Was krabbelt da auf dem Teller? (Montag, 03. Juni 2019 10:31:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Insekten auf dem Speiseplan

Was krabbelt da auf dem Teller?

Köstlich, cremig und aus Insekten gewonnen – mit dieser neuen Kreation sorgte vor Kurzem ein Eishändler im süd­afrikanischen Kapstadt weltweit für Schlagzeilen. Auf dem Schwarzen Kontinent ist seine Erfindung nicht das erste Unikat in einer Reihe kulinarischer Seltsamkeiten. 

Die Geschmacksrichtungen Erdnussbutter und Weihnachtsgewürz verleiten zum Kosten. Daneben gibt es den Klassiker Schokolade. Was bleibt, ist der Ekelfaktor – oder zumindest die Erinnerung bei jedem Löffel, dass dieser Becher Eis eigentlich voller Maden ist. Aus Sicht von Ernährungsberatern ist die Erfindung der südafrikanischen Jung­unternehmer dagegen brillant. 

Die weiße, bis zu zwei Zentimeter lange Larve der Soldatenfliege steckt voller Proteine und gesunder Nährstoffe, darunter Eisen, Kalzium und Zink. Wie genau das Würmchen zur Milch und später zur Eiscreme wird, wollen die Köpfe von „Gourmet Grubb“ nicht verraten – zumindest nicht, bevor sie für ihre Idee das Patent besitzen. 

„Vielfältig einsetzbar“

Eines steht für die Miterfinderin, Lebensmittelwissenschaftlerin Leah Bessa, aber schon fest: „Eiscreme ist eine großartige Methode, um der Öffentlichkeit das Konzept von Insekten als alternative Nahrungsquelle näherzubringen. Es schmeckt und zeigt, wie vielfältig einsetzbar Insektenmilch ist.“

In Südafrika haben die Kapstädter durch ihre Idee Insekten salonfähig gemacht und so auch für Südafrikas Mittelschicht und Wohlhabende einen Anreiz geschaffen, das Krabbeltier zu probieren. In ländlichen Gebieten stehen Insekten schon lange auf dem Speiseplan – wie auch in anderen Regionen des Kontinents. 

In Simbabwe etwa ist der Mopane-Wurm – eigentlich eine Raupe – keine ausgefallene Delikatesse, sondern Grundnahrungsmittel. Bevor sie sich in Schmetterlinge verwandeln, werden die dicken Larven von Bäumen gepflückt, beherzt ausgequetscht und frittiert. Mehr Biss gibt es etwa in der westafrikanischen Elfenbeinküste oder auf Madagaskar: Dort werden Käfer verspeist – in Soße scharf angebraten. 

Weshalb die Staaten Schwarzafrikas mit solch einem Speiseplan Vorreiter in Sachen Umweltschutz sind, erklärt Mike Picker, Biologe an der Universität Kapstadt: „Grillen oder Mehlwürmer brauchen wesentlich weniger Platz als jede Art von traditionellem Vieh. Das bedeutet eine minimale CO2-Bilanz und weniger Schaden für die Umwelt.“ 

Darüber hinaus führt der Forscher ein „starkes ethisches Argument“ für Insekten auf dem Speiseplan an: Anders als Säugetiere, Fische oder Vögel verspüren Insekten nach derzeitigem Forschungsstand keinen Schmerz. „Angesichts des massiven Einflusses, den die Massentierhaltung auf die globale Erwärmung hat, sollten wir unsere Gewohnheiten überdenken und Insektenprotein in unseren Speiseplan aufnehmen“, meint Picker.

Dass afrikanische Ernährungsgewohnheiten nicht nur für westliche Betrachter eklig sein können, verrät ein Blick nach Namibia. Dort werden seit Jahrtausenden Ochsenfrösche verzehrt. Anders als bei französischen Froschschenkeln setzt man bei der afrikanischen Version sein Leben aufs Spiel. Eine falsche Zubereitung der Amphibie kann zu Nierenversagen führen. Einige Namibier kochen daher Berichten zufolge Trockenholz mit, um das Gift zu neutralisieren. 

Rohe Fleischklumpen

Nicht ungefährlich ist auch der Verzehr von Tera Sega. In Äthiopien werden die rohen Fleischklumpen mit Gewürzen und Soße verspeist. Vor allem bei Hochzeiten oder Festessen der äthiopisch-orthodoxen Kirche ist die Delikatesse nicht wegzudenken. Trotzdem raten Ärzte davon ab: Neben einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen sei die Gefahr groß, sich durch Tera Sega einen Bandwurm oder andere Parasiten einzufangen. 

Dann vielleicht eher Hausmannskost aus Südafrika? Während der Samp, ein Maisbrei mit Bohnen, mehrere Stunden im Topf über dem Feuer köchelt, wird nebenbei das Fleisch zubereitet. In burischen Haushalten sind das oft Sklipadjies (wörtlich „Schildkrötchen“), stark gewürzte Lammlebern in einem Fettnetz gebraten. In traditionellen schwarzen Haushalten gibt es einen Eintopf aus Hühnerherzen, -nieren, -lebern, -füßen und -hälsen. Die einzelnen Körperteile kauft man im Supermarkt um die Ecke. 

Südafrikas Bevölkerung gilt als zweitdickste auf dem Kontinent. Jeder dritte Mann und mehr als 70 Prozent der Frauen leiden an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Das ist auch dem Siegeszug von Fastfood und industriell gefertigter Nahrung geschuldet. Vielleicht sollten Afrikaner wieder vermehrt auf Uromas Rezepte setzen – selbst wenn das Eis wie Fischfutter duftet und aus dem Eintopf die Hühnerkrallen herausragen.

Markus Schönherr

03.06.2019 - Afrika , Ernährung , Umwelt