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Pressekonferenz nach Missbrauchsgutachten

Kardinal Marx klebt nicht am Amt - und bleibt vorerst

"Kinderf***er" ist in roter Farbe auf die Wand der Katholischen Akademie in Bayern gesprüht. Wer den Schriftzug hinterlassen hat, ist unbekannt. Schnell übertüncht wurde das Werk nicht. Es gibt eine Erklärung der Akademieleitung, per QR-Code abrufbar für all jene, die am Donnerstag in den Münchner Stadtteil Schwabing gekommen sind, um zu hören, wie sich Kardinal Reinhard Marx zu dem vor einer Woche vorgelegten Missbrauchsgutachten erklärt. Auch Polizei ist da, ebenso ein Protestbündnis mit der Figur des "Hängemattenbischofs".

Kurz vor 11 Uhr war es dann soweit. Ganz still nehmen Kardinal Reinhard Marx, Generalvikar Christoph Klingan und Amtschefin Stephanie Herrmann auf dem Podium Platz. Neben den Journalisten sind auch Vertreter vom Betroffenenbeirat und der Unabhängigen Aufklärungskommission zu Gast. Stummer Zeuge der Veranstaltung ist das an der Stirnseite hängende große Kruzifix von Christina Stadler, mit einem Christus als Leidensmann, der trotz allem den Blick nach vorn richtet.

Marx präsentiert sich eher zurückhaltend, nicht so forsch wie sonst. Annähernd 50 Mal nimmt er in seinem nahezu komplett vom Blatt abgelesenen Statement das Wort "ich" in den Mund. Unverzeihlich sei, dass er kein wirkliches Interesse für die Betroffenen gezeigt habe. Die persönliche Entschuldigung folgt prompt - bei den Betroffenen und bei den Gläubigen, die zunehmend wegen des Verhaltens der Kirchenmänner an ihrem Glauben zweifeln.

Mehrmals wiederholt Marx das, was er seit zwei Jahren nicht müde wird zu betonen: "Für mich ist die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs auch Teil einer umfassenden Erneuerung und Reform, wie das der Synodale Weg aufgegriffen hat." Ohne dessen Kritiker unter seinen Amtsbrüdern beim Namen zu nennen, macht er trotzdem deutlich, was er von der Aussage hält, die Reformdebatte in ihrer Form sei ein Missbrauch des Missbrauchs: Dies sei "völlig abwegig".

Der Kardinal prangert den Klerikalismus an, die Vorstellung, dass Geweihte etwas Besseres seien als Laien. Marx nimmt sich davon nicht aus, wenn er mit Verweis auf seine 25 Jahre als Bischof sagt: "Ich habe auch an einem klerikalen System mitgewirkt. Ich bin doch Teil des Systems. Wer soll das denn bezweifeln? Ich habe doch nicht auf dem Mond gewohnt."

Marx sagt, er klebe nicht an seinem Amt. Aus dem Staub wolle er sich jetzt aber nicht machen. Papst Franziskus habe nach seinem Rücktrittsangebot im Frühsommer verfügt, er solle weitermachen. Dies wolle er tun, so lange ihn andere dabei als Hilfe empfänden, nicht als Hindernis. Die Gremien will er eng in die kommenden Entscheidungen einbeziehen. "In einer synodalen Kirche werde ich diese Entscheidung nicht mehr mit mir allein ausmachen."

Dafür bekommt Marx von den anwesenden Vertretern der Gremien Zuspruch. Es gebe kreativiere Möglichkeiten als Rücktritt, sagt etwa Michaela Huber. Sie ist vor Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten und heute die Vorsitzende der Unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Erzbistum. Ein verantwortlicher Bischof müsse überlegen, was er besser machen solle. "Und er hat ja in der Weltkirche durchaus Einfluss", betont Huber.

Kraftlos erscheint ihr der Kardinal nicht. Allerdings sei er in Gesprächen "zurückhaltender" geworden. Bisweilen fehlten ihm manchmal die Worte: "Das ist bei einem solchen Powermenschen schon auch beeindruckend zu sehen, wenn ihm die Bestürzung ins Gesicht geschrieben ist."

Der Vorsitzende des obersten Laiengremiums im Erzbistum, Hans Tremmel, spendiert ein Lob. Marx sei nicht nur bereit, Verfehlungen einzugestehen, sondern sie zu bereuen. Was es letztlich heißt, "synodaler Bischof" zu sein, "das müssen wir überlegen, wie das konkret aussehen kann", sagt der Diözesanratsvorsitzende.

Die hartnäckigste Frage der Journalisten jedoch geht in eine andere Richtung: Wie steht Marx persönlich zur Rolle und den Einlassungen von Benedikt XVI.? Eine klare Antwort meidet Marx, begrüßt die angekündigte Stellungnahme des emeritierten Papstes. Zwar habe er keine "Zweifel an der Seriosität des Gutachtens". Es sei aber weder ein Gerichts- noch ein Geschichtsurteil. Damit ist er deutlich zurückhaltender als einige seiner Amtsbrüder.

Barbara Just & Christian Wölfel/KNA

27.01.2022 - Aufarbeitung , Kirche , Missbrauch