Prägende Kraft im Schwinden (Mittwoch, 08. Januar 2020 07:20:00) / Bistum Regensburg / Katholische Sonntagszeitung

Bischof Rudolf Voderholzer spricht in Silvesterpredigt aktuelle Wunden der Kirche an

Prägende Kraft im Schwinden

REGENSBURG (pdr/sm) – Am Silvesterabend war der festlich geschmückte Dom St. Peter noch einmal richtig gut besucht. Zahlreiche Gläubige waren gekommen, um gemeinsam zu beten, das alte Jahrzehnt zu verabschieden und für das kommende Jahr 2020 Gottes Segen zu erbitten. Das Pontifikalamt mit anschließender eucharistischer Anbetung nutzte Bischof Rudolf Voderholzer, um in seiner Predigt das vergangene Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Dabei sprach er auch die aktuellen Wunden der Kirche an. 

Bischof Voderholzer erinnerte an ein Wort von Papst Franziskus, das dieser im Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland vom Juni 2019 ungeschminkt formuliert und jüngst in seiner Ansprache an die Kurienmitarbeiter bekräftigt hat: Das Christentum, so der Papst im Blick auf Europa und andere ehemals christlich geprägte Gesellschaften, sei keine dominante Größe mehr, denn der Glaube – vor allem in Europa, aber auch im Großteil des Westens – „stellt keine selbstverständliche Voraussetzung des allgemeinen Lebens mehr dar, sondern wird oft sogar geleugnet, belächelt, an den Rand gedrängt und lächerlich gemacht“.

Gerade die Perspektive über den Horizont der Geschichte hinaus, so der Bischof weiter, die Verantwortung gegenüber dem ewigen Gott, erscheine abgeschnitten. Die innerweltliche Perspektive, die ökologische Frage, der Protest gegen einen tatsächlich oder nur vermeintlich menschengenerierten Klimawandel werde zum einzigen Lebensbereich, in dem man noch moralisch sein dürfe, ja, in dem die junge Generation geradezu hemmungslos moralisch sei. Man habe manchmal den Eindruck, die geballte Wucht des menschlichen Bedürfnisses nach Moral konzentriere sich allein auf die Ökologie.

Verfolgung der Christen

Gleichzeitig blieben andere ebenso klaffende Wunden unerwähnt, ungesehen und unbehandelt, sagte der Bischof: „Wunden, die freilich erst im Licht des Glaubens und geschwisterlicher Solidarität mit den Leidenden ins Blickfeld geraten. Am erschütterndsten ist hier wohl die Tatsache einer weltweit zunehmenden und erschreckende Ausmaße annehmenden Verfolgung von Christen. Der Salzburger Weihbischof Hofer hat es jüngst so formuliert: ,Noch nie war Christsein so gefährlich wie heute.‘ Die Berichte über die Christenverfolgungen weltweit, besonders, aber nicht nur, im Kontext eines radikalen Islams, sprechen eine eindeutige Sprache. Weitgehend unerwähnt und unbeachtet bleiben auch – mit Ausnahme des alljährlichen ‚Marsches für das Leben‘ in Berlin – die Themen ,Lebensschutz‘ und die ,Sorge für das ungeborene Leben‘ und die ,pränatale Selektion vermeintlich unwerten Lebens‘. Dabei muss man die unterschiedlichen Sorgen gar nicht gegeneinander ausspielen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Sorge um das gemeinsame Haus auch den Menschen miteinbezieht im Sinne einer ,Ökologie des Menschen‘, wie Papst Benedikt sie in seiner Bundestagsrede 2011 angemahnt hat.“

Zu den Zeichen der Zeit gehöre aber wohl diese zunehmende Selbstverschließung in der Immanenz, das Nicht-mehr-Rechnen mit der alles bestimmenden Wirklichkeit Gottes und einer von außen her kommenden Offenbarung, sagte der Bischof. Kirche werde dabei allenfalls noch als Verfechterin eines alle Religionen irgendwie vereinenden „Welt-Ethos“ geduldet, das sie als Nicht-Regierungsorganisation mit frommem Anstrich in die Debatten einbringen dürfe. Ganz problematisch werde es, wo diese Sicht von Kirche zu ihrer Selbstdefinition wird.

„Vor diesem Hintergrund bekommt der sogenannte Synodale Weg, den die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken im abgelaufenen Jahr beschlossen haben und der im Blick auf das kommende Jahr unsere ganze Aufmerksamkeit beanspruchen wird, seine ganze Brisanz“, sagte Bischof Voderholzer.

Von gewissen Pressure-Groups werde, mit kräftiger Unterstützung der führenden Medien im Land, die Anpassung der Katholischen Kirche und ihrer sakramentalen Struktur an die Plausibilitäten eines vermeintlich aufgeklärten Mainstreams gefordert.

Priesteramt im Feuer

Im Wesentlichen stehe – auch innerkirchlich – die sakramentale Struktur der Kirche im Feuer. Und für diese sakramentale Struktur stünden wie keine andere Wirklichkeit der Dienst und das Wesen des Priesteramtes. Hebel für eine von manchen offen als „Neuerfindung der Kirche“ titulierte Reform sei dabei der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker der Katholischen Kirche, so der Bischof.

„Die Empörung über den Missbrauch ist das Feuer, auf dem die Suppe des Synodalen Weges gekocht werden soll. Deswegen muss dieses Feuer am Lodern gehalten werden. Es darf durch nichts verkleinert werden, auch nicht durch den wissenschaftlich belegten Hinweis, dass Ehelosigkeit um des Himmelreiches von sich aus mit sexuellem Missbrauch nichts zu tun hat und dass die allermeisten Fälle dieses Verbrechens im familiären Umfeld geschehen durch Menschen, die nicht den Zölibat versprochen haben. Auch nicht durch den Hinweis auf erfolgreiche Prävention und andere Maßnahmen.“

Aber fast gewaltsam werde der Eindruck aufrechterhalten, als sei der sexuelle Missbrauch vor allem ein Phänomen der Katholischen Kirche. Dabei könne jeder, der auch die leisen Töne in den Medien wahrnehme und sammle, eines anderen belehrt werden: „Ich erinnere an die Enthüllungen von Lügde oder jetzt ganz aktuell in NRW mit erschreckenden Dimensionen. Ich erinnere an hin und wieder auftauchende, aber ganz schnell wieder verschwindende Berichte über das Problem im Sport, in der Filmbranche und so weiter. Trotzdem halten interessierte Kreise, auch innerkirchlich, den Anschein aufrecht, als sei dieses schreckliche Phänomen vor allem eines der Katholischen Kirche und ihrer sakramentalen Struktur. Abgesehen davon, dass jedes dieser Vergehen nicht nur ein strafbewährtes Tun war und ist, sondern auch im Widerspruch zur katholischen Sexualmoral steht, ist die Katholische Kirche noch immer die erste Institution, die sich in diesem Umfang und in dieser Schonungslosigkeit dem Thema in ihren eigenen Reihen gestellt hat.“

Bischof Voderholzer äußerte erhebliche Zweifel, dass auf der Basis einer solchen Unaufrichtigkeit die Beratungen des Synodalen Weges wirklich einen geistlichen Gewinn bringen können, zumal öffentlich auch schon die Erwartungen hochgeschraubt würden, an deren Erfüllung sich dann Erfolg oder Miss­erfolg des Unternehmens bestimmten.

Papst Franziskus, so der Bischof, habe ihm im persönlichen Gespräch dringend ans Herz gelegt: „Der Synodale Weg ist kein soziologischer Prozess, kein politischer Prozess, kein Ringen von Parteien. Es geht nicht um Tarifverhandlungen, wo man sich zwischen dem Angebot von Arbeitgebern und Forderungen der Arbeitnehmer irgendwo in der Mitte treffen wird. Es geht nicht um Koalitionsverhandlungen, wo jede Seite Abstriche machen muss, damit am Schluss ein tragfähiger Kompromiss herauskommt, jede Seite vor ihren Anhängern das Gesicht wahrt und dann eine Legislaturperiode recht und schlecht zusammengearbeitet werden kann.“

Es gehe um zentrale Fragen des Glaubens, um die diachrone Einheit mit der Kirche aller Jahrhunderte und die synchrone Einheit mit der Weltkirche. Es gehe um die Treue zum Evangelium, sagte Bischof Voderholzer. 

Die zentrale Frage

„Zentral geht es um die Frage, ob die Kirche als Stiftung Jesu Christi teilhat an seiner göttlichen Sendung. Ob sie als Sakrament der Einheit Gottes mit den Menschen und der Menschen untereinander die Gnade Gottes vermittelt in den Sakramenten, als Gabe und Geschenk, die die Welt sich nicht selber besorgen, sondern nur je neu von oben sich schenken lassen kann. Wo diese Frage im Glauben bejaht wird, kann die sa­kramentale Struktur der Kirche nicht in eine Quasi-Demokratie und das Weihepriestertum nicht in ein Delegationsamt der Gemeinde umdefiniert werden.“ 

Er wolle, so der Bischof, die Kirche mit ihrer sakramentalen Struktur nicht irgendwelchen Kompromissen opfern: „Der Heilige Geist möge allen Mitgliedern des Synoda­len Weges beistehen, dass wir nicht den Glauben und die Kirche verändern, sondern Wege finden, wie wir uns ändern können, bessere Christen werden können, die den Glauben glaubwürdiger verkünden; dass wir Mittel und Wege finden für eine dringend notwendige Neuevangelisierung.“