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Deutscher Seniorentag

Digitalisierung droht viele Ältere abzuhängen

Die deutsche Gesellschaft wird immer älter. Die Zahl der Über-65-Jährigen ist seit 1991 von 12 Millionen auf 18 Millionen im Jahr 2019 gestiegen. Die Zahl der Hochbetagten ab 85 Jahren verdoppelte sich im selben Zeitraum sogar von 1,2 Millionen auf 2,4 Millionen Menschen. Zugleich geht die Zahl der jüngeren Menschen immer weiter zurück. Die damit verbundenen Chancen und Probleme stehen im Mittelpunkt des 13. Deutschen Seniorentags, der von Mittwoch bis Freitag digital stattfindet.

Eigentlich hatte die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (Bagso) eine Präsenzveranstaltung in Hannover geplant, die sie wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen jedoch kurzfristig absagte. Unter dem Motto "Wir. Alle. Zusammen." will sie nun zukunftsweisend im Netz mit den Teilnehmern über das Älterwerden diskutieren. Die virtuelle Eröffnungsrede hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Experten zufolge ist der demografische Wandel nicht nur ein Grund zur Sorge. Laut dem Wirtschaftsforscher Thomas Straubhaar etwa sind die heutigen Senioren deutlich fitter als ihre Altersgenossen vor 50 Jahren. "Die Alten von morgen werden fast eine Generation länger jung bleiben als ihre Eltern", schreibt er in seinem Buch "Der Untergang ist abgesagt". Er kritisiert zudem die negativen Altersbilder. Stattdessen müssten Voraussetzungen geschaffen werden, damit Ältere mit Motivation und Spaß ihr Wissen und ihre Lebenserwartung so lange wie möglich ins Berufsleben einbringen könnten.

In der Corona-Pandemie mahnte die im Mai zurückgetretene Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), ältere Menschen nicht nur als "Risikogruppe" zu sehen. Das werde der Vielfalt und den Stärken der Senioren von heute nicht gerecht. Einige hätten beispielsweise die Chancen der Digitalisierung genutzt, "um ihre Mitmenschen mitzureißen und vom tristen Pandemie-Alltag abzulenken", erklärte Giffey. Auch im Ruhestand könne man "noch fit und voller Lebensfreude" sein.

Diese positive Sicht auf das Alter darf jedoch nicht über die Probleme hinwegtäuschen, die der demografische Wandel auch mit sich bringt. So droht etwa die fortschreitende Digitalisierung die Senioren abzuhängen und damit die Gesellschaft zu spalten. Laut einer Untersuchung der Initiative "Digital für alle" nutzt mehr als die Hälfte der Menschen über 65 Jahren in Deutschland kein Smartphone. "Die Corona-Krise hat gezeigt, wie groß der Stellenwert von Smartphones in der Gesellschaft ist - ob für die Kontakt-Nachverfolgung oder für die Registrierung im Geschäft. Wer kein Smartphone nutzt, wird häufig davon ausgeschlossen", warnte die Geschäftsführerin der Initiative, Anna-Lena Hosenfeld.

Eine weitere Zuspitzung droht auch im Pflegebereich. Laut einer Studie der Immobilienwirtschaft benötigt Deutschland bis 2030 bis zu 293.000 zusätzliche Plätze in Pflegeheimen. Jährlich müssten demnach über 200 neue Einrichtungen entstehen. Wie das finanziert werden soll, ist unklar. Die Kosten für einen Aufenthalt im Pflegeheim drohen manchen Haushalte schon jetzt zu überfordern.

Bagso-Vorsitzender Franz Müntefering wies darauf hin, dass auch die ambulante Pflege nicht vergessen werden dürfe. Rund zwei Drittel der Pflegebedürftigen würden zuhause versorgt, betonte der frühere SPD-Chef und Vizekanzler. Meist sind es die Frauen, die ganz oder teilweise auf die Ausübung ihres Berufs verzichten. "Es müssen dringend Wege gefunden werden, um das auszugleichen", sagte Müntefering.

Er forderte außerdem eine Stärkung der Kommunen. "Die Kommunen sind stärker als bei jüngeren Menschen der Hort, in dem sich die Älteren bewegen", erklärte er. Dort müssten sie alles finden, was sie brauchen, wie zum Beispiel Arzt, Apotheke, Post, Bank und Einkaufsmöglichkeiten. Dazu müsse der Bund die nötigen Mittel bereitstellen.

Der Bagso-Vorsitzende mahnte die ältere Generation auch zu Eigenverantwortung - etwa beim Thema Einsamkeit, das viele Senioren umtreibt. "Wer selbstbestimmt älter werden will, kann sich nicht nur auf den Staat verlassen", mahnte der 81-Jährige. "Er muss alles dafür tun, soziale Kontakte zu haben."

Michael Althaus/KNA

23.11.2021 - Gesellschaft , Medien , Senioren