Glaube schenkt Heimat: Interview mit Kardinal Christoph Schönborn (Freitag, 18. Mai 2018 11:16:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Interview zur Verleihung des Europäischen Karlspreises

Kardinal Schönborn: Glaube schenkt Heimat

AUGSBURG/WIEN – Am Samstag, 19. Mai, erhält Kardinal Christoph Schönborn auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg den Europäischen Karlspreis. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft würdigt damit seinen Einsatz für die europäische Einigung und die Völkerverständigung (siehe „Hintergrund“). Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Wiener Erzbischof über seine böhmische Herkunft und Flüchtlingsschicksale damals wie heute.

Herr Kardinal, mit welchen Gefühlen und Gedanken nehmen Sie den Karlspreis entgegen?

Wir haben die Heimat verloren, aber nicht den Glauben. Mir ist der Glaube an Christus zur Heimat geworden: „Du bist, der meinen Wegen ein sicheres Ziel verleiht.“ Letztlich gilt für uns alle: Unsere eigentliche Heimat ist nicht auf dieser Erde, sondern im Himmel. Viele unserer Heimatvertriebenen haben aus dieser Sicherheit heraus ihr Schicksal bewältigt und sich eine neue irdische Heimat geschaffen. So verdankt auch die Kirche vielen Heimatvertriebenen Glaubenszeugnis, Glaubensmut und Glaubenshoffnung.

Sie sind selbst im Sudetenland geboren und stammen aus einer deutsch-böhmischen Familie. Wie stark hat das Ihre Identität geprägt? 

Papst Franziskus hat Kindern in einem palästinensischen Flüchtlingslager den Rat mitgegeben: „Lasst niemals zu, dass die Vergangenheit euer Leben bestimmt. Blickt immer nach vorn.“ Auch bei uns zu Hause war das so. Wir wussten, wo wir herkamen. Aber unsere Familie hat sich nie über die Vertreibung definiert und schon gar nicht über die Wut und den Zorn gegen die, die uns vertrieben haben. 

Und dann gab es ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl mit denen, die drüben geblieben sind. Wir haben das Kostbarste ja nicht verloren: die Freiheit. Die drüben geblieben sind, die haben auch alles verloren, aber dazu noch die Freiheit.

Wie bewerten Sie den Stand der Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen? Was kann noch getan werden?

Ich bin da kein Experte. Ich sehe, dass die Historiker auf beiden Seiten viel dazu forschen, und das ist gut. Erinnerung ist wichtig! Das Wichtigste ist aber immer die Begegnung der Menschen. Es ist schon ein großer Gewinn, dass wir heute ohne Grenzkontrolle zu den Nachbarn können und sich die Enkel und Urenkel derer, die damals auf entgegengesetzten Seiten standen, im Rahmen der EU auf vielfältige Weise begegnen, durch Studentenaustausch und so weiter – das freut mich sehr. Sie lassen wirklich nicht zu, dass die Vergangenheit ihr Leben bestimmt.

Ihre Familie wurde 1945 aus Nordböhmen vertrieben, als Sie wenige Monate alt waren. Vor diesem Hintergrund: Wie stehen Sie zur umstrittenen Flüchtlingspolitik der österreichischen Bundesregierung? 

Die Erfahrung, dass Heimat im Handumdrehen verloren gehen kann, hat uns feinfühlig gemacht gegenüber allzu simplen Gegenüberstellungen von „Ich bin hier zu Hause – du bist ein Fremder“. Wir waren selber auf Wohlwollen derer angewiesen, für die wir Fremde waren. Stellen Sie sich vor: ein böhmischer Bub in Vorarlberg! 

Freilich kann ein Land nicht mehr Menschen auf Dauer aufnehmen, als es integrieren kann. Die Regierung hat hier eine große Verantwortung. Ganz falsch ist es, Hass auf das Fremde, auf die Fremden zu schüren. Das verhindert nicht die Parallelgesellschaften, vor denen wir uns fürchten, sondern führt sie herbei.

Befürworter einer strengen Flüchtlingspolitik sagen, die Sicherheit der Einheimischen sei wichtiger als das Recht auf Asyl. Wie sehen Sie das?

Ich warne vor zu einfachen Gleichungen oder Gegenrechnungen. Die Migrationsdynamik geht ja weit über das Thema Asyl im Zusammenhang von politischer oder religiöser Verfolgung hinaus. Es ist Faktum, dass viele Millionen Menschen in so untragbaren Bedingungen leben, dass sie große Strapazen und Entbehrungen auf sich nehmen würden, weil sie für sich und ihre Kinder anderswo eine menschenwürdige Zukunft erhoffen – Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge und so weiter. 

Diese Menschen dürfen uns nicht egal sein. Wie wollen wir unseren Reichtum rechtfertigen, wenn wir ihn nicht auch für andere einsetzen? Aber wir können vernünftigerweise nicht alle aufnehmen. Diesem Dilemma müssen wir uns stellen – aber nicht mit Kleinmut und Hass, sondern mit Großherzigkeit und Realitätssinn.

Interview: Thorsten Fels

Hintergrund:

Der Europäische Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft erinnert an den böhmischen König und römisch-deutschen Kaiser Karl IV. (1316 bis 1378). Er wird jährlich beim Pfingsttreffen der nach 1945 aus der damaligen Tschechoslowakei vertriebenen Sudetendeutschen und ihrer Nachkommen für „Verdienste um eine gerechte Völkerordnung in Mitteleuropa“ verliehen.

In diesem Jahr erhält den Preis der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Er wurde 1945 – erst wenige Monate alt – mit seiner Mutter und zwei älteren Brüdern aus dem nordböhmischen Skalken bei Leitmeritz nach Österreich vertrieben und wuchs in Schruns im Bundesland Vorarlberg auf. Seit 1998 ist er Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz.

Schönborn entstammt der böhmischen Linie eines Adelsgeschlechts, das im Heiligen Römischen Reich mehrere bedeutende Bischöfe stellte. Er zählt zu den bedeutendsten Theologen der Gegenwart. Gemeinsam mit dem späteren Papst Benedikt XVI. hat er maßgeblich am aktuellen Katechismus der Katholischen Kirche gearbeitet. Außerdem ist er Initiator des Jugendkatechismus „Youcat“.

„Kardinal Schönborn hat sich in zahlreichen Aktivitäten, Schriften und Predigten nachdrücklich für die europäische Einigung, für die Völkerverständigung sowie für die christliche Erneuerung unserer europäischen Kultur eingesetzt“, begründet der Sprecher und oberste politische Repräsentant der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, die Auszeichnung für den Erzbischof.

„Mit klaren Worten hat er vielfach die Vertreibung verurteilt und sich unerschrocken für Frieden und Menschenrechte eingesetzt, auch wenn er damit auf Vorurteile und Widerspruch stieß. Wir sind stolz auf diesen Landsmann, dessen Vater, Graf Hugo Damian Schönborn, Widerstand gegen die Nationalsozialisten leistete und dessen in Brünn als Baronin Doblhoff geborene Mutter Eleonore aufrecht und tapfer das klassische Schicksal einer Vertriebenenfamilie gemeistert hat.“

Ein eindrucksvolles Zeichen für die Brücken, die Schönborn schon frühzeitig zum tschechischen Volk und zur tschechischen Kirche geschlagen habe, ist laut Posselt die Tatsache, dass unter den Mitkonsekratoren seiner Bischofsweihe am 29. September 1991 der Brünner Bischof Vojtěch Cikr­le gewesen sei. sl/red