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Selbsterfahrung

Wie ich jodeln zu lernen versuchte

DIESSEN – Das hatte sich die nette Kollegin dann doch nicht verkneifen können. Um mir für einen Jodelkurs Mut zu machen, schrieb sie spöttelnd in Anspielung auf Loriots Jodeldiplom: „Man hat ja dann was Eigenes.“ Überhaupt fällt allen Leuten, denen ich offenbare, dass ich mich für einen Jodelanfängerkurs angemeldet habe, der Sketch von Loriot ein.

Jetzt also fahre ich nach Dießen am Ammersee, das in Sichtweite von Kloster Andechs liegt, um an diesem Jodelkurs teilzunehmen. Am Horizont sind die Alpen zum Greifen nah und der See blitzt immer mal wieder silbrig in der Landschaft hervor. Ich habe aber kein fröhliches Lied auf den Lippen, sondern denke missmutig, was mich da bei der Anmeldung geritten hat. Im Geiste sehe mich schon wie ein Pferd wiehern und ein Walross schnaufen. Schließlich weiß ich noch aus meiner Zeit im Kirchenchor, was Chorleiter so alles an komischen Übungen drauf haben. 

Im Dießener Trachtenheim, wo der Kurs über die Bühne geht, fasse ich zu Jodellehrerin Heidi Clementi mit ihren strahlend blauen Augen und dem lustigen halblangen Kringelhaar gleich Vertrauen. Sie spricht mit einem anheimelnden Südtiroler Dialekt. „Ihr sollt ein Gefühl für den Jodlerklang eurer Stimme bekommen“, sagt sie.

Los geht’s mit Aufwärmübungen. Wir sollen uns auf „Urlaute“ einstellen, tönen, als flösse aus dem Brausekopf der Dusche plötzlich kaltes Wasser. Das kriege ich ganz gut hin. Dann sollen wir so tun, als pflückten wir Äpfel, und zwar solche, die man gerade noch erreichen kann, und einen stöhnenden, verlangenden Laut hervorstoßen und diesen von ganz oben nach ganz unten führen. Und auch umgekehrt geht die Übung. Von der Erde einen Ton in den Himmel hin­aufziehen.

„Ist da ein Knick in der Stimme hörbar?“, fragt Heidi. Ich meine tatsächlich ein Knicklein in meiner Stimme vernommen zu haben. „Diesen Knick“, erläutert die Lehrerin, „will man beim klassischen Gesang vermeiden. Beim Jodeln aber spielt man genau damit.“ 

Teilnehmerin Ronja hat ihre Hündin Nova, einen Riesenpudel mit witzigen Rasta-Locken, mitgebracht. „Das ist ein Therapiehund“, stellt sie ihn vor. Will sagen: Vor dem braucht keiner Angst zu haben. Tatsächlich bleibt Nova trotz Urlauten aus der Dusche und Stöhnen beim Apfelpflücken unbeeindruckt auf der Türschwelle liegen und schaut nach draußen.

Hündin Nova horcht auf

Heidi will, dass wir das Zwerchfell aktivieren. Dazu sollen wir die bellenden Laute wu, wu, wu machen. Da dreht Hündin Nova verwundert den Kopf und schaut auf den Kreis jaulender Leute. Alle lachen. „Beim Jodeln nicht singen. Fürs Jodeln braucht es das Rufen, aber nicht das Schreien, denn es hat nichts mit Kraft zu tun“, erläutert die Singleiterin. 

Jeder soll nun rufen, als treibe er eine Herde Kühe zusammen: He, ho, he. Derb, ungehobelt und ausfallend soll’s klingen. Als ich dran bin, die Kühe stimmlich zusammenzutreiben, ist die Jodellehrerin nicht zufrieden. Nicht gesungen will sie es haben, mehr Energie soll ich reinlegen. Erst bei einer späteren Runde im Freien bekomme ich eine Ahnung, wie sich das anhört.

Nach einigen Partnerübungen, bei denen ich Unterstützung brauche, führt Heidi den Admonter Echo-Jodler ein. Dafür müssen wir erst mal die Silben auswendig lernen: Holla da ri ti jo ho da rei tam tje. Und für die zweite Stimme: Iti iti ho da rei tam tje. „Das ist eigentlich kein Echo, sondern ein Gegeneinandersingen“, erklärt Heidi. Man jodle immer zu zweit oder zu dritt. Das Jodeln in Massen sei „eher ein modernes Phänomen“.

„Jeder Jodler steht für sich im Moment, da darf niemand reinreden“, schärft sie uns ein. „Jede Stimme ist eine Solostimme. Ihr müsst die eigene Art zu jodeln kennenlernen.“ Weitere Übungen folgen. Wir stehen im Kreis auf der Wiese vor dem Trachtenheim und üben wieder den Admonter Echo-Jodler. Da drängt sich Riesenpudel-Hündin Nova in die Mitte des Kreises und wälzt sich ob des Wohlklangs genüsslich im Gras.

Leider muss ich passen, als ich daheim aufgefordert werde, doch mal etwas vorzujodeln. Die Tür zur Kunst des Jodelns hat sich für mich nur einen kleinen Spalt weit geöffnet. Ich ahne: Wer diese Kunst beherrscht, den überfluten Glückshormone. Es prickelt auf den Schenkeln, der Brust, dem Rücken und den Armen. Immer auf der Hut vor unvermutet auftauchenden Spaziergängern, treibe ich übungshalber mit lauten He- und Ho-Rufen Kühe im Wald zusammen. Ich freue mich nämlich schon auf den nächsten Kurs.

Gerhard Buck

Informationen 

Im Internet: www.heidiclementi.at

24.10.2019 - Bayern , Magazin