Vom Haarerlass zur Leseprobe (Mittwoch, 08. Januar 2020 14:56:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Juden mit langen Mähnen, glattrasierte Römer

Vom Haarerlass zur Leseprobe

Es ist kurz vor 18 Uhr. Der Saal im Kleinen Schauspiel Oberammergau füllt sich an diesem Samstagabend: Und zwar überwiegend mit jungen Männern, die auffallend lange Haare und Bärte tragen. Ein Treffen junger Liebhaber der 1960er und -70er Jahre? Hippies unter sich?

Keine Spur. Der Blick ist nicht in die Vergangenheit gerichtet, sondern in die Zukunft: auf die Passionsspiele, die im Mai Premiere haben. Und dafür gilt der Bart- und Haarerlass, demzufolge sich die Mitwirkenden seit Aschermittwoch 2019 wachsen lassen, was wächst. Ein Blick in die Runde bei dieser ersten Leseprobe fällt aber auch auf Männer, die glatt rasiert sind: die Darsteller der Römer. Manch einer, der nicht anderthalb Jahre zauselig ins Büro gehen will, hat sich bewusst als Römer beworben.

Mehr als 2000 Spieler

Egal, ob Jude oder Römer, alle sind gespannt auf den Text, den sie zum ersten Mal sehen und lesen werden. Rund 150 Frauen und Männer, die eine Sprechrolle haben, sind zur Leseprobe gekommen. Insgesamt wird sich fast die Hälfte der 5200 Einwohner Oberammergaus an der Passion beteiligen. 1830 Erwachsene machen von ihrem Spielrecht Gebrauch, dazu etwa 500 Kinder. Mitwirken darf jeder, der in Oberammergau geboren ist oder seit 20 Jahren dort wohnt.

Die Grundlage für den Text der Passionsspiele legte Pfarrer Joseph Alois Daisenberger um 1860. Aber diese Fassung wird immer wieder überarbeitet. Christian Stückl inszeniert seit 1990, also jetzt zum vierten Mal – und gewinnt jedes Mal einen neuen Blick auf das Geschehen. Die aktuelle Fassung wurde erst am Vorabend der ersten Leseprobe fertig. Und der Regisseur lässt keinen Zweifel daran, dass er sich im Laufe der Proben noch manche Nacht um die Ohren schlagen wird, um weiter am Text zu arbeiten.

Seine Inszenierung betrachtet Stückl als eine Stufe in einem langwierigen Prozess, der für ihn vor 30 Jahren angefangen hat. Damals, 1990, begann die Aufführung mit dem Jesus, der die Händler aus dem Tempel treibt. Der 1884 in München geborene jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger hatte schon früher bemerkt: „In Oberammergau stirbt Jesus, weil er sich mit den Kleingewerbe Treibenden angelegt hat.“ 

So soll er aber nicht gesehen werden, sagt Christian Stückl. Schon 2010 lag ihm daran, nicht nur die Leidensgeschichte zu erzählen, sondern das Wirken und die Botschaft Jesu insgesamt in den Blick zu nehmen, weil „in unserer Welt das Wissen darum immer mehr abgenommen hat“.

In dem kommenden Passionsspiel will Stückl die Nähe Christi zu den Armen und den am Rande Stehenden stärker herausarbeiten.  Aktuell für die heutige Gesellschaft: Wie geht sie mit all den Ausgrenzungen um? Viele Kernaussagen Jesu, etwa seine Aussagen zur Feindesliebe und die Auseinandersetzung mit den Römern, werden weiter eine Rolle spielen, sagt Stückl. Man könne das Rad nicht neu erfinden, zumal die Worte Jesu im Passionsspiel Originalton der Evangelien sind.

Keine aktuelle Deutung

Themen, die in der Kirche aktuell diskutiert werden, beeinflussen die Inszenierung Stückls nicht. Er will die Geschichte eines jungen Juden erzählen, der in der Auseinandersetzung mit seiner Religion steht. Dabei kommt man um das Thema Antijudaismus nicht völlig herum, denn das Neue Testament enthält antijüdische Tendenzen, die auf der Bühne noch plastischer wirken als im Text.

Um dem zu begegnen, arbeitet Stückl die Auseinandersetzungen im Hohen Rat und zwischen Gruppen der Priester heraus, schärft etwa die Figuren des Nikodemus und des Josef von Arimathäa, die Jesus nicht verurteilen. Auch an der Rolle des Pilatus und seiner Verantwortung für den Tod Jesu will der Spielleiter feilen. 

Noch viel Probenarbeit also, die jetzt nach dem allerersten Lesen bis zum 16. Mai bewältigt werden muss. Dann wird vor über 4000 Premierenzuschauern die berühmte Musik mit dem „Heil Dir“ zur Passionseröffnung 2020 erklingen.

Günther Gremp