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Verein World Heritage Watch warnt:

Mehr Welterbestätten in Gefahr - auch in Deutschland

Welterbestätten sind offenbar einer zunehmenden Bedrohung ausgesetzt. Das geht aus einem Bericht hervor, den der Verein World Heritage Watch (WHW) am Donnerstag in Berlin veröffentlicht hat. 56 Stätten sind demnach weltweit gefährdet, sieben mehr als im Vorjahr. Die Organisation sammelt nach eigenen Angaben entsprechende Berichte aus der Bevölkerung, um die Unesco darüber zu informieren.

In Deutschland sind demnach fünf Stätten bedroht, nämlich das Wattenmeer, die Altstadt von Goslar, das Nationalpark Kellerwald-Edersee, die Schlösser Augustusburg und Falkenlust sowie das Mittlere Rheintal.

Besonders der "skandalöse Zustand" der Altstadt von Goslar steche hervor, sagte der WHW-Vorsitzende Stephan Dömpke. Dort sind den Angaben zufolge 20 bis 30 Prozent der Gebäude baufällig, einige schon nicht mehr zu retten. "Nur dem herausragenden Engagement eines einzelnen Architekten ist es zu verdanken, dass diese erschütternden Fakten dokumentiert wurden", erklärte der Experte. "Das zeigt, wie wichtig der Beitrag der Zivilgesellschaft für den Erhalt des Welterbes ist." Die Verantwortlichen rief er auf, schnellstens zu handeln.

Global betrachtet sei die diesjährige russische Präsidentschaft des Unesco-Welterbekomitees ein entscheidendes Problem, wie es hieß. In diesem Jahr hatte das Komitee nicht tagen können, weil die westlichen Demokratien eine Sitzung unter russischem Vorsitz ablehnten, während Russland ukrainische Kulturdenkmäler zerstörte. Viele Staaten hätten dies genutzt, um Großprojekte zu genehmigen, die Welterbestätten gefährden.

Dazu zählen den Angaben zufolge ein Autobahnbau durch die Nekropolen von Kairo oder neue Hotelprojekte im indonesischen Komodo-Nationalpark, auf den Galapagos-Inseln und an den Victoriafällen in Sambia und Simababwe. Andere Entwicklungen, die die Unesco seit langem mit Besorgnis verfolgt, laufen demnach weiter, etwa der Bau eines Autobahntunnels unter dem Megalithkreis von Stonehenge und die Zubetonierung der Akropolis von Athen. Als besonders tragisch bezeichnete WHW die drohende Vertreibung von bis zu 70.000 Maasai aus dem Ngorongoro-Schutzgebiet in Tansania.

Dömpke forderte eine Sitzung des Welterbekomitees im kommenden Jahr. Dort müssten Beschlüsse gefasst werden, "die die Mitgliedstaaten verpflichten, solche Vorhaben aufzugeben", erklärte er.

Zugleich werde die Lage für Organisationen, die sich kritisch mit dem Welterbe beschäftigen, weltweit immer schwieriger. "Es ist nicht nur der Einsatz für die Menschenrechte, wegen derer Menschen in Haft kommen oder sogar getötet werden, es ist auch das Welterbe", sagte Dömpke.

Schon in den vergangenen Jahren seien Aktivisten des internationalen WHW-Netzwerks wie der türkische Kulturmäzen Osman Kavala ins Gefängnis gekommen. Die russische Biologin Alexandra Koroleva und andere hätten ins Exil fliehen müssen. Im neuen WHW-Report hätten mehrere Autoren nur anonym oder ohne Foto veröffentlicht, um in ihren Ländern keine Schwierigkeiten zu bekommen.

KNA

03.11.2022 - Kultur , Kunst , Natur