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Katholische „Música Sertaneja“

Von den Evangelikalen lernen

MOGI DAS CRUZES – Dass er zum neuen Präsidenten Brasi­liens gewählt wurde, verdankt der Rechtsradikale Jair Bolsonaro vor allem seinen evangelikalen Unterstützern. Diese untermauern ihre Interpretation des Evangeliums nicht selten mit moderner Popmusik – und sind damit sehr erfolgreich (wir berichteten). Auch katholische Priester greifen in Brasilien vermehrt zur Sangeskunst, um für den Glauben zu werben. Einer von ihnen ist Alessandro Campos.

Ein Raunen geht durch die Reihen des Publikums, das fast ausschließlich aus Viehzüchtern und Pflanzern besteht. Die aufgedrehte Rodeo-Königin Jayne, Sängerin im silber-glitzernden Poncho, hat eben auf der Showbühne im proppenvollen Festzelt in São Jorge d’Oeste angekündigt, sie werde jetzt einen guten Freund zu sich aufs Podest rufen. „Er ist ein Padre“, erklärt Jayne, „aber auch ein Sänger, der von seinen fünf Alben Millionen von Exem­plaren verkauft hat!“ 

Der elegante Sänger, der nun auf die Bühne der Agrarmesse springt, trägt zum schwarzen Hemd den Kollar, den Kragen der katholischen Priester. Diese Oberbekleidung kombiniert er mit Blue-Jeans, Cowboy-Hut, auffälligem Gürtel und Western-Stiefeln. Und dann geht die Post ab: „Do mundo nada se leva“, intoniert Alessandro Campos zusammen mit Jayne: „Aus dieser Welt können wir nichts mitnehmen.“ Begeistert singt die Menge mit.

Stil erinnert an Country

Campos’ Stil erinnert an US-amerikanische Country-Musik – und ist doch etwas ganz eigenes Brasilianisches: Música Sertaneja. Während man in Mitteleuropa noch annimmt, in Brasilien würden vornehmlich Samba-Klänge verkauft, hat sich die Musik aus dem Landesinnern längst zum Marktführer mit Millionenumsätzen gemausert. Vereinzelt schafften es Sertaneja-­Hits von Gusttavo Lima oder Michel Teló auch in Deutschland in die Hitparaden. 

Alessandro Campos, der gutaussehende Priester-Sänger mit der sonoren Stimme, ist sich bewusst, dass seine Auftritte einer Gratwanderung zwischen Kommerz und Glaubensvermittlung gleichkommen. Aber, sagt er, er wolle „die Leute dort abholen, wo sie sind, wo ihre Heimat ist“. Und dann „meine Überzeugung und meine Botschaft zu ihnen bringen“. 

Die Música Sertaneja ist seit Kindertagen Campos’ musikalisches Zuhause. Die unzähligen Fans, die zu seinen Konzerten strömen, kennen ihn aus dem Radio, dem Fernsehen, wo er die Sendung „Festa Sertaneja“ präsentiert, und aus dem Internet. Neben der Leidenschaft für die Musik prägten die Messfeiern der Kirche die Kindertage von Alessandro Correa de Campos. Schon im Alter von sieben Jahren ahnte der Junge aus Guaratinguetá im Innenland von São Paulo seine Berufung. 

„Meine Passion war es, Messen zu feiern – mit Waffelbiskuits als Hostien und Johannisbeersaft als Messwein“, erzählt der heute 36-Jährige. „Als Messgewand diente mir das Nachthemd meiner Großmutter. Meine Cousins flippten aus ob dieser Macke von mir.“ Von seiner Großmutter wurde er schon früh zur Messe mitgenommen. Campos erinnert sich: „Das erste, was ich sah, als ich die Kirche betrat, war ein wunderschönes Kruzifix auf dem Altar. In diesem Moment habe ich mich in Jesus Christus verliebt.“

Die Entscheidung für die Kirche erwies sich als von Bestand: „Wenn ich erzähle, dass ich ein Brasilianer bin, der nicht Fußball spielen kann, keine Telenovela-Serie kennt und nicht mal ein Videospiel zu spielen weiß, fragen mich die Leute: Padre, kanntest du denn keinerlei Neugier in deinen Jugendjahren? Dann zwinkere ich und behaupte: Meine Erfüllung lag in den Waffelbiskuits als Hostienersatz und im Johannisbeersaft!“

Campos studierte Philosophie und Theologie an der Militärakademie von Agulhas Negras bei Rio de Janeiro. Der Werdegang zum Offizier und zum Militärgeistlichen verläuft hier zunächst parallel. So war Campos mit 24 Jahren Leutnant – und einer der jüngsten Priester des Landes. Als Kaplan eines Militärkollegs wurde er in die Hauptstadt Brasilia berufen. In neun Monaten verwandelte er dort einen alten Lagerschuppen in eine Kirche.

Musik, die begeistert

Hier entstand die Idee, die Música Sertaneja in eine religiöse Feier einzuführen. „Ich habe einige Klassiker gesungen, welche Frieden, Gott und Familie zum Thema hatten“, erinnert sich Campos. Zu diesem Anlass erschien er in Cowboy-Stiefeln und Hut. „Schon war ich der Sertanejo-Padre.“ Die Kombination von Heiliger Messe und ländlicher Musik begeisterte die Gläubigen. Die Lieder der Messe ließ Campos auf eine CD pressen – in kurzer Zeit verkauften sich 22 000 Exemplare. Den Erlös erhielt die Pfarrei.

„Ich bat den Bischof um Erlaubnis, außerhalb der Kirche auf der Bühne als Missionar zu evangelisieren“, erzählt der Cowboy-Padre. Die Antwort seines Bischofs erfüllte alle Hoffnungen: „Du hast meinen Segen dazu, mein Sohn“, schrieb er. „Nutze das Charisma, das Gott dir gegeben hat und bringe Frieden und Freude zu den Menschen.“ 

Inzwischen hat Campos ein Millionen-Publikum. Sein größter Hit bislang: „O Que é Que eu Sou Sem Jesus?“ (Was wäre ich ohne Jesus?). Die Antwort gibt der singende Pa­dre gleich selbst: „Nada“ – nichts. Neben seiner TV-Arbeit reist Campos durch Brasilien und feiert Messen zum Klang von Sertaneja-Musik, etwa sechs pro Monat. Sein Ziel: der Bau einer Kindertagesstätte für 180 benachteiligte Kinder, für die er fleißig Geld sammelt.

Karl Horat

Information

Einen Eindruck von Alessandro Cam­pos’ Musik können Sie sich im Internet verschaffen: youtu.be/AhAcDms4FXM.

08.11.2018 - Ausland , Gottesdienst , Politik