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Zum 1300. Todestag Ruperts von Salzburg

Ein Heiliger des Ostersonntags

Rupert von Salzburg ist eine der ältesten „Marken“ des süddeutschen Raums. Wo Rupert draufsteht, ist meist Salzburg drin. Doch Rupert ist mehr als die österreichische Bischofsstadt. Er gilt auch als „Apostel der Baiern“. Der ganze Alpen-Donau-Raum ist mit einem Netz von Rupert-Kirchen überzogen, das sich von Regensburg bis ins slowenische Pettau (Ptuj) spannt. Wer war dieser Mann?

Rupert stammte aus einer der vornehmsten Familien des Frankenreichs: dem Geschlecht der Rupertiner/Robertiner. Jüngere genealogische Forschungen attestieren Rupert eine illustre Verwandtschaft, die viele Bischöfe und Fürsten am unteren Rhein sowie im Raum Maastricht stellte. Eine enge Verwandte Ruperts war wohl auch Folchaid, Frau des um 717 gestorbenen bairischen Herzogs Theodo II. 

Ganz Bayern bekehrt

Zu Rupert ist eine mehrteilige Legende überliefert, die viele Jahrzehnte nach seinem Tod niedergeschrieben wurde. Als erster hat wohl der irisch-stämmige Salzburger Bischof Virgil (um 700 bis 784) daran gestrickt. Sie präsentiert Rupert als „Musterbischof“, der mit dem Herzogshaus ganz Bayern bekehrt und zum Motor des Wiederaufbaus einer Region wird, die die Völkerwanderung verheert hat. 

Generationen von Historikern haben sich daran abgearbeitet, das tatsächlich Geschehene zu rekons­truieren. Einig wurde man sich nur darin, dass Rupert 696 Bischof von Worms am Rhein war und irgendwann vor 716 die Relikte des antiken Iuvavum so gründlich in Schuss brachte, dass daraus die Kirchenmetropole Salzburg erwachsen konnte.

Die frühmittelalterlichen Bajuwaren, die Vorläufer der Baiern, waren zu Ruperts Zeit längst Christen und mussten nicht „missioniert“ werden. Ihre Kinder wurden getauft, ihre Toten nicht mehr in Reihengräbern, sondern um Kirchen herum bestattet. Was im Vergleich zu Irland, Britannien oder Frankreich aber fehlte, waren Klöster und Bischofssitze. 

Sie erst schufen ein Reservoir an Menschen, die lesen und schreiben konnten, repräsentative Bauten, in denen der Adel des Landes die Hochfeste feiern, nicht erbberechtigte Kinder unterbringen und seine Toten würdig bestatten konnte. Wer in der kulturellen Rangfolge der Zeit bestehen wollte, brauchte alphabetisierte Kleriker und eine Infrastruktur, die sie versorgte und schützte.

In diesem Sinne wollte auch Herzog Theodo seine Regentschaft durch eine feste Kirchenstruktur sichern. Dazu warb er einen Experten an, den er in seinem Verwandten Rupert fand. Dieser reiste aus Worms an, sichtete die Lage und gab Anweisungen. Mit materieller Rückendeckung des in Salzburg regierenden Zweigs der Herzogsfamilie baute er Kirchen aus und errichtete neue. 

Ein Männerkloster wurde durch Zuzug aus Worms aufgefrischt. Herzogin Regintrud finanzierte am befestigten Nonnberg ein erstes „geistliches Frauenhaus“ Bayerns, das Ruperts Verwandte Erintrud organisierte. Damen vornehmer Sippen konnten hier nun geschult werden, die standesgemäße Heirat abwarten oder einen würdigen Witwenstand verbringen. 

Nach getaner Tat kehrte Rupert nach Worms zurück. Anders als der bei einer parallelen Aktion ermordete fränkische Bischof Emmeram erledigte Rupert die Sache in Salzburg offenbar konfliktfrei und so solide, dass Herzog Theodo 716 nach Rom pilgern und die formelle Einrichtung von Bistümern für sein Land erwirken konnte. 

Wann genau Rupert starb, war lange unbekannt. Die Forschung konnte die Zeit nur auf die Jahre zwischen 716 und 720 eingrenzen. Hier nun springt die Tradition ein: Ruperts Vita hält fest, dass er am Tag der „Resurrectio Domini“ verstorben sei, am Tag der Auferstehung des Herrn. Die Kalender der Zeit bezeichneten damit den 27. März. 

Das erste Osterfest

Die Kirchenväter hatten nämlich die Höhepunkte der Heilsgeschichte auf den antiken Jahresbeginn am 25. März datiert: die Erschaffung der Welt, die Menschwerdung des Gottessohnes in Maria neun Monate vor der Geburt und die Erlösung am Karfreitag. Somit fiel das erste Osterfest eben auf den 27. März. 

Der Verfasser der Vita hätte das Datum auch anders vermerken können: VI Kalendas Aprilis. So aber nahm er als zweite Lesart von „Resurrectio Domini“ in Kauf, dass Rupert am Ostersonntag gestorben war. Tatsächlich behaupteten die Chroniken spätestens ab der Jahrtausendwende genau das. Die maßgeblichen Forscher wiederum taten das als frommes Missverständnis ab. 

Was, wenn beide Lesarten stimmen: ein 27. März, der zugleich Ostersonntag war? Eine Überprüfung ergibt: Diese Koinzidenz ist äußerst selten. Zwischen 630 und 790 fiel der Ostersonntag nur zweimal auf einen 27. März: 707 und 718! Erstleser der Vita in den 780er Jahren konnten somit folgern: Rupert starb am 27. März 718, als dieser Tag zuletzt ein Ostersonntag gewesen war. 

Geschichte und Tradition offerieren somit allen Rupert-Kirchen ein Angebot, ihren Patron zeitlich zu verankern und zu feiern. Die zentra­le Botschaft der Vita aber ist ohnehin eine andere. Sie lautet: Unterm Krummstab ist gut leben! Rupert war kein Karfreitags- sondern ein Ostersonntag-Heiliger. Seine Heiligkeit speist sich nicht aus Weltflucht oder Martyrium. Er war vielmehr ein begnadeter Organisator, der aus Ruinen neues geistliches Leben und Wohlstand erweckte.

Rupert Klieber

Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte am Institut für Historische Theologie der Universität Wien.