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Von Todesboten bis Heilzauber

„Thue recht und furchte Gott“

KASSEL – Aberglaube sind „Verhaltensweisen und Vorstellungen, die weder mit christlich-religiösen Auffassungen noch mit rationalen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang zu bringen sind“, sagen Gerold Eppler und Ulrike Neurath. Aber die Mehrheit der Menschen glaubt an gute wie schlechte Vorzeichen – und offenbart damit einen Hang zum Aberglauben. Um den geht es in der von Eppler und Neurath kuratierten Sonderausstellung des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, das sich dem Themenkreis Sterben, Tod und Andenken widmet.

Die schwarze Katze, der Maulwurf und die Ringeltaube des ausgestopften animalischen Empfangskomitees der Schau haben eines gemeinsam: Abergläubige bringen sie mit Unglück in Verbindung und fürchten sie als Todesboten. So klingt in ihren Ohren der Ruf der Ringeltaube wie „Tutenfru, Tutenfru!“ Das deuten sie zu „Totenfrau, Totenfrau!“ um – und verstehen darunter die Prophezeiung des baldigen Ablebens eines nahestehenden Menschen. 

Um niemanden zu verschrecken, kommt die schwarze Katze von rechts. Käme sie von links, wäre Unglück zu befürchten. Abergläubisches Verhalten kann auch durchaus hilfreich sein. Denn in Ausnahmesituationen wie dem ersten Rendezvous, Prüfungen oder bei einem Todesfall könnten die nicht selten individuell ausgeprägten abergläubischen Praktiken Halt geben, betont Eppler.

Da die Kuratoren die Thematik für ein „Fass ohne Boden“ halten, konzentrieren sie sich auf einige Aspekte. Gemäß des Museumsauftrags gilt die besondere Aufmerksamkeit dem mit Tod in Verbindung stehende Aberglaube. Für gruselige Einstimmung sorgt der als Knochenmann oder Hautskelett personifizierte Tod. Mit Sense, Pfeil und Bogen oder Sanduhr ausgerüstet, tritt er auf Tarotkarten, Grafiken oder „Tödlein“ genannten Kleinskulpturen in Erscheinung. Der personifizierte Tod gemahnt an die Endlichkeit der irdischen Existenz und hält zu gottgefälligem Leben an.

Dann erregen gespenstische Inszenierungen die Aufmerksamkeit. Im Halbdunkel ist eine schwarze Totenbahre zu erkennen, über der ein weißes Leichenhemd „schwebt“. Zeichentrickfilme klären über die mit Bahre und Hemd verbundenen abergläubischen Vorstellungen auf. Der Knochenmann verkündet: „Wer sich auf eine Totenbahre setzt, den hol ich mir!“ Und im anderen Film beklagt sich ein Toter, dass ihm ein Grabräuber das Hemd geklaut hat. 

Fähigkeit der Vorsehung

Dem Aberglauben gemäß wird ein Lebender stark und unsichtbar, wenn er ein benutztes Leichenhemd anlegt. Was aber hat es mit dem riesigen schwarzen Sarg auf sich, unter dem ein Tunnel hindurchführt? Die Erklärung ist auf den Fußboden geschrieben: „Wenn man unter einem Sarg durchkriecht, erwirbt man die Fähigkeit der Todesvorsehung.“

Die zweite große Abteilung ist dem Schaden-, Schutz- und Heilzauber gewidmet. Kurator Eppler erzählt, dass Sargnägel gegen Gicht helfen sollen – wenn ein nackter Schmied sie um Mitternacht zum Gichtring umgeschmiedet hat. Einen makabren Anblick bieten mumifizierte Katzen. Bauherren hatten sie als lebendige Opfergaben eingemauert, um die Bewohner der Häuser vor bösen Geistern zu schützen. 

Noch abenteuerlicher sind die Vorstellungen, die sich um die „Freikugeln“ ranken. Sie sollten den Besitzer, der sie im zugehörigen Säckchen um den Hals trug, einerseits vor Schussverletzungen bewahren. Andererseits galt sie als garantiert tödlich: Die aus einer Flinte abgeschossene Freikugel trifft gemäß des Aberglaubens unfehlbar das Ziel. Jedenfalls sechs von sieben. So will es der Teufel. Die weitere aber lenkt er gemäß seiner eigenen bösen Absicht. Der Begleittext zum ausgestellten Totenschädel verrät, wie man an Freikugeln kommt: Man muss Blei durch die Augenhöhle eines Totenschädels gießen.

Dem Heilzauber rechnet die Ausstellung die seit dem 18. Jahrhundert an Wallfahrtsorten wie Mariazell angebotenen „Schluckbildchen“ zu. Die Käufer ließen die mit dem Gnadenbild der Muttergottes oder Heiligen briefmarkenartig bedruckten Bögen in der Kirche weihen. Die herausgetrennten und in Wasser aufgelösten oder zu Pillen gedrehten Bildchen wurden als heilkräftige geistliche Medizin geschluckt. 

Die Einnahme zu Pulver zerstoßener Hirnschale wiederum hilft angeblich gegen Fieber. Überhaupt sind abergläubischen Vorstellungen zufolge menschliche Überreste die beste Medizin. Das verraten die Gefäße in einem alten Apothekerregal. Laut Aufschrift enthielten sie Sarg­späne, gemahlene ägyptische Mumie oder bevorzugt von Hingerichteten gewonnenes Fett, auch Haare, Zähne oder Fingernägel. 

Zwischen diesen alten Gefäßen fragwürdiger Medizin stehen zwei Fläschchen, die frisch abgefülltes „Walburgisöl“ enthalten. Es bildet sich seit 1042 in der Regel von Oktober bis Februar am Sarkophag der heiligen Walburga. Die Nonnen der Eichstätter Abtei St. Walburg geben es gegen eine Spende ab und weisen auf ihrer Internetseite darauf hin, dass dem Walburgisöl „eine heilende Wirkung zugeschrieben wird“. Auf dem Beipackzettel schränken sie jedoch ein: „Sie dürfen das Walburgisöl gleichsam als ein sichtbares Zeichen der Güte Gottes verstehen, nicht als Medikament. Es ist reines Wasser.“ 

Die Abteilung endet mit einem Hausbalken aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, dem frommen Gegenstück zu den abergläubischen Bauopfern. Seine Inschrift lautet: „Hin geht die Zeit, her kompt der Dodt / O Mensch, thue recht und furchte Gott.“

Ein Blick auf die heutigen Verhältnisse sowie Angebote zur Selbstprüfung beschließen die Schau. Probeliegen im offenen Sarg gefällig? In Videoeinblendungen erzählen Menschen, die Sterbende betreuen, von ihrem Umgang mit dem Tod. Ein bemerkenswerter Raumtext besagt, dass heutzutage in Deutschland etwa 20 000 Menschen als selbsternannte Hexen, Hellseher und Astro­logen ihr täglich Brot verdienen. Erschreckend ist die Weltkarte des Aberglaubens. Sie offenbart grausame aktuelle Praktiken.

Veit-Mario Thiede

Information

Die Ausstellung ist bis 17. März im Museum für Sepulkralkultur, Weinberg­straße 25-27, in Kassel zu sehen. Sie hat dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. Infos unter Telefon 0561-918930 oder im Internet: www.sepulkralmuseum.de.