Farbenfroh und einzigartig (Freitag, 14. Februar 2020 08:15:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Karneval in Venedig

Farbenfroh und einzigartig

Dass der Karneval in Europa insgesamt ein lautes, buntes und schräges Treiben ist, bei dem gängige Kleidungs- und Verhaltensgewohnheiten übergangen werden, scheint unbestreitbar. Eine der Hochburgen der närrischen Aktivität liegt im Norden Italiens: Venedig.

Hier ist der Karneval wirklich außergewöhnlich. Das liegt nicht zuletzt an der stimmungsvollen Kulisse inmitten von Wasserkanälen, Kirchen, romantischen Brücken und historischer Architektur – ein Schauspiel für die Sinne mit prachtvoll kostümierten Maskenträgern. Jedes Jahr, wenn sich die Plätze und Gassen der rund 60 000 Einwohner zählenden Lagunenstadt zu einer Flaniermeile für Kostümierte und Maskierte wandeln, herrscht Ausnahmezustand.

Ein lukratives Geschäft

Umzüge, lauthals schreiende Narren oder das Auswerfen von „Kamelle“ wird man hier allerdings vergeblich suchen. Im Mittelpunkt der Festivitäten stehen vielmehr aufwendige und farbenfrohe Kostüme von großer Eleganz. Ohne Zweifel ist der venezianische Karneval heute ein lukratives Geschäft, das Touristenmassen aus aller Welt anzieht. Das führte mitunter sogar dazu, dass die Polizei in Zeiten extremsten Besucherandrangs Einbahnstraßenverkehr verordnete, um die Ströme in eine Richtung zu dirigieren. Und das in einer Stadt ohne Autos! 

Männer in Tierkostümen

Die Tradition des Karnevals in Venedig ist eine sehr alte. Die Ursprünge reichen weit in die Geschichte der Stadt zurück, offenbar bis ins Jahr 1094. Damals tauchte der Begriff „Carnevale di Venezia“ zum ersten Mal in einem Schriftstück des Dogen Vitale Falier auf: Offenbar liefen dabei junge Männer in Tierkostümen durch die Straßen der Stadt – vielleicht eine letzte Gaudi kurz vor der Fastenzeit. 

Knapp ein Jahrhundert später, 1162, feierten die Stadtoberen den ruhmreichen Sieg Venedigs über die etwas nördlicher gelegene Stadt Aquileia mit einem rauschenden Fest – just in der Zeit der Karnevals-tage. Dieses Fest fand von nun an jedes Jahr statt und bezog mehr und mehr die Bürger Venedigs mit ein. Das einfache Volk feierte auf den Straßen, während der Adel lieber abgeschirmt in einem Palazzo unter sich blieb.

Eine Ausweitung erfuhr der venezianische Karneval zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Vor allem in der Epoche des Barock entwickelte sich in Europas Staaten der Absolutismus und es entstand eine prachtvolle höfische Kultur. Maskierungen und bestimmte Figuren-typen wurden populär, unter anderem die maskierten Figuren des Harlekins und der Columbine. 

Hinter den Masken

Beide entstammen einer Form des italienischen Theaters, der „Commedia dell’arte“. Diese Form von lustigen, aber durchaus auch kritischen Straßen- und Stegreifschauspielen fand überall in Europa Verbreitung  und wurde nicht nur vom Adel, sondern auch im Bürgertum und beim einfachen Volk geschätzt. Immerhin konnte man sich hinter Masken und auf den Bühnen über die Herrschaften lustig machen. 

Zu den genannten historischen Figurentypen und den entsprechenden Kostümen trug man in Italien meist eine Halbmaske, die nur einen Teil oder eine Hälfte des Gesichts bedeckte. Ursprünglich war diese als Theater- oder Sprechmaske gebräuchlich, die – eben in der „Commedia dell’arte“ – den Schauspielern das laute und deutliche Sprechen erleichterte. Im Karneval hatte sie außerdem den Vorteil, dass man ohne größere Schwierigkeiten essen und trinken konnte – und unerkannt blieb. 

Neben solchen Schauspielen trieben auch Gaukler, Marionettenspieler, Hellseher und Akrobaten ihre Späße. Der Karneval war endgültig in Venedig angekommen! Im 18. Jahrhundert dauerte die Karnevals- oder besser gesagt die Masken- und Kostümierungszeit teilweise bis zu sechs Monate. Prachtvolle Gondel-umzüge der Adeligen, Maskenbälle und Marionettentheater gehörten zu den Höhepunkten. 

Bis dann 1797 erst einmal alles vorbei war. Denn mit dem Einmarsch Napoleons verlor Venedig seine Selbstständigkeit und wurde Österreich angegliedert. Das karnevalistische Vergnügen fand dadurch ein jähes Ende und geriet für beinahe 200 Jahre in Vergessenheit. Erst um 1980 erweckten Künstler, Thea-termacher und das einheimische Tourismusgewerbe das bunte Treiben für jährlich zehn Tage wieder zum Leben. 

Venedigs Plätze, Gassen und Brücken eignen sich hervorragend, um farbenprächtige Roben in Szene zu setzen. Und so trifft man vom späten Morgen bis in die Nacht überall auf kostümierte und maskierte Models, die in der Regel gerne für ein Bild posieren. Einige historisch gewachsene Figurentypen fallen besonders auf: Da wäre einmal der „Bajazzo“, was so viel wie Narr oder Hanswurst bedeutet, aber zugleich auch mit dem Wort „baja“ für Spaß, Scherz oder Posse zusammenhängt. 

Daraus ergibt sich insgesamt die Bedeutung als „Spaßmacher“ – und so sieht der Figurentypus auch aus: ein weiter, weißer oder bunter Pluderanzug mit Halskrause und Spitzhut. Solche Figuren, die im 18. Jahrhundert im italienischen Karneval bekannt wurden, gelangten nach und nach auch in den schwäbisch-alemannischen Raum, wo bis heute vor allem Kinder gerne mit solchen Narrenkleidern ausgestattet werden. 

Dann wäre da noch der Figurentypus des Domino – abgeleitet vom lateinischen „dominus“ für Herr. Diese Verkleidung, ein schwarz--seidener Maskenmantel und die als „Bautta“ bezeichnete weiße Gesichtsmaske, hat im 18. Jahrhundert in den venezianischen Karneval Eingang gefunden und fand vor allem unter den Teilnehmern der Maskenbälle großen Anklang. 

Der Flug des Engels

Der venezianische Karneval dauert genau zehn Tage und endet mit Aschermittwoch. Am Anfang der Festzeit steht der „Volo dell’Angelo“, der Engelsflug. Dabei schwebt eine Artistin, mittlerweile nicht selten eine Schönheitskönigin oder Prominente, mit Hilfe eines Stahlseils von dem 99 Meter hohen Campanile, dem Glockenturm des Doms,
hinunter auf den Markusplatz. 

Fragt man nach der Bedeutung dieser Zirkusnummer, so liegen deren Ursprünge viele Jahrhunderte zurück: Erstmals Mitte des 16. Jahrhunderts war ein türkischer Akrobat mit Hilfe einer Stange auf einem Seil vom Glockenturm zur Loggia des Dogenpalasts balanciert. Dieser spektakuläre „Flug des Türken“ wurde fester Bestandteil der Feierlichkeiten, bis die Tradition Mitte des 18. Jahrhunderts nach einem tödlichen Unfall abbrach. 

Mittlerweile gehört der leicht abgewandelte Drahtseilakt ebenso wieder zum karnevalistischen Geschehen in Venedig wie die vielen Paraden, Bühnenshows und Musik-auftritte – mal mehr, mal weniger pompös. Im Zentrum aber stehen immer und überall die farbenfrohen Kostüme.

Irene Krauß