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Eltern hinter Gittern

„Mama hat Mist gebaut“

Wenn Mütter – oder auch Väter – in Haft sind, werden ihre Kinder mitbestraft. Sie leiden unter Ängsten, Einsamkeit und Scham. Viele werden in der Schule gemobbt, von Nachbarn blöd angeguckt, und plötzlich wird das Geld knapp. Kinder leiden an den Straftaten ihrer Eltern, obwohl sie keine Schuld haben. Deshalb soll der moderne Strafvollzug ihre Rechte und Bedürfnisse berücksichtigen.

Hanna B. kommt gerne in das Büro des Sozialdienstes der Haftanstalt, in der sie seit einem Jahr einsitzt. Die kräftige Frau war schon oft in dem kleinen Raum. Meist wurde ihr geholfen. Damit hatte sie anfangs nicht gerechnet. „Ich hab’ mir vorgestellt, dass ich die Kinder überhaupt nicht sehen würde. 23 Stunden in der Zelle, eine Stunde Hofgang. Eingesperrt eben.“

Ihren wirklichen Namen möchte Hanna B. nicht nennen. Die Mutter von drei Kindern wurde mehrfach für Betrugsdelikte auf Bewährung verurteilt. Doch weil sie immer wieder gegen ihre Auflagen verstoßen hat, musste sie schließlich in Haft. „Das alles ist passiert, weil ich mich auf den falschen Mann eingelassen habe. Ich war dumm und naiv. Deshalb bin ich jetzt im Knast.“ Der älteste Sohn von Hanna B. ist 15. Die meiste Zeit hat sie ihn alleine großgezogen. 

Eine Inhaftierung der Mutter löst bei Kindern ein Durcheinander der Gefühle aus: zwischen Sehnsucht und Wut, gepaart mit Trauer und Enttäuschung. Sie fragen sich: „Hat Mama denn nicht an mich gedacht, als sie diesen Mist gebaut hat? Bin ich schuld, dass sie was falsch gemacht hat? Liebt sie mich überhaupt, und darf ich sie noch lieben? Sie hat doch was Schlimmes getan.“

Nach dem Haftantritt war Hanna B. erst einmal weg. Während der Zeit im geschlossenen Vollzug hat sie ihre Kinder überhaupt nicht gesehen. Aber schon nach wenigen Wochen durfte sie in den offenen Vollzug wechseln, in dem jeder sechste Häftling in Deutschland einsitzt. Bald war sie wieder die gewohnt aktive Mutter, die für ihre Kinder da ist. „Die drei sind stark. Sie sagen mir immer: ‚Mama, wir schaffen das zusammen.‘ Daran kann ich mich auch selber aufrichten. Solange sie merken, dass Mama trotz allem für sie da ist, ist es nicht so schlimm. Sie können mich jederzeit erreichen. Wenn irgendwas ist, rufen sie hier im Büro an. Das wird mir ausgerichtet und ich kann zurückrufen. Das haben sie schon oft genutzt.“

Vielfältiges Angebot

„So soll es sein“, freut sich die Juristin Kerstin Höltkemeyer-Schwick, die seit drei Jahren die größte offene Vollzugsanstalt Deutschlands leitet. In Bielefeld-Senne werden die rund 1400 Häftlinge auf zwei Hafthäuser und 16 Außenstellen verteilt. So können gefährliche Subkulturen, die häufig den geschlossenen Massenvollzug erschweren, gar nicht erst entstehen. „Unser Angebot ist vielfältig“, erläutert Höltkemeyer-Schwick. „Im Laufe der Jahre hat sich der Strafvollzug gewandelt. Einer der Schwerpunkte heute ist der familiensensible Strafvollzug. Das heißt, man schaut sich nicht nur die Situation der Inhaftierten an, sondern auch die ihrer Kinder.“

Die drei Söhne von Hanna B. sind während der Haftzeit bei ihren Großeltern untergebracht. Die resolute Frau ist es gewohnt, sich um alles zu kümmern. Vom Gefängnis aus nutzt sie die Möglichkeiten des familiensensiblen Strafvollzugs, um den Kontakt aufrecht zu halten. „Nach sechs Wochen habe ich zwölf Stunden Ausgang am Wochenende bekommen. Ich kann jeden Tag mit meinen Kindern telefonieren und ihnen Briefe schreiben. Wenn etwas Besonderes anfällt, kann ich Sonderausgang beantragen. So habe ich meine Söhne nie aus den Augen verloren.“

Hanna B. weiß, dass sie im offenen Vollzug viele Privilegien genießt, von denen auch ihre Kinder profitieren. Im geschlossenen Vollzug wäre das anders. „Da hätte ich meine Kinder 23 Monate lang nicht gesehen. Ich hätte sie nicht wegen 40 Minuten im Monat in den Besucherraum geholt. Womöglich hätte ich sie nie zurückbekommen. Hier im offenen Vollzug konnte ich um mein Erziehungsgutachten kämpfen.“

Auf den ersten Blick sehen viele Einrichtungen des offenen Vollzugs gar nicht so aus, wie man sich gemeinhin ein Gefängnis vorstellt. Es gibt keine hohen Mauern, nur wenige Fenster sind vergittert. Trotzdem hat Hanna B. nicht das Gefühl, frei zu sein. „Das hier ist schon Strafe. Wenn ich irgendwo hin will, muss ich einen Antrag stellen. Man wird eingesperrt. Um 18 Uhr ist Einschlusszeit. Vor allem aber ist es eine Strafe, mit 60 Frauen auskommen zu müssen. Ehrlich.“

Ein fester Bestandteil des Alltags der Justizvollzugsanstalten ist die Präsenz der Kirche. Jede Gefangene hat ein Recht auf Kontakt zu einem Seelsorger. Pastor Michael Waterbör besucht regelmäßig verschiedene Haftanstalten. „Für mich ist das Seelsorge an der Front. Im Gefängnis ist man nicht geschützt durch ein Gemeindebüro. Es kommen Fragen und du musst antworten. Ein Gefängnisaufenthalt ist immer auch eine Lebenskrise. Menschen in Krisenzeiten zu begleiten ist eine selbstverständliche Aufgabe von Kirche.“

Haft wird verheimlicht

Die Sorge der Inhaftierten um ihre Kinder kommt in Frauengefängnissen häufiger zur Sprache als im Männervollzug. Dabei stellt sich oft heraus, dass eine Mutter die Wahrheit über ihre Haft vor ihren Kindern verheimlicht. So hält es auch Eva Meier, die eigentlich anders heißt: „Sie sollen nicht wissen, dass sie in Pflegefamilien leben müssen, weil ich im Knast bin. Sie sollen auch keine weiteren Fragen stellen. Der Älteste ist schon 15, der Jüngste gerade erst sieben Monate alt.“

Pastor Waterbör respektiert die Entscheidung der Mütter. Er regt aber an, die Lüge nicht allzu lange aufrecht zu halten. „Ich sage diesen Frauen: ‚Irgendwann werden es Ihre Kinder erfahren. Und ich wünsche Ihnen, dass sie es von Ihnen selber hören und nicht über Dritte. Denn sonst kommt die nächste Frage: ‚Warum hast du mich belogen?‘ Und dann haben Sie ein neues Problem.“

Eva Meier hat sechs Kinder. Sie hat sich vorgenommen, eines Tages ehrlich zu sein: „Aber erst, wenn ich besser gewappnet bin, damit ich ihnen Rede und Antwort stehen kann. Im Moment könnte ich das nicht.“

Anfangs hatte Eva Meier keine Lust, eine Sucht- und Traumatherapie zu machen. Insgeheim wollte sie so bald wie möglich wieder zurück in ihr altes Leben. Aber mit der Zeit hat sie ihre Haltung geändert. „Der Pfarrer hat ganz intensive Gespräche mit mir geführt. Er kommt einmal die Woche. Dann rede ich mir alles von der Seele. Er hört mir zu und gibt Ratschläge. Vor allem aber behält er alles für sich.“

Für viele Inhaftierte sind solche Gespräche eine völlig neue Erfahrung. Nie zuvor haben sie mit einem unvoreingenommenen Menschen gesprochen, dem sie wirklich vertrauen. Der Seelsorger Michael Waterbör weiß, dass es sehr lange dauern kann, bevor eine Gefangene ehrlich über ihre Sorgen spricht. „Mein Büro ist ein geschützter Raum, in dem sich die Gefangenen öffnen können. Manchmal sitzt ein kräftiger, junger Mann vor mir und fängt plötzlich an zu weinen. Das wäre vor der Tür in der Anstalt nicht möglich. Da können sich die Häftlinge keine Blöße geben. Aber bei mir herrscht eine andere Atmosphäre, mit Kerzenschein, Tee und Gebäck.“ 

Drogenabhängige in Deutschland verstoßen nahezu zwangsläufig gegen das Betäubungsmittelgesetz. Jeglicher Umgang mit illegalen Drogen ist strafbar, mit Ausnahme des unmittelbaren Konsums. Eva Meier ist zuversichtlich, dass es ihr gelingen wird, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Doch ohne den offenen Vollzug wäre sie nie soweit gekommen. „Dann hätte ich nach der Haft­entlassung da weiter gemacht, wo ich aufgehört hatte. Ich hätte nicht eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Jetzt weiß ich, dass ich mein Leben ändern muss, und dass ich das nach der Haft auch tun werde.“

Andreas Boueke

Ein Interview zu den besonderen Herausforderungen des familiensensiblen Strafvollzugs lesen Sie hier.

30.08.2018 - Hintergrund , Kriminalität