Anzeige

Palästinas Jugend-Sinfonieorchester

Musizieren für den Frieden

Es klingt wie ein surrealer Traum. 60 junge Musiker von 14 bis 26 Jahren üben zwischen steinewerfenden Jugendlichen, palästinensischen Flüchtlingslagern und mit Maschinenpistolen bewaffneten israelischen Soldaten: das erste nationale Jugend-Sinfonieorchester Palästinas. Im gemeinsamen Musizieren möchten die jungen Leute ihre Hoffnung auf ein Leben in Frieden ausdrücken.

Es begann 1993 durch die gemeinsame Initiative des palästinensischen Literaturwissenschaftlers Edward Said und des israelischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim. Beide verband nicht nur eine tiefe Freundschaft, sondern auch die Überzeugung von der friedensstiftenden Kraft der Musik und die Vision einer friedlichen Koexistenz der Völker im Nahen Osten. Diese Überzeugung wollten sie mit jungen Menschen teilen.

Die gemeinsame Idee wurde zur Realität. Zum ersten Mal trat das „Palestine Youth Orchestra“ 2004 im römischen Amphitheater in Jerash (Jordanien) mit großem Erfolg auf. Wegen seiner Bemühungen, zwischen den Menschen auf beiden Seiten des Konflikts Verständigung zu wecken, erhielt Daniel Barenboim 2008 von den Palästinensern die Ehrenstaatsbürgerschaft.

Sein Kommentar dazu: „Ich habe schon oft erklärt, dass die Schicksale des israelischen und des palästinensischen Volkes unauflöslich miteinander verknüpft sind und dass es für den Nahostkonflikt keine militärische Lösung gibt. Die palästinensische Staatsbürgerschaft gibt mir Gelegenheit, diesen Gedanken noch konkreter zu fassen.“

Gerecht und sicher

In einem Fernsehinterview mit dem Bayerischen Rundfunk ergänzte Barenboim: „Frieden heißt eigentlich Gerechtigkeit für die Palästinenser und Sicherheit für die Israelis. Ein Orchester kann das nicht bringen. Aber eines kann es zeigen: Wenn eine Situation von Gleichheit geschaffen ist, können alle miteinander arbeiten, essen, zusammen lachen und weinen. Als Musiker und Kulturschaffende können wir nicht warten, bis sich die Politiker einigen. Wir müssen selber aktiv werden.“

Während der Tourneen in verschiedenen Ländern berichten die  jungen Musiker von ihren eigenen Erfahrungen, wie sie innere und äußere Hürden überwinden und Hoffnung für eine bessere Zukunft schöpfen. „Die Atmosphäre bei uns ist wie in einer Familie“, sagt Lamar Elias, ein Geiger aus Bethlehem.

„Palästina ist voller Spannung und Feindseligkeit, aber das Nationale Musikkonservatorium von Edward Said ist ein Zentrum der Kreativität“, betont Flötist Wissam Boustany. Ein weiterer positiver Effekt des „Palestine Youth Orchestra“ ist die Tatsache, dass die jungen Palästinenser sich nicht immer als Opfer betrachten müssen. Vielmehr kann man die Augen der talentierten Jugendlichen leuchten sehen, während ihnen der Beifall des Publikums entgegenbrandet.

„Gleichzeitig sind wir durch die Musik herausgefordert zu einem Brückenschlag zwischen westlichen Klassikern und arabischen Komponisten“, erklärt Boustany weiter.  „Als Künstler lehnen wir es ab, uns einzuschränken.“

Das Orchester kann sich heute mit ähnlichen Ensembles weltweit vergleichen. In den vergangenen zehn Jahren trat es in Palästina, Deutschland, Frankreich, Jorda­nien, Syrien, Bahrain, Libanon, Griechenland und Italien auf.

Nabeel Abboud Ashkar, ein 20-jähriger arabische Israeli aus Nazareth, gesteht nach der Probe: „Es ist unglaublich aufregend, hier zu sein. Die erste Idee des Orchesters war, in arabischen Ländern zu spielen. Inzwischen sind wir weltweit bekannt. Ich hoffe, wir werden auch eines Tages in Israel spielen.“

Die in Gaza geborenen Musiker Sofiya Radwan und Raslan Ashour wirkten bei der Sommertournee 2017 mit. „Es war ein wunderbares Gefühl“, sagt Radwan. „In Gaza haben wir keine Chance, mit einem so großen Sinfonieorchester aufzutreten. Wir haben eine kleinere Version mit ein paar Spielern. Es war wirklich ein großartiges Erlebnis, vor so vielen Leuten unser Bestes geben zu dürfen.“

„Wacht auf!“

Daniel Barenboim fordert die jungen Leute heraus, wenn er die ersten Takte aus Beethovens Fünfter Sinfonie anschlägt: „Wacht auf! Wenn ihr müde seid, bleibt bitte lieber zu Hause! Es hat keinen Sinn, das Konzert lahm zu spielen. Also jetzt: tee-ya ta-ta tee-ya ta-ta!“

Nachdem bei einem erfolgreichen Konzert­abend in Ramallah der Applaus abgeflaut war, trat Barenboim sichtlich gerührt auf die Bühne: „Wir glauben, dass die Schicksale dieser beiden Völker, Israel und Palästina, untrennbar miteinander verbunden sind. Entweder töten wir uns gegenseitig oder wir teilen, was es zu teilen gibt. Das ist die Botschaft, die wir in die Welt bringen wollen.“

Karl-Heinz Fleckenstein

02.03.2018 - Jugend , Nahost