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Ukrainische Katholiken im Bistum leisten Hilfe für Flüchtlinge und im Kriegsgebiet

„Gebet ist die stärkste Waffe“

NEU-ULM – Seit Beginn des Kriegs in ihrer Heimat sind sie unermüdlich im Einsatz: Die Mitglieder der ukrainisch-katholischen Gemeinde im Bistum Augsburg haben bereits mehrere Hilfstransporte organisiert und betreuen Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet. Geleitet wird die Seelsorgestelle mit Sitz in Neu-Ulm von Pfarrer Andriy Pizo, der seit 2003 in Deutschland lebt. Seit 2005 ist der Geistliche, der verheiratet ist und eine Tochter hat, in der Diözese Augsburg tätig. Im Interview spricht er über den Krieg und das Engagement seiner Gemeinde.

Wie erleben Sie zur Zeit die Situation in Ihrer Heimat?

Das ist schrecklich, was dort passiert. Es ist unglaublich, dass man Zivilisten tötet, kleine Kinder. Man beschießt mit Raketen und Flugzeugen Krankenhäuser und Wohnhäuser. Es werden unschuldige Menschen getötet, die nichts mit dem Militär zu tun haben. Das ist schrecklich.

Hat Ihre Familie Angehörige in der Ukraine?

Meine Mutter ist in der Ukraine, sie ist zuhause geblieben. Und ich habe einen Onkel und seine Familie in Melitopol, in der Gegend, die gerade unter russischer Besetzung ist. Zu ihm habe ich keinen Kontakt. Sie sind telefonisch nicht erreichbar. 

Wie verändert der Krieg in der Heimat Ihr Gemeindeleben?

Wir treffen uns jetzt öfter. Die Gemeindemitglieder kommen, um zu helfen. Wir sammeln Spenden für Medikamente oder die Dinge, die im Kriegsgebiet benötigt werden: Lebensmittel, Schlafsäcke, Isomatten und solche Sachen. Und die Leute helfen dabei, das einzupacken und in die Ukraine zu transportieren. Das hat uns näher zusammengebracht. 

Wie viele Hilfstransporte haben Sie schon in die Ukraine geschickt?

So viel ich weiß schon sieben. Noch letzte Woche konnten zwei unserer Transporte mit Lebensmitteln und Medikamenten nach Charkiw fahren. Aber jetzt ist es ganz schwierig, seitdem die Stadt eingekesselt ist.

Erzählen Sie etwas über Ihre Gemeinde. Wie groß ist sie und wer gehört alles dazu? 

Wenn ich die Menschen zusammenzähle, die ich auch persönlich kenne, sind es über 400 Personen, die zu den Sonntagsgottesdiensten kommen. Die meisten leben in Neu-Ulm und Augsburg. In Augsburg sind es einige, die aus der Ukraine ausgewandert sind. In Neu-Ulm gibt es welche, die seit dem Zweiten Weltkrieg hier geblieben sind. Auch ihre Kinder leben hier.

Wir haben in Neu-Ulm eine ganz kleine Kirche. Wegen der Corona-Maßnahmen haben wir darin zur Zeit nur Platz für 16 Leute. Live-Übertragung haben wir nicht. Wir können uns eine solche Anlage nicht leisten. Wir müssen unsere Kirche und das Gemeindezentrum renovieren – das kostet natürlich viel Geld. Dafür sind wir auch am Sammeln. Aber jetzt, seit dem Krieg in der Ukraine, sammeln wir für die Menschen dort, für die, die auf der Flucht sind, die zu uns kommen, damit wir sie unterstützen können.

In welchem Umfang sind bei Ihrer Gemeinde schon Flüchtlinge eingetroffen und haben eine Unterkunft bekommen?

Das ist schwer zu schätzen. Die Menschen sind meistens privat untergebracht, in deutschen oder auch in ukrainischen Familien. Oft ist es die Verwandtschaft, die aus der Zentral- oder der Ostukraine gekommen ist. Die Flüchtlinge müssen sich jetzt erst einmal registrieren. Da gibt es ab und zu ein bisschen Schwierigkeiten, aber das wird, glaube ich, im Laufe der Zeit auch besser. 

Haben Sie selbst schon mit Flüchtlingen gesprochen?

Ja. Am Sonntag kamen neulich zwölf Menschen mit Kindern zu uns. Leute aus meiner Gemeinde haben dafür Essen vorbereitet. Wir haben ihnen auch etwas mitgegeben. Das Rote Kreuz in Ulm hat sich dann um ihre Unterbringung gekümmert. Wir haben an dem Tag Wasser dorthin geliefert, weil es dort fast gar nichts gab. Einige aus der Gemeinde haben sich bei den Behörden als Übersetzer zur Verfügung gestellt.

Wie beten Sie mit Ihrer Gemeinde um den Frieden? Gibt es besondere Fürbitten in den Gottesdiensten?

Ja, natürlich. Wir waren auch schon öfter in die deutschen Gemeinden eingeladen, um zusammen zu beten: in der katholischen Kirche, auch in der evangelischen Kirche in Neu-Ulm und Ulm. Wir bekommen sehr, sehr starke geistliche Unterstützung. Und dass so viele Leute mitbeten für den Frieden und für die Menschen in der Ukraine, das macht uns wirklich sprachlos. 

Was ist Ihre Bitte an die Leser: Welche Hilfe brauchen die Menschen in der Ukraine jetzt am dringendsten?

Das sind natürlich die Gebete. Wir vermögen nicht viel, aber das Gebet ist die stärkste Waffe, die wir haben. Es ist schwer zu sagen. Es gibt so viele Hilfen, so viele Spenden, die in die Ukraine gehen. Ich bin sehr dankbar, auch im Namen der Ukrainer hier in Deutschland und dort in der Ukraine. Ein herzliches Vergelt’s Gott für alle Hilfe und für das Gebet.

Interview: Ulrich Schwab

20.03.2022 - Krieg , Osteuropa