2015 verstorbene Gerhard Schmale später, der als technisches Hirn der Gruppe galt. „Alles vergänglich, auch lebenslänglich“, hatten sie gewitzelt, wohl ahnend, nur einen Teil der Strafe auch wirklich absitzen zu müssen.

Die Verzweiflung ist groß

Als die Urteile verkündet werden, ist die Verzweiflung groß. Jörn-Ulrich Brödel und Ulf Uhlig bekommen tatsächlich je 25 Jahren Zuchthaus, Gerhard Schmale 15 Jahre. Zwischen vier und sieben Jahren müssen die Schüler im Gefängnis verbringen, bevor sie freikommen und in den Westen fliehen können. Am härtesten aber trifft es Hans-Joachim Näther. Er wird als „Rädelsführer“ zum „Tod durch Erschießen“ verurteilt. Was die vier Abiturienten nämlich nicht wissen: Stalin hat die 1947 in der Sowjetunion abgeschaffte Todesstrafe wieder eingeführt. 

Wenige Tage nach Ende des Prozesses schaffen die Behörden Näther nach Russland. Ein Gnadengesuch wird abgelehnt. Die Angehörigen bleiben Jahrzehnte im Ungewissen. Erst nach dem Fall der SED-Diktatur erfahren sie von Näthers Hinrichtung: am 12. Dezember 1950, drei Tage nach seinem 21. Geburtstag.

Am gleichen Tag wie Hans-Joachim Näther wurde in Moskau der Altenburger Lehrer Wolfgang Ostermann hingerichtet, sein Kollege Siegfried Flack drei Tage später durch Genickschuss. Sie waren 21 und 22 Jahre alt. Ostermann und Flack hatten eine eigene Widerstandsgruppe aufgebaut. Von dem Störsender wussten sie wohl nichts. Ludwig Hayne, der zum Umfeld der vier Schüler gehörte, wurde im April 1951 erschossen – mit gerade mal 19 Jahren.

Benedikt Vallendar/red

13.12.2019 - DDR , Historisches , Schule , Widerstand