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Überfall, Geiselnahme, Sklaverei

Gräueltaten für die Gurus

Sie nannten sich die „sieben Engel“: Zusammen mit ihrer Mutter führten die Brüder die „Seven Angels Ministries Church“, die Freikirche ihres verstorbenen Vaters. Statt zu predigen, unterzogen sie ihre Anhänger einer Gehirnwäsche und isolierten sie von der Außenwelt. Jetzt sind drei der „Engel“ tot – erschossen von der Polizei während einer blutigen Razzia. Die Südafrikaner rätseln, wie es so weit kommen konnte. 

Mitte Februar in Ngcobo, einer Einöde in der südafrikanischen Provinz Ostkap. Der Ort liegt im Schlaf, doch im Morgengrauen wird die ländliche Stille jäh unterbrochen: Eine bewaffnete Bande stürmt die Polizeistation, erschießt drei Offiziere und plündert die Waffenkammer. Auf ihrem Weg nach draußen entführt sie zwei weitere Polizisten und flieht in deren Dienstwagen. Bevor die vermummten Täter auch ihre Geiseln und einen Passanten erschießen, rauben sie eine Bank aus – und verschwinden spurlos.

Das Massaker in der Polizeistation wäre als bedeutungslose Akte unter unzähligen weiteren Gewaltverbrechen einsortiert worden – ein tragischer Vorfall, aber Routine für Südafrikas Polizei. Allerdings: Die Spur führte die Ermittler ausgerechnet zu einer „Kirche“, die sie bereits länger im Visier hatten. 2016 hatte die Polizei 18 Kinder befreit, die in völliger Isolation auf dem Gelände der „Seven Angels Ministries Church“ lebten. 

Im Kugelhagel

Aufgrund der einschlägigen Vorgeschichte entschieden sich die Mordermittler zu einer Razzia auf dem Gelände der Sekte – und fanden sich alsbald im Kugelhagel wieder. Das Feuergefecht zwischen den Predigern und den Sicherheitskräften forderte sieben Tote. Am Ende stürmte die Polizei das Gelände. Etliche Pistolen wurden sichergestellt, zehn Verdächtige festgenommen. 

Verstörend – anders lässt sich nach Ansicht der Südafrikaner die Aufarbeitung der Razzia nicht beschreiben. Bei der Räumung des Sektenkomplexes konnten die Polizisten an die 100 Frauen und Mädchen befreien, die den Sektenführern als „Sex-Sklavinnen“ gedient haben sollen. Die jüngsten von ihnen waren nach Polizeiangaben gerade einmal zwölf Jahre alt. 

Zusammen mit anderen Anhängern der „Seven Angels Ministries Church“ lebten sie in Baracken ohne Toiletten und schliefen auf dem Boden. Erwachsenen war es untersagt zu arbeiten. Kinder durften keine Schule besuchen – weil dort nach den Worten der Führer der „Teufel“ wohne. Keines der Kinder besaß eine Geburtsurkunde. Ältere mussten ihre Rente an die Gurus abgeben. 

In völliger Abgeschiedenheit soll­-
ten die 200 Anhänger auf die Rückkehr Jesu auf Erden warten, fernab von ihrer Familie und staatlichem Einfluss. „Der Heilige Geist steht höher als die Verfassung“, wird einer der Betreiber des Komplexes, Banele Mancoba, zitiert. Unterdessen verzichteten die sieben Brüder, die die „Kirche“ 2015 von ihrem Vater geerbt hatten, dem selbsternannten Bischof Siphiwo Mancoba, keineswegs auf weltlichen Genuss: Sie fuhren etwa Luxusautos. 

Missstände bekannt

„Das ist ein satanischer Ort, getarnt als Kirche“, betont der frühere Polizeiminister Fikile Mbalula. Die junge Nation fragt sich nun: Weshalb mussten erst 13 Menschen sterben, ehe wirkungsvoll gegen die Sekte vorgegangen wurde? Die Missstände in Ngcobo waren spätestens seit der Kinderbefreiung bekannt. Die lokale Sozialministerin hielt schon vor zwei Jahren fest: Die Mitglieder leben in „unmenschlichen und unchristlichen“ Zuständen. 

Religionsschützer machen nun das Parlament verantwortlich. „Wir wussten, es handelt sich bei dieser ,Kirche‘ um eine tickende Zeitbombe“, sagt Thoko Mkhwanazi-Xaluva von der Kommission für den Schutz von Kultur-, Religions- und Sprachgruppen (CRL). „Wiederholt haben wir gewarnt, dass etwas Schreckliches passieren wird und Menschen sterben werden, sofern wir keinen Mechanismus finden, um die Anführer zur Verantwortung zu ziehen und aus dem Kirchenregister zu streichen.“ 

Bis vor kurzem kannten nur die wenigsten Südafrikaner die CRL. Das änderte sich, als in den vergangenen drei Jahren etliche Freikirchen aus dem Boden sprossen. Anführer dieser charismatisch geprägten Sekten ist meist ein selbsternannter Prophet. So wie Lethebo Rabalago. Er sorgte für Schlagzeilen, als er seinen Anhängern Insektenspray ins Gesicht sprühte, um sie zu „heilen“. Andere zwielichtige Gurus gaben ihren Verehrern Benzin zu trinken oder verfütterten ihnen Schlangen und Gras. 

Fotos aus dem Himmel

Ins Visier der Ermittler rückten Südafrikas „Propheten“ nicht nur wegen des körperlichen Schadens, den sie ihren Anhängern zufügen. Auch die Kommerzialisierung von Religion ist ein Thema. Ein Sektenvertreter etwa verkaufte Fotos, die er bei einem Nahtoderlebnis im Himmel gemacht zu haben vorgab. 

Anfang des Jahres kündigte Südafrikas Steuerbehörde erstmals Ermittlungen gegen diverse Freikirchen des Landes an. Im Fokus stehen demnach „Religionsführer, die sich auf Kosten der Finanzgesetze und ihres selbstlosen und philanthropischen Auftrags bereichern“. Die Steuerfahnder wollen mit den Religionsschützern der CRL zusammenarbeiten. 

Religion regulieren?

Voriges Jahr hatte die Aufsichtsbehörde dem Parlament empfohlen, sämtliche Kirchen des Landes zu erfassen und durch Religionskomitees zu regulieren. Hätte die Legislative diesen Vorschlag umgesetzt – das Massaker in Ngcobo wäre wohl verhindert worden, ist Kommissions­vorsitzende  Mkhwanazi-Xaluva überzeugt: „Die Kultmitglieder saßen herum und warteten auf Jesus. Wir warnten das Parlament, dass diese Menschen schnellstmöglich Aufmerksamkeit benötigen.“ 

Die Gesetzgeber in Kapstadt weisen die Vorwürfe allerdings zurück: „Die Ansicht der Kommissionsvorsitzenden ist verstörend. Was in Ngcobo passierte, ist schlicht ein Verbrechen, und die Strafverfolgungsbehörden kümmern sich bereits darum.“ Das Parlament in Südafrika ist traditionell zurückhaltend, was die Einschränkung der Religionsfreiheit angeht – selbst wenn es um irgendwelche Sektenkirchen geht. 

Das hat einen Grund: Südafrikas  Verfassung wurde 1994 nach dem Ende des Apartheid-Regimes neu geschrieben. Sie sieht einen umfassenden Schutz von Religionsgruppen vor. Mkhwanazi-Xaluva betont jedoch: Es gehe nicht um die Glaubensgemeinschaften an sich, sondern um ihre Mitglieder und deren Schutz. Ihr nächster Schritt führt sie nun vor Südafrikas Verfassungsgerichtshof: Der Richterspruch soll klären, ob die Sekten reguliert werden dürfen.

Markus Schönherr

07.03.2018 - Ausland , Religionsfreiheit , Terror