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Exklusiv-Interview mit Peter Voß

Ein Journalist schlägt Brücken

Er war Moderator des ZDF-„heute-journals“ und bis 2007 erster Intendant des Südwestrundfunks: Peter Voß begeht an diesem Freitag seinen 81. Geburtstag. Im Exklusiv-Interview spricht der langjährige Fernsehjournalist und Rundfunkmanager über die nötige Distanz im Journalismus, die Kommunikation der Kirche und seine Vorstellung von Gott.

Herr Voß, können Sie sich ein wenig beschreiben?

Um in die Falle des Selbstlobs zu tappen? Aber sei’s drum: Ich bin ein Kriegskind aus sogenannten einfachen Verhältnissen, das seine persönliche Lehre aus der Geschichte gezogen und sich auf seinem Weg nach Kräften bemüht hat, den Versuchungen der Ideologien wie auch des Opportunismus zu widerstehen. Nur deshalb kann ich auch Lyriker sein; denn das setzt den teilnehmenden, doch zugleich illusionsfreien Blick auf die Phänomene des real existierenden Lebens – auch des eigenen – voraus.

Warum hat guter Journalismus mit Distanz zu tun?

Weil die Nähe zu Personen, Sachen, Bewegungen, Mächten, Autoritäten eine Befangenheit erzeugt, die dem davon Befallenen gar nicht mehr auffällt und den klaren Blick auf die Wirklichkeit trübt und verzerrt.

Ist umgekehrt ein Interviewer mit Nahebezug zum Befragten schon deshalb ein schlechter Journalist?

Wenn er das Problem sieht, kann er gleichwohl kritisch fragen. Oder auch das Interview „unbelasteten“ Kollegen überlassen. So hielt ich es einst mit Helmut Kohl, der mir zwar als Person nicht sehr lag, dessen Politik ich aber im Kern richtig fand. Politische Gegner würdigten ihn gern zum Pfälzer Provinzdeppen herab, was allzu viele Journalisten allzu eifrig übernahmen. Als Kommentator habe ich Kohl – schon vor der deutschen Einheit – offen verteidigt „gegen die Halbgebildeten unter seinen Verächtern“, wie ich fröhlich anmerkte. Doch mit Interviews hielt ich mich zurück.

Weshalb muss ein guter Journalist mehr als gut recherchieren, kritisch nachfragen, fair berichten und darüber hinaus Brücken schlagen?

Er muss erst einmal wissen, was er recherchieren soll. Welche Themen sind wichtig, also für die Lebenswirklichkeit der Mitmenschen von Belang? Welche sind wenigstens interessant genug, um ihre Aufmerksamkeit zu verdienen? Wenn er da das richtige Gespür hat und dann handwerklich sauber arbeitet, wird er auch „Brücken schlagen“, ohne dass er dies direkt anstreben müsste.

Medien, Meinung, Mission: Wieso verbindet diese Worte mehr als  der Anfangsbuchstabe?

Die Meinung ist ein als Orientierungshilfe unentbehrliches und zudem unvermeidliches, wenn auch überschätztes Element der Medienwelt. Sie äußert sich ja nicht nur in Kommentaren, sondern schleicht sich auch permanent in die faktenbezogene Berichterstattung ein. Aber die Meinung als solche taugt nicht viel: Meinungen sind so alltäglich wie ansteckend. Wer sie hat, verbreitet sie. Es kommt aber auf die Begründung an, die logisch stichhaltig und/oder empirisch überprüfbar sein sollte – und wenn sie es nicht ist, wird der Journalist zum Missionar, und zwar zu einem schlechten.

Sie sind Journalist und Lyriker. Was verknüpft Poesie, Journalismus und Spiritualität?

Das Zusammenspiel von Fantasie und Genauigkeit auf allen Feldern der Lebenswirklichkeit, deren Durchdringung sich letztlich der Beweisbarkeit und damit dem Absolutheitsanspruch der Ratio entzieht.

Glauben Sie an Gott?

Mit der Vorstellung eines personalen Gottes tue ich mich schwer, denn eine Person wird ja durch ihre Grenzen definiert, Gott eben nicht. Mir genügt aber auch ein vager Pantheismus nicht, sofern er Gott auf ein geistiges Substrat des Universums reduziert und damit unterhalb der personalen Ebene ein­ordnet. 

Wenn Gott ist, dann ist er im qualitativen Sinne mehr als eine Person, ist die Überperson schlechthin, und alle personalen Bilder, die wir uns in der christlichen Tradition von ihm – etwa als „Vater“ – machen, können für mich nur als Annäherungen, als Metaphern wahr sein. Den Kirchen möchte ich mein Glaubensproblem nicht anlasten.

Begrüßen Sie es, wenn die Kirche eine Sprache findet, die die Menschen in ihrem Herzen und ihrer tiefsten Sehnsucht anspricht?

Wenn sie heute eine Sprache findet, wie sie einst ein Martin Luther fand oder ein Abraham a Santa Clara, kann ich das nur begrüßen. Mich stört es freilich, wenn sie auf platte Weise politisiert, wie es in meiner Evangelischen Kirche gang und gäbe ist. Wenn ein Pfarrer politisch predigt, müsste er als redlicher Demokrat dann auch im Gottesdienst zu einer Diskussion einladen und kontroversen Meinungen Raum geben. Sonst missbraucht er sein Amt.

Würde der „liebe Gott“ in den Sozialen Medien im Internet viele „Follower“ haben?

Das mag wohl sein. Es fragt sich nur, was dieser Gott dann noch mit der biblischen Botschaft zu tun hat. Aber dass die Kirchen sich just deshalb auf diesem Feld tummeln müssen, steht wohl außer Frage.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Nicht im Sinne der Auferstehung der Person. Letztlich muss ich vor der Frage kapitulieren – schon weil die damit vorausgesetzte „Ewigkeit“ ja nicht unendliche Zeit, sondern Zeitlosigkeit ist, also das nicht fassbare „ganz Andere“ anstelle der Einsteinschen „Raumzeit“, die ja auch schon meine Vorstellungskraft überfordert. Wie soll ich mir da vorstellen können, dass sich meine winzige Individualität in diesem ganz Anderen wiederfindet – auch wenn ich da wahrlich nichts ausschließen kann und mag.

Für welche Werte steht Peter Voß?

Für Freiheit und Ordnung, die in ihrer Wechselbeziehung immer neu gewichtet und ausbalanciert werden müssen.

Haben Sie ein Motto, eine Lebensphilosophie?

„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ (Joh 14,2) ist eine Metapher, deren innere Wahrheit mich unmittelbar ergreift. Und wenn’s auch noch ein moderner Klassiker von Ernst Jandl sein darf: „Manche meinen, lechts und rinks / kann man nicht velwechsern. / Werch ein Illtum!“ 

Interview: Andreas Raffeiner

28.01.2022 - Glaube , Interview , Journalismus