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Antisemitismus und Verschwörungstheorien

Internet befeuert Radikalisierung

„Fake News“ und Hetze machen im Internet in Windeseile die Runde – nicht erst, seit die Corona-Pandemie die politische und wirtschaftliche Unsicherheit massiv ansteigen ließ. Baden-Württembergs Antisemitismus-Beauftragter Michael Blume
(CDU) befasst sich in seinem neuen Buch „Verschwörungsmythen“ mit der Problematik. Im Exklusiv-Interview spricht er über Judenhass, Religion und die bevorstehende US-Präsidentenwahl.

Herr Blume, Begriffe wie Antisemitismus oder auch Rassismus werden dieser Tage beinahe inflationär verwendet, manchmal auch, um unliebsame Meinungen abzukanzeln. Wie definieren Sie Antisemitismus?

Eine sehr knappe, religionswissenschaftliche Zusammenfassung wäre: Antisemitismus ist der Glaube an eine jüdisch-israelisch bestimmte Weltverschwörung.

Wer Kritik an der Politik des Staates Israel äußert, insbesondere an der Besatzungspolitik gegenüber den Palästinensern, läuft Gefahr, als Antisemit zu gelten. Wo ist die Grenze zwischen legitimer Kritik an Missständen und Judenhass?

Nehmen Sie einfach Pakistan: Der Staat wurde fast gleichzeitig mit Israel gegründet. Es gab riesige, gegenseitige Vertreibungen von Hindus, Muslimen und Sikhs und bis heute einen gefährlichen Territorialkonflikt mit zwei weiteren Atommächten um Kaschmir. Hinzu kommen Diskriminierungen und Verfolgungen religiöser Minderheiten sowie gewaltbereite, extremistische Gruppen. Dennoch boykottiert kein vernünftiger Deutscher Pakistan. Wenn Sie also die israelische Politik ebenso wie die pakistanische Politik kritisieren, ist das völlig okay. 

Wer sich aber nur auf den Kleinstaat Israel fixiert, selbst dessen Rückzug aus dem Gaza-Streifen und die folgende Terrorherrschaft der Hamas nicht wahrnehmen will und meint, den einzigen demokratischen Rechtsstaat in der Region mit NS-Deutschland gleichsetzen zu müssen, der lebt alte Aversionen aus. Antizionismus ist Antisemitismus, was Sie schon daran erkennen können, dass es gar keinen Antipakistanismus und auch keine „Pakistankritik“ im Duden gibt. Nur bei Israel ticken immer noch viele oft unbewusst antijüdisch aus.

Bei Judenhass denkt man meist an Neonazis und Rechtsextremisten. Wie verbreitet ist eine antisemitische Grundhaltung in der Gesamtbevölkerung?

Nach den uns vorliegenden Studien sind noch bis zu 25 Prozent der Deutschen für antisemitische Verschwörungsmythen ansprechbar. Dabei sind Anteil und Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten eher gesunken. Allerdings können sich Antisemiten heute über das Internet leichter und schneller vernetzen, gegenseitig bestärken und schließlich radikalisieren. 

Es gab und gibt neben rechtsex­tremem Antisemitismus immer auch jenen von links, aus Christentum und Islam sowie – leider zunehmend – aus der Mitte der Gesellschaft. Dort behaupten dann vor allem libertäre Antisemiten wie Oliver Janich und Tilman Knechtel eine vermeintliche Rothschild-Weltverschwörung, die über die Banken die Demokratien kontrollieren würde. Wer also Antisemitismus wirklich bekämpfen möchte, sieht ihn nicht immer nur bei anderen, sondern fängt bei sich selbst und im eigenen Milieu damit an.

Die AfD gilt ihren Kritikern als rechtspopulistisch und in Teilen rechtsextremistisch, vielfach auch als antisemitisch. Wie sehen Sie das?

Ich teile diese Einschätzung und sehe insbesondere den pro forma aufgelösten „Flügel“ und einige Landesverbände als problematisch an.

In Ihrem Buch „Verschwörungsmythen“ erläutern Sie den Aufstieg und Zerfall der radikal-antisemitischen Alldeutschen Partei unter Georg von Schönerer um 1900. Welche Parallelen und Unterschiede sehen Sie zur AfD?

Die AfD war nicht von Anfang an auf Antisemitismus und Führerkult festgelegt, wie es bei den Alldeutschen der Fall war. Die Radikalisierung von Teilen der Partei heute geschah vor allem durch die sogenannten sozialen Medien, über die sich immer mehr Menschen in Parallelwelten zurückzogen, dort gegenseitig anstachelten und noch weiter rechts Stehende dazuholten. Vernünftigere Leute wurden abgedrängt und schieden aus. 

Die gleichen, vor allem digitalen Radikalisierungsprozesse haben zuletzt auch die sogenannte „Werteunion“ am rechten Rand der CDU radikalisiert und zerrissen. Bei der damaligen Alldeutschen Partei war es dagegen vor allem der Aufstand gewählter Abgeordneter, die zum Zerfall der Partei führte.

Statt von Verschwörungstheorien sprechen Sie von „Verschwörungsmythen“. Warum?

Schon der große Philosoph Karl Popper warnte direkt nach dem Untergang des NS-Regimes davor, dass „Verschwörungstheorien“ eben keine wissenschaftlichen Erklärungen, sondern „Aberglaube“ wären. Ein Wissenschaftler will ja neues Wissen entdecken, ein Verschwörungsgläubiger meint ganz im Gegenteil immer schon zu „wissen“, wer an allem Elend der Welt Schuld sei. Heute behaupten auch in Deutschland viele, der Begriff „Verschwörungstheorie“ sei von der CIA erfunden worden, um den Mord an John F. Kennedy zu vertuschen. 

Verschwörungsmythen dienen eben nicht der wissenschaftlichen Erklärung, sondern wie gute Mythen auch der Orientierung, Sinn- und Gemeinschaftsstiftung. Man  könnte sagen, dass in religiösen Mythen die Weltherrschaft des Guten, in Verschwörungsmythen aber die Weltherrschaft des Bösen geglaubt wird. Wer aber dem Glauben an den Teufel, reptiloiden Aliens und vermeintlichen Weltverschwörern in seinem Geist zuviel Macht gibt, verliert den Boden unter den Füßen.

Erst kürzlich gingen wieder Meldungen über Chats unter Polizisten oder auch Beamten des Verfassungsschutzes durch die Medien. Angeblich wurden rassistische Witze gerissen und ausländerfeindliche Parolen verbreitet. Sehen Sie Auswirkungen solcher Einstellungen auf die tägliche Polizeiarbeit?

Auch unter Polizisten finden digitale Radikalisierungsprozesse statt, zumal sie tagtäglich mit den Schattenseiten menschlichen Zusammenlebens und oft auch mit bedrohlichen Situationen konfrontiert sind. Zudem gibt es in Polizei und Justiz ungute Traditionen bis zurück in die NS-Zeit, zum Beispiel im Bereich rechtsextremer Burschenschaften. Deswegen sind mehr Aufklärung extremistischer Netzwerke, aber auch mehr Bildung und Begleitung unserer Beamtinnen und Beamten nötig. Die meisten dienen unserer Republik treu und verdienen es nicht, mit Extremisten gleichgesetzt zu werden.

„Nimm Dir keine Juden und Christen als Freunde“, heißt es im Koran. Nicht wenige Islam-Kritiker sehen Antisemitismus vor allem als muslimisches Problem. Sie selbst berichten, man habe Sie im islamisch-christlichen Dialog aufgefordert, gegen den „gemeinsamen Feind“ vorzugehen. Zugleich erleben Sie den Islam durch Ihre muslimische Ehefrau aus nächster Nähe. Welche Rolle spielt Judenhass im Islam – sowohl hierzulande als auch in den islamischen Mehrheitsgesellschaften?

Wie im frühen Christentum entwickelte sich auch im Islam ein eigener Antisemitismus. So wurde beispielsweise die gelbe Kleidungsmarkierung von Juden zuerst in der arabischen Welt eingeführt. Dennoch gab es auch Zeiten, in denen es Juden unter muslimischer Herrschaft besser erging als in Europa. Vor allem das Bündnis von Adolf Hitler mit dem Großmufti von Jerusalem, Mohammed al-Husseini, hat den arabischen Antisemitismus radikalisiert. So begann die Vertreibung der irakischen und kurdischen Juden bereits 1941, Jahre vor der Staatsgründung Israels. 

Heute wird auch das antisemitische Machwerk der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ in großen Teilen der islamischen Welt geglaubt, obwohl es ursprünglich im zaristisch-christlichen Russland gefälscht wurde. Der heutige Antisemitismus hat sich längst globalisiert, auch zum Beispiel bis nach Japan. Umso wichtiger ist, dass zuletzt weitere arabische Staaten Israel anerkannt haben und übrigens auch in Deutschland der jüdisch-muslimische Dialog vorangeht. Denn wer antisemitisch bleibt, kommt ja auch nicht wirklich in unserer Demokratie an, sondern glaubt weiterhin an Weltverschwörungen. Antisemitismus vergiftet den Islam, wie er das Christentum vergiftet hat.

Unter Verschwörungstheoretikern macht die These die Runde, Corona sei eine jüdische Erfindung. Früher war es wahlweise der Kapitalismus oder der Kommunismus, der zur jüdischen Erfindung erklärt wurde. Wie kommt es, dass gerade „die Juden“ an allem schuld sein sollen?

Das Judentum war die erste Religion des Alphabetes und der Bildung. Bis heute nennen wir unsere Schriften nach den ersten beiden hebräischen Buchstaben Aleph und Beth. Weil Alphabete nur bis zu 30 Buchstaben haben, waren sie leichter zu lernen und es setzte sich über Maimonides und Meister Eckhart schließlich bis ins Deutsche durch: Der Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen, jedes Kind sollte also „gebildet“ werden. Schon der 12-jährige Jesus, Sohn eines armen Zimmermannes, konnte so gut lesen und schreiben, dass er drei Tage lang Schriftgelehrte im Tempel beeindruckte. Das gab es vor 2000 Jahren praktisch nur in Israel.

Für die Antike war das ein Schock: Man konnte die jüdischen Tempel zerstören, die Leute verschleppen und versklaven – sie blieben trotzdem ihrem Gott und einander auch schriftlich verbunden. Es entstanden antijüdische Traditionen aus Neid, Angst und Hass. Während Rassisten bis heute alle Angegriffenen zum Beispiel aufgrund der Hautfarbe abwerten, fürchten sie sich vor Juden. Diese gelten ihnen als besonders schlau, reich und böse. Deswegen glaubt niemand an eine Weltverschwörung der Brasilianer, Quäker oder Muslimbrüder. Nur Juden werden in jeder großen Krise beschuldigt, denn nur ihnen traut man eine Weltverschwörung zu.

Was sind das für Menschen, die Verschwörungstheorien vertreten?

Es sind vor allem autoritäre Persönlichkeiten, die schon als Kinder eine unsichere und schmerzhafte Welt erfahren haben, etwa Gewalt und Drohungen mit dem Teufel. Selbst wenn sie später Ingenieurs- oder Doktortitel errungen haben, bleibt ihnen oft das Gefühl einer bösen Welt und die Sehnsucht nach einem gewaltigen Anführer, der die vermeintliche Verschwörung zerschlagen soll. 

Wie kann man Verschwörungs­theoretikern wirksam begegnen?

Es geht beim Verschwörungsglauben gerade nicht um rationale, wissenschaftlich überprüfbare Theo­rien, sondern um Gefühle, Ängste und dunkle Mythen. Wer von Kind auf lernen konnte, anderen Menschen, der Welt, den Wissenschaften und vielleicht auch Gott zu vertrauen, wird später seltener in Verschwörungsmythen abstürzen. Gegen den Verschwörungsglauben helfen also Bildung, vielfältige Begegnungen und vor allem sichere, liebevolle Bindungen, am besten schon in jungen Jahren.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrem neuen Buch?

Über Verschwörungsmythen hatte ich schon einiges geschrieben, aber ich wollte es angesichts von Covid-19 in einer kompakten Weise in einer größeren Schrift tun. Ich wollte nicht mehr Professoren beeindrucken, sondern Menschen erreichen, die in ihrem Leben stehen und sich in wenigen Stunden verständlich und spannend informieren wollen.

Wo endet die legitime, aber vielleicht zugespitzte Spekulation und wo beginnen „Fake News“?

Das Problem beginnt, wenn ich Falschnachrichten nicht mehr überprüfen, sondern glauben „will“. Wenn Verschwörungsgläubige zum Beispiel herausbekommen, dass Bill Gates gar kein Jude ist, behaupten sie zum Beispiel einfach, er werde von dem jüdischen Holocaust-Überlebenden George Soros finanziert und kontrolliert. Und wenn ich Leuten die Geschichte der Illuminaten erzähle, die nach kurzer Zeit in Bayern verboten wurden und seit 1800 nirgendwo mehr nachweisbar sind, dann meinen Verschwörungsgläubige nur: Da sehen Sie mal, wie gut die sind! Da erleben Sie den Übergang von der überprüfbaren Theorie zum Verschwörungsmythos.

Muss der Staat Ihrer Meinung nach „Fake News“ mit Strafandrohung bekämpfen? Macht er sich damit nicht zum Herrn über Wahrheit und Lüge?

Eigentlich hat unser weltanschaulich neutraler Staat die Fragen von Wahrheit und Lüge den Wissenschaften sowie den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften überlassen. Nun wird aber tatsächlich die Rolle des Staates immer stärker und reicht über Beratungsangebote bis in die Seelsorge hinein. Der Alptraum wäre ein Wahrheitsministerium. Auch deswegen sollten sich Religionen und Weltanschauungen nicht aufgeben, sondern stärker mit den Wissenschaften und auch digitalen Medien befassen. 

Obwohl ich sparsamer Schwabe bin, zahle ich meine Kirchensteuer, Mitgliedsbeiträge für eine demokratische Partei und mehrere Vereine, die GEZ-Gebühren und das Abo für eine freie Tageszeitung gerne. Denn es wird gefährlich, wenn es außer dem Staat und Konzernen nur noch Familien gibt und auch diese immer kleiner werden.

Welche Rolle spielen Ihre christlichen Werte und Überzeugungen bei Ihrem Einsatz gegen Antisemitismus und Verschwörungstheo­rien?

Ich unterscheide zwischen meiner Aufgabe als Landesbeamter und Religionswissenschaftler und meinem persönlichen, christlichen Glauben in einer christlich-muslimischen Familie. Das ist eben genau das, was ich mit aufgeklärtem Glauben meine: Ich weiß, dass ich Gottes Existenz und Liebe und die Besonderheit Jesu nicht wissenschaftlich beweisen kann und behandle schon deshalb auch andere Religionen und Welt­anschauungen mit dem Respekt, den ich mir für meinen Glauben wünsche. Aber das Grundvertrauen, dass Gott eine gute Welt geschaffen und allen Menschen Würde gegeben hat, dass der Heilige Geist in allen Kulturen wirkt, gab mir zum Beispiel auch als Leiter einer humanitären Rettungsaktion für Jesidinnen und deren Kinder im Irak die nötige Kraft und Zuversicht. 

Als Christ werden Sie bisweilen dafür kritisiert, dass Sie mit Atheisten ins Gespräch kommen. Auch wurden zuletzt die Atheisten vom Internetportal „Hoaxilla“ scharf dafür angegangen, mit Ihnen als Christ zu reden. Was entgegnen sie solchen Kritikern? 

Der Dialog zwischen den Religionen macht große Fortschritte, gerade auch zwischen Christen, Juden und Muslimen. Aber gleichzeitig wächst die Zahl der sogenannten Antitheisten, die Religionen wiederum verschwörungsmythologisch für alles Unheil verantwortlich machen und sie durchaus mit Gewalt abschaffen wollen. Und wer habe mit dem in ihren Augen verderblichen Monotheismus angefangen? Klar, die Juden! Und dann haben die Religiösen, insbesondere die Fundamentalisten, auch noch im Durchschnitt mehr Kinder als die Säkularen! Hier beginnt der nächste Bruch. 

Wir brauchen daher dringend mehr wissenschaftlich aufgeklärten, respektvollen Dialog zwischen Religiösen und Nichtreligiösen, um dem nächsten Kulturkampf und Antisemitismus im Zeichen der Klimakrise vorzubeugen. Dass ich auch dafür von Extremen beider Seiten beschimpft werde, motiviert mich eher, dafür noch mehr zu tun. Einige katholische Akademien leisten in der Vermittlung der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen erfreulich viel. Und die Podcaster von „Hoaxilla“ sind großartige, nichtreligiöse Humanisten, die zu Recht auch von immer mehr Religiösen gehört werden.

Am 3. November wählen die USA ihren Präsidenten. Amtsinhaber Donald Trump wirbt auch mit Verschwörungs­theorien und handfesten Lügen um Stimmen. Welche Rolle spielen „Fake News“ im US-Wahlkampf?

Die vor allem digitale QAnon-­Verschwörungssekte, die in Donald Trump den Erlöser von einer Weltverschwörung aus Juden und Frauen sieht, beginnt bereits zu zerfallen. Allerdings haben die Verbleibenden dann nur noch die Wahl, ob sie ihre Einsätze der letzten Jahre als Fehlschlag zugeben oder sich immer weiter radikalisieren. 

Wer wird die Wahl gewinnen?

Nach meiner Prognose wird Donald Trump die Macht verlieren, aber es droht leider auch Gewalt durch fanatisierte Verschwörungsgläubige. Verschwörungsmythen zer­stören am Ende oft auch diejenigen, die zu fest daran glauben.

Interview: Thorsten Fels und Sascha Zimmermann