Anzeige

Hôtel-Dieu im französischen Beaune

Ein Palast für Arme und Kranke

Wo die Gottesmutter im Stadtwappen nicht nur ihr Kind, sondern auch eine Traubenrebe in Händen hält, steht eines der schönsten Kulturdenkmäler Frankreichs: das Hôtel-Dieu in Beaune mit seinen bunten Dächern. Am Fuß der Weinberge gründete Nicolas Rolin vor 575 Jahren das Armenkrankenhaus. Wohlhabende vermachten der Einrichtung Geld oder Boden. Die Stiftung gibt es noch immer. Jährlich kommen über 400 000 Touristen.

Der 100-jährige Krieg und die Pest hatten die Region ins Elend gestürzt. Auch Beaunes Krankenhäuser waren im Kampf gegen die Engländer zerstört worden. Der burgundische Ritter Rolin (1376 bis 1462) kannte die Not und wandte sich an Papst Eugen IV. Mit 65 Jahren bat Rolin 1441 den Pontifex um Privilegien für das geplante Hospital. Der Papst willigte ein. 

Beaune war eine befestigte Stadt, verkehrsgünstig gelegen und schon damals Weinbauzentrum. Mit der Stiftung handelte Rolin seinem Stand entsprechend. Sie brachte ihn dem Seelenheil näher – aber auch Rang und Würde. Das ebenso karitative wie prunkvolle Haus erinnert an ihn. Arme und Alte wurden hier über Jahrhunderte gepflegt.

Kunstvolle Fußböden, edle Teppiche und Glasfenster, Zinnteller und Becher – etliche Gegenstände ließ Rolin mit seinen und den Initialen seiner dritten Frau Guigone de Salins (1403 bis 1470) verzieren. Betend ist das Paar auf der Außenseite des Flügelaltars von Roger van der Weyden (1400 bis 1464) dargestellt. Dahinter schweben Engel mit den Wappen der Stifter. 

Das aufgeklappt gut fünfeinhalb Meter breite Ölbild hing lange im großen Krankensaal. Es zeigt auf neun Tafeln das Jüngste Gericht. Für Sterbende wurde es komplett geöffnet. Sie durften auf den Erzengel Michael schauen: Der wägt die Totenseelen, von vier Gerichtsengeln mit Posaunen begleitet. Heute wird das mehr als zwei Meter hohe Kunstwerk in einem klimatisierten Raum aufbewahrt. 

Als religiöser Wohltäter verfügte Rolin in der Stiftungsurkunde vom 4. August 1443, dass fortan morgens um 8 Uhr Weißbrot an Bedürftige verteilt werden sollte. Dabei war Weißmehl damals Luxus. Gewöhnlich aß man braunes Brot. Für 100 Patienten und Angestellte im Hôtel-Dieu gab es zwei Priester, die um 8 Uhr Gottesdienst in der Kapelle hielten. Diese Geistlichen durften den Kranken und dem Personal vor dem Tod die Generalabsolution erteilen. Weitere Sonderrechte: Das Haus unterstand direkt dem Papst und war von der Gerichtsbarkeit des Bischofs von Autun befreit.

Erbaut wurde das Hôtel-Dieu im flämischen Stil. Nach außen hin wirkt es eher nüchtern. Erst im weitläufigen, mit Kopfsteinen gepflasterten Innenhof zeigt sich Beaunes Wahrzeichen in voller Pracht: ein Ensemble aus Fachwerk, Galerien, hohen Kaminen, verschnörkelten Erkern und Dächern. Faszinierend ist die Farbenpracht der glasierten Terracotta-Ziegel in geometrischen Mustern. 

26 Stationen umfasst der Rundgang mit dem Audioguide. Auf Französisch, Englisch oder Deutsch wird lebendig über Geschichte und Alltag des Krankenhauses informiert. Für Kinder gibt es eine Ex­tra-Fassung. Noch bis 1971, erfährt man da, lagen Patienten im großen Armensaal. 72 auf 14 Meter misst er. Zusammen mit der Kapelle bildet er das Herz des Hauses. Über der Tür hängt seit Jahrhunderten eine Skulptur, die Christus im Elend zeigt. 

Ein Bett für zwei Kranke

Je 15 Holzbetten, an beiden Längsseiten des Saals aneinandergereiht, boten Platz für zwei Kranke. Sie sollten sich gegenseitig wärmen – eine Heizung gab es nämlich erst später. Dicke rote Vorhänge umgaben die Betten. Die Gewölbedecke aus Eichenbalken trägt Schnitzereien: Bizarre Gestalten, Köpfe und Drachen blicken herab. 

Kupferne Kochtöpfe und riesige Pfannen, blitzblank poliert, erzählen in der Küche vom harten Alltag der „Sœurs Hospitalières de Beaune“, der Ordensschwestern, die die Menschen im Hôtel-Dieu versorgten. Als Getränk reichten sie den Patienten Rotwein. Weißwein reinigte Wunden. Auch Pilger und Reisende fanden Unterkunft. 

Heute betreibt die Stiftung moderne Krankenhäuser und Senioren­einrichtungen. Die „Hospices de Beaune“ finanzieren sich über die Museumseintritte. Gute Erträge bringt das 60 Hektar-Weingut mit edelsten Tropfen. Seit 1859 steigt einmal jährlich im November eine Weinauktion. Bis zu 40 000 Euro bieten renommierte Händler für ein 228-Liter-Holzfass. Mit dem Erlös werden auch Gesundheitsprojekte finanziert. 2017 floss das Geld in die Alzheimer-Forschung. 

Asgard Dierichs

24.08.2018 - Historisches , Magazin