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Vatikan besorgt über Rechtsruck in Italien

Fremdenfeindliches Europa?

Der Papst und seine engsten Mitarbeiter sind besorgt, dass Europa immer „fremdenfeindlicher“ wird und sich von „populistischen Stimmen“ verführen lässt. Bei einer Konferenz in Rom sprach der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin davon, dass der Vatikan nun noch stärker als bisher für den besonderen Schutz von Migranten in Europa einstehen wird.

Die Nachricht des Wahlsiegs von rechtspopulistischen Parteien sowie der Protestbewegung „Fünf Sterne“ in Italien sorgt im Vatikan für Unmut. Italienische Politologen gehen sogar davon aus, dass etliche italienische Katholiken aus Protest gegen die „flüchtlingsfreundliche“ Haltung des Papstes und der italienischen Bischöfe gezielt jenen Parteien die Stimme gegeben haben, die sich für eine Ausweisung der rund 600 000 Migranten, die derzeit in Italien leben, aussprechen.

Der Spitzenkandidat der rechtspopulistischen Lega-Partei, Matteo Salvini, goss vor der Abstimmung am 4. März noch Öl ins Feuer. Bei Wahlkampfveranstaltungen trug er T-Shirts mit der Aufschrift: „Nur Benedikt XVI. ist mein Papst.“ Gleichzeitig schwor er auf der Bibel, dass er seine Wahlversprechen einhalten werde, und zeigte der Menge auch einen Rosenkranz, um zu beweisen, dass er ein „echter Christ“ sei. 

Viele italienische Kirchenvertreter kritisierten diese „billige Entweihung“ katholischer Symbole, die wichtig für Gläubige seien. Der Papst-Freund und Jesuitenpater Antonio Spadaro sprach von „unsäglichen Propaganda-Mitteln“.

Sehr besorgt äußert sich die Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ zum Vertrauen der Italiener in die Zukunft, das seit der Wirtschaftskrise von 2008 stark erschüttert sei. Die „Zeitung des Papstes“ beschreibt die Italiener als eine „Gesellschaft im Groll“, die ärmer und desillusionierter geworden ist. Das sei zumindest das Stimmungsbild einer großen Umfrage aus dem vergangenen Jahr. 

Vielen Menschen fehlten Per­spektiven. Das betreffe vor allem die Mittelschicht, nicht nur die unteren sozialen Schichten. Nicht wenige sehen in der Aufnahme der Flüchtlinge eine Bedrohung und eine „unfaire Behandlung“ – im Vergleich zu jungen Arbeitslosen, die oftmals keine staatliche Unterstützung bekommen.

Merkmal der Gesellschaft

Fremdenfeindlichkeit ist ein Phänomen, das ganz Europa betrifft und mit der Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre in engem Zusammenhang steht. Das ist dem Papst nicht entgangen und auch der „Nummer Zwei“ im Vatikan nicht: Kardinal Parolin sprach bei der Vorstandstagung der Internationalen Katholischen Migrationskommission in Rom vergangene Woche Klartext: Migration werde „nur als Notstand oder Gefahr“ wahrgenommen, dabei sei sie längst „ein charakteristisches Element unserer Gesellschaften“. Gleichzeitig fügte er an, dass es Aufgabe der Politik sei, sowohl für Sicherheit als auch für Integration zu sorgen.

Der Heilige Stuhl werde „sein Erziehungswerk fortsetzen“, auch wenn es „viel Zeit“ brauche. Die „Fünf-Sterne-Bewegung“ erzielte in Kammer und Senat 32 Prozent, das Mitte-Rechts-Bündnis von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi und der fremdenfeindlichen Lega von Salvini liegt in den beiden Parlamentskammern bei 37 Prozent. Der Heilige Stuhl wolle angesichts des Wahlerfolgs von europa- und migrationskritischen Parteien weiter für eine positive Haltung gegenüber Migranten werben, sagte Parolin.

Der Heilige Stuhl müsse „unter den Bedingungen arbeiten, die sich bieten“, sagte Parolin. „Wir können nicht die Gesellschaft haben, die wir gern hätten.“ Wichtig sei es, die Bevölkerung „von einer negativen Haltung zu einer positiveren Haltung gegenüber Migranten“ zu bewegen. Dies gelte unabhängig davon, ob die Voraussetzungen „mehr oder weniger günstig“ seien.

Mario Galgano

14.03.2018 - Flüchtlinge , Vatikan