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Geboren im Allgäu, ermordet in Auschwitz

Berührend und beklemmend

WOLFEGG – Ein kleines Mädchen strahlt über das ganze Gesicht – beim Schlittenfahren, beim Spielen mit dem Hofhund oder beim Hühnerfüttern. Die Fotos berühren an jeder Station der Wanderausstellung aufs Neue. Nach Marktoberdorf, Immenstadt, Lindenberg und Ottobeuren ist „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu. Ermordet in Auschwitz“ nun im Bauernhausmuseum Wolfegg zu sehen.

Nicht nur mit vielen Fotografien, sondern auch mit einer Videostation und anhand von Gabis Spielsachen wie ihrer Puppenwiege gibt die Ausstellung Einblick in das kurze Leben des niedlichen Mädchens, das 1937 in Marktoberdorf geboren wurde. Basis sind die jahrelangen Forschungen des Allgäuer Autors und Filmemachers Leo Hiemer, der auch ein Buch über Gabi schrieb.

Ihre Mutter Lotte, eine Jüdin aus Augsburg, bringt Gabi schon im Säuglingsalter nach Stiefenhofen auf den Hof der Familie Aichele, um sie vor dem nationalsozialistischen Rassenwahn zu retten. Denn obwohl Lotte zum katholischen Glauben übergetreten ist und ihr Kind katholisch taufen lässt, sind sie vor den Nazis nicht sicher. 

Geliebt wie ein eigenes Kind

Gerade drei Wochen ist Gabi alt, als sie in die Obhut von Josef und Therese Aichele kommt. Auf dem Hof wächst das Mädchen in den kommenden Jahren auf, behütet und geliebt wie ein eigenes Kind. Lotte besucht ihre Tochter wann immer sie kann. Anna, der ältesten Tochter der Aicheles, vertraut sie eine Fotokamera an, um später wenigstens auf Bildern an der Entwicklung ihrer Tochter teilhaben zu können. 

Kein einziges trauriges Bild

Die schwarze Agfa Box 43/4, mit der fortan so viele Aufnahmen entstehen, ist auf einem Sockel inmitten der Ausstellung platziert. Kein einziges trauriges Bild wurde wohl mit dem kastenförmigen Apparat gemacht und doch ist der Anblick beklemmend. Schon 1942 wird Gabis Mutter Lotte, die mit Hilfe von Kardinal Michael von Faulhaber noch versucht hatte, mit ihrer Tochter zu emigrieren, ins KZ Ravensbrück gebracht und schließlich in der NS-Tötungsanstalt Bernburg ermordet. 

Nur die Erinnerung bleibt

Anfang 1943 muss Gabi auf Geheiß der Gestapo das Allgäu verlassen. Für das Foto für die „Judenkartei“ wird das Mädchen zum Fotografen nach Oberstaufen gebracht, ist in der Ausstellung zu lesen. Verzweifelt versuchen der Pflegevater und der Dorflehrer, das Kind aus den Fängen der Nationalsozialisten zu retten. Sie reisen sogar ins Lager Berg am Laim, in das man Gabi verschleppt hat, aber alles ist vergebens. Die Fünfjährige wird 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der Pflegefamilie bleibt nur die Erinnerung an das geliebte Kind.  

Nie gezeigte Bilder

In der Ausstellung, sagt Kuratorin Regina Gropper, sind auch 28 bisher nie gezeigte Fotos von Gabi zu sehen. Darüber hinaus beleuchtet die Schau  in Zusammenarbeit mit dem Denkstättenkuratorium „NS Dokumentation Oberschwaben“ verschiedene Aspekte der regionalen Erinnerungs- und Zeitgeschichte. Mit kleinen Schlaglichtern wird so deutlich, welches Grauen sich in der NS-Zeit auch in der vermeintlich so beschaulichen Region Allgäu/Oberschwaben abspielte. Die „Grauen Busse“, mit denen 1940 hunderte Menschen aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Weißenau abgeholt und im Rahmen der Euthanasie-Aktion T 4 in die Vernichtungslager Grafeneck transportiert wurden, sind nur ein Beispiel von vielen. Susanne Loreck

Information: 

Das Bauernhausmuseum Wolfegg ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Besucher müssen wegen der Corona-Pandemie die vorgeschriebenen Hygieneauflagen einhalten. Mehr unter www.geliebtegabi.de und
www.bauernhausmuseum-wolfegg.de.

18.06.2020 - Deutschland , Holocaust , NS-Zeit