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Vor gemeinsamem Kirchentag

Eine Koalition der Denkenden

2021 soll ein wichtiges Jahr für die Ökumene werden. Jedenfalls wünschen sich das die Organisatoren des Ökumenischen Kirchentags im Mai in Frankfurt, wenn auch die Planungen dafür coronabedingt angepasst werden müssen. Bischof Gerhard Feige aus Magdeburg, der Ökumene-Verantwortliche der Deutschen Bischofskonferenz, hält das Treffen für einen „Gradmesser“ im Miteinander der Konfessionen. Im Interview spricht er über Perspektiven für ein gemeinsames Abendmahl und den hier und da auftretenden „begrenzten Dissens“ zwischen den ökumenischen Partnern.

Bischof Feige, Sie hatten im Dezember einige ökumenische Konferenzen. Was meinen Sie: Wie ist die ökumenische Großwetterlage?

Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten, denn die Ökumene ist komplex und kompliziert. Es gibt Unterschiede zwischen offiziell und inoffiziell, national und international, amtlich und persönlich, theologisch und pastoral. Aber wenn ich es zusammenfassen soll, würde ich sagen: Insgesamt gab es schon einmal erfreulichere Phasen.

Was ist denn im Moment weniger erfreulich?

Wenn wir mal das Verhältnis zur Orthodoxie nehmen: Da gab es vor Jahren, als etwa 2006 der theologische Dialog zwischen uns wieder aufgenommen wurde, hoffnungsvolle Aufbrüche. Das ist jetzt viel schwieriger durch die Spannungen zwischen den orthodoxen Kirchen, etwa durch den Ukraine-Konflikt. Nun könnte man sagen: Was gehen uns innerorthodoxe Konflikte an? Aber sie belasten das katholisch-­orthodoxe Verhältnis schon stark.

Erfreulich ist hingegen, dass Papst Franziskus gerade in einer neuen Verlautbarung die Bedeutung der Ökumene gestärkt hat.

Ja. Das ökumenische Vademecum des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit, das mit Zustimmung des Papstes veröffentlicht wurde, stellt deutlich heraus, dass Ökumene nicht nur irgendein kleiner Teilbereich ist, sondern ein wesentlicher Auftrag für die Kirche und besonders für die Bischöfe. Das ist weltweit ein wichtiges Zeichen. Ich bin dankbar, dass für die Kirche in Deutschland das alles ziemlich selbstverständlich ist. Heiße Eisen werden in dem Text allerdings nicht angefasst.

Heiße Eisen wie etwa die gegenseitige Einladung von Katholiken und Protestanten zum Abendmahl – in Deutschland wahrscheinlich der ökumenische Aufreger des vergangenen Jahres. Hat die Debatte das Verhältnis der Kirchen belastet?

Nein, das würde ich nicht sagen. Wir haben kurz vor Weihnachten bei dem Kontaktgespräch zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der EKD natürlich auch darüber gesprochen. Klar ist, dass wir das Votum des Ökumenischen Arbeitskreises, dass eine gegenseitige Einladung schon jetzt möglich ist, gemeinsam würdigen, dass wir Fortschritte sehen. Klar ist aber auch, dass wir noch Fragen haben und dass wir im Detail unterschiedliche Positionen einnehmen.

Was heißt das konkret?

Für die Kirchen der EKD stellt es kein Problem dar, katholische Christen in ihren Gottesdiensten zum Abendmahl einzuladen. Wir können das umgekehrt nicht, jedenfalls nicht offiziell und generell. Allerdings sehen wir als katholische Kirche in Deutschland durchaus Spielraum für die persönliche Gewissensentscheidung des Einzelnen. Anders als das das römische Papier angedeutet hat.

Kann es sein, dass Ihre evangelischen Partner manchmal etwas Mitleid mit Ihnen haben, was die innerkatholischen Konflikte angeht?

Ja, das könnte man vielleicht so sagen. Wir Bischöfe nehmen das auch nicht einfach cool hin, wenn solche Einsprüche aus Rom kommen. Und das spüren die evangelischen Partnerinnen und Partner auch. Wir gehen in unseren Gesprächen sehr einfühlsam miteinander um. Da gibt es keinen persönlichen Schlagabtausch, sondern großes Verständnis für die Probleme der anderen.

Sehen Sie für die nächste Zeit Perspektiven in der Abendmahlsfrage?

Was offizielle Entscheidungen angeht, nicht unbedingt. Aber wir lassen bei der Frage nicht locker. Wir überlegen zum Beispiel, bei einem Studientag die unterschiedlichen Positionen zu diskutieren. Und auch der Ökumenische Arbeitskreis wird eine Entgegnung auf die römischen Einsprüche formulieren. Das Thema ist weiter akut und drängt zu sensiblen Lösungen.

Ist die Basis noch viel ungeduldiger, als die Bischöfe es sind?

Ja, ich glaube schon, dass die Basis noch enttäuschter ist, wenn solche Signale kommen. Andererseits müssen wir auch sehen, dass die Basis durchaus gemischt ist. Es gibt diejenigen, die ökumenisch sehr bewegt sind und denen das alles nicht schnell genug geht. Es gibt aber auch diejenigen, die das ganz anders sehen. Und ich als Bischof muss beides wahrnehmen und kann mich nicht nur auf eine Seite schlagen.

Sie haben angesprochen, dass die katholische und die evangelische Kirche in der Abendmahlsfrage unterschiedliche Positionen haben. Die haben sie aber auch bei anderen Themen. Für Irritationen hat im Herbst die Aussage des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister gesorgt, dass aktive Sterbehilfe auch in kirchlichen Einrichtungen möglich sein müsse. Wie einig sind sich die Kirchen in Sachen Bioethik?

Im Grundsatz sehr einig. Das hat schon vor Jahren eine gemeinsame Studie herausgestellt. In unserem Menschenbild und in unserer Verwiesenheit auf Gott gibt es keine großen Unterschiede. Abweichungen gibt es aber in Einzelfragen. Theologen nennen das einen begrenzten Dissens.

Aber die Frage, ob aktive Sterbehilfe geleistet wird oder nicht, ist doch kein ganz kleiner Dissens.

Nein, dieser Dissens hat tatsächlich gravierende Folgen. Aber man muss auch sehen, dass das nicht die Position der evangelischen Kirche insgesamt ist. Es ist eine Stimme in einer ganzen Palette von Meinungen. Und wir stimmen auch völlig darin überein, dass die Suizidprävention und die Palliativversorgung ausgebaut werden müssen und dass kein gesellschaftliches Klima entstehen darf, in dem aktive Sterbehilfe eine normale Dienstleistung wird.

Sind die Meinungsverschieden­heiten also halb so schlimm?

Nicht in dem Sinne, als ob das eine Bagatelle wäre. Aber manche Kritiker sehen jetzt gleich die ganze Ökumene in Gefahr oder betrachten die Frage als Testfall für die Glaubwürdigkeit der Ökumene. Und da sage ich: Wir sollten nüchtern bleiben. Es gibt einen begrenzten Dissens, ja, und der wird auch nicht unter den Teppich gekehrt. Aber es gibt sehr viel mehr Gemeinsamkeiten – und die Unterschiede laufen oft quer durch die Kon­fessionen.

Gemeinsam betroffen sind die Kirchen von der Corona-Krise. Gemeinsam wurden sie gerade im Frühjahr auch kritisiert. Hat die Krise die Ökumene gestärkt?

Zumindest haben sich viele ökumenische Kontakte bewährt und zu verschiedenen gemeinsamen Aktionen geführt. Ich denke zum Beispiel an das Gemeinsame Wort von evangelischer, katholischer und orthodoxer Kirche Ende März, als alle Gottesdienste verboten waren.

Oder dass es in der Osternacht erstmals überhaupt ein ökumenisches „Wort zum Sonntag“ im Fernsehen gab. Oder das ökumenische Glockenläuten rund um Ostern. Oder die gemeinsame Aktion „Gott bei euch“ zu Weihnachten. Überhaupt waren zu Weihnachten viele ökumenische Krippenfeiern oder andere Gottesdienste geplant – die dann aber leider meist abgesagt werden mussten.

Und dann wurde es doch eher konfessionell.

Ja, aufgrund der zahlenmäßigen Beschränkungen haben sich die meisten Gemeinden dann doch eher in ihre eigene Kirche zurückgezogen. Aber als Live-Stream gab es doch einige ökumenische Feiern – ich würde sagen: mehr als sonst an Weihnachten. 

Und übrigens haben erstmals auch Adveniat und Brot für die Welt gemeinsam zu Spenden aufgerufen. Insgesamt würde ich sagen, dass die Kirchen und die Christen sich in all den Einschränkungen sehr ökumenisch verbunden gefühlt haben.

Das öffentliche Bild der Ökumene war lange geprägt von dem ­Dream­team Marx/­Bedford-Strohm. Der Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz hat schon gewechselt, Heinrich Bedford-Strohm tritt in diesem Jahr nicht mehr für den EKD-Vorsitz an. Was erwarten Sie für das gerade begonnene Jahr?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass es weiter vorangeht. Natürlich sind Personen wichtig, besonders, wenn sie in der Öffentlichkeit stehen. Aber Georg Bätzing ist genauso ökumenisch engagiert wie sein Vorgänger Reinhard Marx. 

Und auch wenn wir nicht wissen, wer neuer Ratsvorsitzender der EKD wird, habe ich da keinerlei Bedenken. Die Ökumene ist von den Gemeinden vor Ort bis zu den Bischöfen auf so breiter Ebene fest verwurzelt, dass es gut weitergehen wird.

Obwohl der Höhepunkt, der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt nicht wie geplant stattfinden kann. Wie sehr bedauern Sie das?

Natürlich sehr – wobei wir aber immer noch davon ausgehen, dass er nicht völlig ausfallen muss. Der Kirchentag ist ja eine Art ökumenischer Gradmesser. Der erste, 2003 in Berlin, war ein echter Aufbruch. Der zweite, 2010 in München, war einerseits sehr verregnet, aber wenn ich an die Brotsegnung zurückdenke: Das war ein sehr großes ökumenisches Zeichen.

Andererseits muss man sagen: Die Zahl derer, die sich bei einem solchen Fest begeistern lassen, ist begrenzt, selbst, wenn es 100 000 sind. Die Ökumene wird weitergehen, so oder so. Zumal wir besonders durch die ökumenischen Feiern rund um das Reformations­jubiläum 2017 zu einem wirklich stabilen Miteinander gefunden haben.

Zu Beginn unseres Gesprächs haben Sie gesagt: Es gab schon erfreulichere Phasen. Gibt es dennoch etwas, das Ihnen ganz besonders Freude macht?

Tatsächlich ein internationaler katholisch-orthodoxer Arbeitskreis, der vom Johann-Adam-Möhler-­Institut in Paderborn ins Leben gerufen worden ist und den Namen des heiligen Irenäus von Lyon trägt. Dort treffen sich inoffizielle Vertreter beider Kirchen und diskutieren sehr intensiv über theologische Fragen.

Ich sage es mal so: Da wird gedacht, nicht nur verfochten – und es macht mir viel Spaß, intensiv nachzudenken und dabei die anderen, aber auch sich selbst, besser kennenzulernen. Besonders froh bin ich natürlich auch über die hervorragenden evangelisch-katholischen Beziehungen in unserer mitteldeutschen Region.

Fehlt Ihnen das sonst?

Ja, manchmal fehlt mir das in anderen Zusammenhängen: dieses intensive Nachdenken, bevor man vorschnell irgendwelche Meinungen verteidigt. Der tschechische Theologe Tomáš Halík hat kürzlich geschrieben: „Ein halbes Jahrhundert meines Lebens habe ich den großen Traum geträumt von der Vereinigung aller, die an Christus glauben. Heute hat sich dieser Traum von mir in Luft aufgelöst.“

Schuld daran, sagt Halík, ist, dass es auch unter Christen viel zu viele Fundamentalisten und Fanatiker gibt. Und er sagt – und zitiert damit Kardinal Martini: „Ich habe keine Angst vor Menschen, die nicht glauben, sondern vor Menschen, die nicht denken.“ Das sehe ich auch als Zukunftsaufgabe: eine Koalition aller denkenden Menschen, egal ob sie Christen sind oder nicht.

Interview: Susanne Haverkamp

28.01.2021 - Bischöfe , Interview , Ökumene