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"Kleine Schwestern der Jünger des Lamms"

Mit Down-Syndrom ins Kloster

Eine kleine französische Ordensgemeinschaft erhält Unterstützung vom Vatikan. Das Besondere an dieser Gemeinschaft: Die meisten der 21 geweihten Frauen haben das Down-Syndrom.

Die Schwesterngemeinschaft – die erste ihrer Art – gehört dem Orden „Petites Sœurs disciples de l’Agneau“ an. Ihr spirituelles und menschliches Abenteuer steht unter zwei besonderen Schirmherren: dem heiligen Benedikt und der heiligen Thérèse von Lisieux. Das betont die Gründerin der Gemeinschaft, Schwester Line. Als sie in den 1980er Jahren auf der Suche nach einer passenden Gemeinschaft war, lernte sie Véronique kennen. Schnell freundete sie sich mit der jungen Frau mit Down-Syndrom an, die ebenfalls ihre Berufung im Dienste der Kirche leben wollte.

Hilfe, die Berufung zu verwirklichen

„Ich hatte mehrere Gemeinschaften besucht, die Menschen mit Behinderungen willkommen hießen. Aber ich merkte, dass sie dort ihren Platz nicht vollumfänglich finden konnten“, sagt Schwester Line, die heutige Mutteroberin der „Kleinen Schwestern der Jünger des Lamms“, wie die Gemeinschaft auf Deutsch heißt. „Es war die Begegnung mit der jungen Véronique, einem Mädchen mit Down-Syndrom, die mir die Idee zu etwas Neuem gab. Ich sagte mir, dass ich ihr helfen müsse, ihre Berufung zu verwirklichen“, erläutert Schwester Line.

Mit eigenen Statuten

Das Kirchenrecht und die monastischen Regeln sehen die Aufnahme von Menschen mit geistigen Behinderungen in das Ordensleben nicht vor. Doch Line und Véronique gaben nicht auf und nach 14 Jahren „Suche“ schufen sie eine Gemeinschaft mit eigenen Statuten. Diese „besondere Gemeinschaft“ hat ihren eigenen, originellen Stil. 

Auch aus dem Vatikan kam und kommt Unterstützung und vor allem die langersehnte Anerkennung. Weitere solche Gemeinschaften sind zwar derzeit nicht in Planung, heißt es im Vatikan. Doch man wolle „mit allen möglichen Mitteln“ die Gemeinschaft in Mittelfrankreich unterstützen.

Anfang in einer kleinen Wohnung

Wenn sie an die Anfänge denkt, erinnert sich Schwester Line noch heute an die kleine Wohnung, in der sie zuerst zusammenzogen. Das war 1985. Fünf Jahre lang bauten sie die Gemeinschaft auf und baten dann ihren zuständigen Diö­zesanbischof, den Erzbischof von Tours, sie zunächst als öffentliche Laienvereinigung anzuerkennen.

1995 zwang die wachsende Zahl von Mitgliedern die „Kleinen Schwestern“ zum Umzug: Sie ließen sich in einem Anwesen in Le Blanc nieder, einer Stadt mit 6500 Einwohnern im Bistum Bourges. Pierre Plateau (1924 bis 2018), Erzbischof dieser Diözese in Mittelfrankreich, nahm sie herzlich auf. Durch seine Unterstützung und Fürsprache in Rom schafften sie es, 1999 den Status eines kontemplativen Ordens­instituts zu erlangen. „Erzbischof Plateau war in der Tat ein Vater unserer Gemeinschaft: Er stand Menschen mit Down-Syndrom sehr nahe“, sagt Mutteroberin Line. Die Ordensschwestern bauten allmählich das Priorat und die Kapelle aus und erhielten 2011 die endgültige Anerkennung ihrer Statuten.

Heilige Thérèse als Vorbild

Ihr Alltag spielt sich zwischen den täglichen Gebeten, der dienstags in der Kapelle gefeierten Heiligen Messe und den verschiedenen Aktivitäten ab: Web- und Keramikwerkstätten und in jüngster Zeit die Einrichtung eines Heilpflanzengartens. Letztendlich drückt sich ihre außerordentliche Berufung in einem gewöhnlichen Leben, in der Demut des Dienstes aus, auf dem „kleinen Weg“ der heiligen Thérèse von Lisieux, deren Spiritualität ihre große Quelle der Inspiration ist.

"Ich liebe das Leben. Ich bete"

„34 Jahre sind vergangen, seit ich den Ruf Jesu gehört habe. Ich habe versucht, Jesus kennenzulernen, indem ich die Bibel und das Evangelium gelesen habe“, sagt Schwester Véronique. „Ich wurde mit einer Behinderung namens Down-Syndrom geboren. Ich bin glücklich, ich liebe das Leben. Ich bete, aber ich bin traurig wegen der Kinder mit Down-Syndrom, die nicht die gleiche Lebensfreude empfinden werden“, sagt sie und verweist auf die Abtreibungen von Kindern mit dem Gendefekt. 

Jesus habe sie in ihrer Liebe wachsen lassen. „Nachdem ich in einer Gemeinschaft abgelehnt worden war, war meine Freude umso größer, als ich am 20. Juni 2009 im Institut der Kleinen Schwestern das ewige Gelübde ablegen konnte. Es ist meine größte Freude, die Braut Jesu zu sein“, sagt sie. 

Mario Galgano

31.07.2019 - Behinderung , Frankreich , Kirchen