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Würdigung von Zeitzeugen

Appelle am Holocaust-Gedenktag

Vor seinem geplanten Auftritt im Bundestag am internationalen Holocaust-Gedenktag hat Israels Parlamentspräsident Mickey Levy einen Appell an die Gesellschaft gerichtet. Der Gedenktag führe den Menschen die Zerbrechlichkeit einer demokratischen Lebensweise vor Augen, schreibt er in einem Gastbeitrag für die "Welt" (Donnerstag). Und: "Lassen Sie sich von niemandem einreden, dass Ihre demokratischen Überzeugungen für schwierige Zeiten unzureichend sind, und lassen Sie sich von schwierigen Zeiten nicht in Ihrem Engagement für die Verteidigung unserer freiheitlichen Demokratien untergraben."

Der Holocaust habe das Schicksal von Deutschland und Israel miteinander verbunden, betont der Knesset-Präsident. Beide Staaten erfreuten sich heute eines "einzigartigen Bündnisses, das im amoralischen Realismus der internationalen Beziehungen" selten zu finden sei.

An dem Gedenktag wird international an die Befreiung überlebender Häftlinge in Auschwitz und an die NS-Opfer erinnert. Die Rote Armee befreite sie aus dem größten NS-Konzentrationslager am 27. Januar 1945. In Berlin findet im Bundestag traditionell eine Gedenkstunde für die Millionen Opfer des Nationalsozialismus statt. In diesem Jahr wird die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher die zentrale Rede halten. Auch Levy wird zu der Veranstaltung erwartet.

Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, Axel Drecoll, würdigte in der "Jüdischen Allgemeinen" die Bedeutung von Zeitzeugen: "Der Austausch mit ihnen bestärkt uns, gibt uns Richtung und Gewissheit über die Wichtigkeit unseres Engagements. Es sind die Autorität der Persönlichkeit, die Ausstrahlung des selbst Erlebten und die Kraft der individuellen Erzählung, die die zutiefst inhumane, kaum fassbare Dimension der NS-Verbrechen biografisch verorten und fassbarer machen." Die Erinnerung durch Begegnung sei nicht zu ersetzen - gleichwohl müssten Gedenkstätten auch ohne Überlebende arbeiten.

Der Sozialverband VdK verurteilte Vergleiche der aktuellen Lage in Deutschland mit der NS-Zeit. "Die Lehre aus dieser Vergangenheit muss sein, dass wir Menschenfeindlichkeit, egal, ob politisch, religiös oder ideologisch motiviert, niemals akzeptieren und legitimieren. Sie muss aber auch sein, dass wir jeden Versuch aufs Schärfste zurückweisen, diese Gräueltaten der Vergangenheit durch Vergleiche mit der Gegenwart in Deutschland zu verharmlosen", erklärte VdK-Präsidentin Verena Bentele in Berlin. Dies sei Volksverhetzung. Jeder müsse sich dafür einsetzen, die Demokratie zu schützen.

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, will sich auch in seiner zweiten Amtszeit für eine gelebte und inklusive Erinnerungskultur einsetzen. Er begrüße, dass im Koalitionsvertrag vereinbart worden sei, die Opfer der "Euthanasie"-Morde und Zwangssterilisationen offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen, hieß es in Berlin. Dies sei ein längst überfälliger Schritt.

KNA

27.01.2022 - Gedenken , Holocaust , NS-Zeit