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Betroffenheit bei Bischöfen

Bistümer kündigen Konsequenzen nach Missbrauchsstudie an

Nach der Vorstellung der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda haben sich auch mehrere katholische Bistümern zu regionalen Ergebnissen und möglichen Konsequenzen geäußert. Bischöfe und Generalvikare bekundeten am Dienstag Betroffenheit und Scham und baten die Opfer um Vergebung.

Der Würzburger Bischof Franz Jung sprach sich für Null-Toleranz gegenüber Tätern aus. Er räumte "folgenschwere Fehleinschätzungen" ein, da es früher darum gegangen sei, den Schutz der Kirche über den Schutz der Opfer zu stellen. Auch seien Dokumentationspflichten vernachlässigt worden. Jung kündigte eine Evaluierung aller Präventionsbemühungen an. Das Personal der Kirche müsse sorgfältig ausgewählt werden. Die zölibatäre Lebensform bedürfe immer wieder neu der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität.

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch erklärte, es gehe darum, "eine Kultur der Achtsamkeit und des Hinsehens zu erreichen". Generalvikar Manfred Kollig sagte, die Kirche müsse sich von der traditionellen Vorstellung verabschieden, dass sie eine "perfekte Gesellschaft" sei.

Das Bistum Regensburg schlug eine staatlich organisierte, unabhängige Zertifizierungsstelle vor. Die Federführung könnte der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, übernehmen. Diese Stelle müsse allen Einrichtungen in Deutschland offenstehen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. "Wir müssen noch besser werden, schneller, transparenter und verlässlicher", sagte Generalvikar Michael Fuchs.

Das Erzbistum München und Freising erklärte, dass über den 2010 begonnenen Kurs der Aufarbeitung, Anerkennung und Prävention hinaus weitere Konsequenzen genau analysiert werden müssten, "insbesondere mit Blick auf Strukturen und den Umgang mit Sexualität". Bei der Personalauswahl, besonders bei den Priestern, gelte es noch stärker auf sexuelle Reife und persönliche Eignung zu achten.

Auch der Bamberger Generalvikar Georg Kestel sieht die Notwendigkeit, über den Zölibat zu diskutieren. Dazu gehörten auch der Umgang mit Homosexualität sowie eine Auseinandersetzung mit dem Weiheamt und dem Rollenverständnis der Priester. So sollten die Themen Missbrauch und Sexualität verstärkt in die Ausbildung einbezogen werden.

Der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa räumte frühere Versäumnisse im Bistum Augsburg bei der Aktenführung und der Ahndung "solch krimineller Handlungen" ein. Er sprach von "Strukturen der Sünde", wandte sich aber gegen überstürzte Konsequenzen.

Laut dem Präventionsbeauftragten des Bistums Trier, Andreas Zimmer, ist die Arbeit in dem Bereich eine Daueraufgabe. "Schulungen verblassen und müssen aufgefrischt werden, institutionelle Schutzkonzepte müssen immer wieder angepasst werden, neue Mitarbeitende müssen in die Idee einer gelebten Kultur der Achtsamkeit einbezogen werden."

Auch das Bistum Magdeburg kündigte an, seine Prävention und das eigene Handeln erneut zu überprüfen. Der Passauer Bischof Stefan Oster dankte den Autoren der Studie "für ihre Klarheit und Gründlichkeit". Außerdem hätten Medien den Opfern "ein Gesicht und eine Stimme gegeben". Er sei "überzeugt, dass es die Kirche nicht aus eigener Kraft geschafft hätte, dieses dunkle Kapitel des Verrats am Evangelium von sich aus aufzuarbeiten". Hamburgs Generalvikar Ansgar Thim sagte: "Die dunklen Schatten solcher Straftaten müssen an die Öffentlichkeit."

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer lud alle Betroffenen zum Gespräch ein: "Wenn Menschen gewillt sind, mit mir als Bischof über das Grauen zu sprechen, das ihnen auf der Seele lastet, dann werde ich das tun." Aachens Generalvikar Andreas Frick bezeichnete das "institutionelle Versagen der katholischen Kirche" als skandalös. Es stehe "im absoluten Gegensatz zu dem, woran wir glauben".

Die Bistümer Erfurt und Dresden-Meißen kündigten an, ihre Präventionsarbeit zu intensivieren. Zugleich bat Erfurts Bischof Neymeyr darum, "nicht alle Priester unter Generalverdacht zu stellen". Sein Generalvikar Raimund Beck äußerte die Hoffnung, dass durch die Studie mehr Menschen den Mut finden, über Übergriffe zu sprechen.

Ergebnisse der Studie

Die katholische Kirche muss nach Auffassung von Wissenschaftlern Strukturen ändern, um weiteren Missbrauch zu verhindern. Der Koordinator der Studie über sexuellen Missbrauchin der Kirche, Harald Dreßing, zeigte sich am Dienstag in Fulda erschüttert über das Ausmaß der Vorfälle. Die Ergebnisse legten nahe, dass es in der Kirche Strukturen gegeben habe und gebe, die Missbrauch begünstigen, sagte Dreßing. "Dazu gehören der Missbrauch klerikaler Macht, aber auch der Zölibat und der Umgang mit Sexualität, insbesondere mit Homosexualität". Auch die Rolle der Beichte müsse überdacht werden, weil Täter sie zur Tatanbahnung, aber auch zur Verschleierung und zur eigenen Entlastung missbraucht hätten, sagte der Psychiater.

Eine nähere Beschäftigung mit diesen Strukturen sei aus seiner Sicht wichtiger als die Analyse der Zahlen, die ohnehin nur "die Spitze eines Eisbergs" zeigen könnten. Es handele sich um eine "untere Schätzgröße". Auszugehen sei von einem großen Dunkelfeld. Die Wissenschaftler ermittelten Missbrauchsvorwürfe gegen 1.670 Kleriker, was einem Anteil von 4,4 Prozent der geprüften Geistlichen entspricht.

Beratungstelefon

Ein Beratungstelefon für Betroffene von sexuellem Missbrauch ist von Dienstag, 25. September, 11 Uhr, bis (zunächst) Freitag, 28. September, 20 Uhr, unter (08 00) 0 00 56 40 erreichbar - anonym und innerhalb Deutschlands kostenfrei als Angebot der Deutschen Bischofskonferenz.

Beratung via Internet und weitere Informationen gibt es in dieser Zeit auch unter www.hilfe-nach-missbrauch.de sowie im Hilfeportal Sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs unter www.hilfeportal-missbrauch.de. Dort ist auch das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch zu erreichen unter (08 00) 2 25 55 30.

KNA

25.09.2018 - Bischöfe , Kriminalität