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Luitgard von Wittichen

Die „Heilige des Mutterschoßes“

SCHENKENZELL – Sie wurde nie förmlich heiliggesprochen und doch wird sie bis heute in Teilen des Schwarzwalds wie eine Heilige verehrt: Die deutsche Mystikerin Luitgard von Wittichen starb an einem 16. Oktober um das Jahr 1348, also vor 670 Jahren, der Überlieferung nach an der Pest. In Wittichen, wo sie als Klostergründerin und Äbtissin wirkte, erinnert immer am zweiten Oktobersonntag ein großes Fest mit Gottesdienst und Prozession an sie.

Luitgard wurde 1291 nahe Schenkenzell im Schwarzwald geboren. Nach Angaben des Ökumenischen Heiligenlexikons war sie die Tochter eines wohlhabenden Bauern und wurde mit einer leichten Behinderung, einem schiefen Hals, geboren. Schon als Kind habe sie sich durch große Frömmigkeit und Hilfsbereitschaft ausgezeichnet. Mit zwölf Jahren fand sie Aufnahme in einem Beginenhaus, wo sie 20 Jahre in Armut lebte. Beginen legten ein Gelübde auf Zeit ab und führten ein eheloses Leben in Gemeinschaft, aber nicht in Klausur.

Um 1324 soll Christus der jungen Luitgard erschienen sein und ihr die Gründung eines Klosters aufgetragen haben. Nachdem sie Gelder für das Vorhaben gesammelt hatte, zog sie ins Witticher Tal und gründete dort für sich und 33 Mitschwestern eine Klause. Die Anzahl leitete sie aus den 33 Jahren ab, die Jesus der Tradition zufolge auf Erden wandelte. Noch zu ihren Lebzeiten soll sich die Anzahl der Schwestern verdoppelt haben. 

Bis zu ihrem Tod war Luitgard Äbtissin des Klosters. Auf einer Reise zum Papst nach Avignon warb sie zunächst vergeblich um Anerkennung ihrer Gemeinschaft  von Franziskaner-Tertiarinnen. Erst durch die Unterstützung von Agnes, der einflussreichen Witwe des ungarischen Königs Andreas III., erteilte der Papst seinen Segen.

Luitgard war von großer Liebe zu ihren Mitmenschen erfüllt. Oft äußerte sich dies in einer so ausgeprägten Freigiebigkeit, dass sie lieber selbst Hunger litt, als einem Armen oder Kranken ein Stück Brot zu versagen. Als der „Schwarze Tod“ über Mitteleuropa hereinbrach, pflegte Luitgard selbstlos Pestopfer. An einem 16. Oktober, wohl 1348 oder 1349, fiel sie selbst der tödlichen Seuche zum Opfer. In manchen Quellen wird ein etwas früheres Todesjahr angegeben. 

Luitgards Beichtvater, Berchtold von Bombach, verfasste bereits kurz nach ihrem Tod eine Lebensbeschreibung der Klostergründerin. Als 1629 ihr Sarg geöffnet wurde, wurde ihr Gehirn der Überlieferung zufolge völlig unversehrt vorgefunden – für die Zeitgenossen ein unerklärliches Wunder. Seither pilgern zahlreiche Gläubige nach Wittichen, um im Gebet Kraft und Trost zu erbitten. 

Obwohl sie nie selig- oder gar heiliggesprochen wurde, wird Luitgard bis heute verehrt. Besonders bei Problemen während der Schwangerschaft, bei Fehlgeburten oder ausbleibendem Kinderwunsch wird sie um Beistand angerufen: Im Kinzigtal gilt sie daher als „Heilige des Mutterschoßes“. Auch Jakobspilger, die auf dem Kinzigtäler Jakobusweg in Richtung Santiago ziehen, nutzen Wittichen als Zwischenstation.

Höhepunkt der Verehrung ist das Luitgardfest. Es findet in Wittichen jeweils am zweiten Sonntag im Oktober statt, also stets um den Todestag der „Volksheiligen“. Nach einem feierlichen Gottesdienst in der Klosterkirche zieht am Nachmittag eine bunte Prozession zu Ehren Luitgards durch das Witticher Tal.

Vom Kloster sind heute nur Reste erhalten: neben der barocken Klosterkirche, die Luitgards Reliquien beherbergt, der „Lange Bau“, ein ehemaliges Stallgebäude, in dem sich heute ein Museum befindet. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1803 aufgelöst und sein Besitz gelangte an die Fürsten von Fürstenberg. Heute ist die Klosterkirche die kleinste von drei Kirchen der Seelsorgeeinheit „Kloster Wittichen“.

Thorsten Fels