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Kampf gegen mächtige Gegner

Chagos – die verlorene Heimat

Über 50 Jahre ist es her, dass Olivier Bancoult seine Heimat Chagos, eine Inselgruppe im Indischen Ozean, verlassen musste. Doch noch immer kämpft er unermüdlich um Gerechtigkeit. Ein Kampf wie jener von David gegen Goliath: Seine Gegner sind die USA und Großbritannien.

Olivier Bancoult wird ihn nie vergessen, den 30. März 1968: das Datum, an dem er zusammen mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester per Schiff nach Mauritius aufbrach. Bis zu diesem Tag hatte der damals Vierjährige auf Peros Banhos gelebt, auf einer der 65 paradiesisch gelegenen Inseln des Chagos-Atolls, mitten im Indischen Ozean. Damals ahnte niemand aus seiner Familie, dass sie nicht mehr zurückkehren würden. „Meine kleine Schwester war schwer krank und wir wollten sie in einem Krankenhaus auf Mauritius behandeln lassen, da wir rund 2000 Chagossianer als Dependance von dort aus verwaltet wurden. Somit durften wir auch die medizinische Versorgung in Anspruch nehmen“, erinnert sich Bancoult. 

Zurück ging es nicht mehr

Doch wenige Wochen später dann der doppelte Schicksalsschlag. Zuerst starb seine Schwester, und als die Familie zurück nach Chagos wollte, bekamen sie am Hafen die lapidare Antwort: „Das geht nicht mehr. Die Inseln wurden an die USA verpachtet.“ Ihre erste Reaktion: Ungläubigkeit. Seine Eltern, erzählt der heute 54-Jährige, standen unter Schock. „Mein Vater erlitt kurze Zeit später einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte“, sagt der gelernte Elektriker und lehnt sich in seinen Ledersessel zurück. 

In seinem Büro, das nur wenige Kilometer von Mauritius’ Hauptstadt Port Louis entfernt liegt, rotiert ein Ventilator laut summend gegen die tropische Hitze im Raum an. Bancoult sitzt an seinem Schreibtisch. Hinter ihm an der Wand hängt ein Poster von Nelson Mandela, gleich daneben ein gemeinsames Foto von ihm mit dem südafrikanischen Politiker. Passend dazu noch ein Plakat von Martin Luther King mit der berühmten „I have a dream“-Rede. Und ein Holzschnitt mit Umrissen der Chagos-Hauptinsel Diego Garcia. Bancoult holt tief Luft, bevor er weiter redet. „Wir hatten ein gutes Leben auf Chagos. Ein Haus. Fast jeder einen Job in der Kokosnuss-Industrie oder als Fischer. Genug zu essen. Alles, was man braucht, um glücklich zu sein. Wir haben dort in Frieden und Harmonie gelebt. Warum können wir nicht mehr zurück? Was ist mit unserer Würde? Wir vermissen unsere Heimat, unseren Geburtsort. Was man uns angetan hat, ist unfair und unakzeptabel“, erklärt er mit immer lauter werdender Stimme. 

Seine Lebensaufgabe

Die Bitterkeit, die darin mitschwingt, ist nicht zu überhören. Als Vorsitzender und Sprecher der chagossianischen Flüchtlinge habe er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, gegen dieses Unrecht zu kämpfen, und wenn es bis zu seinem letzten Atemzug sei, versichert er mit geballter Faust. Dann zieht eine DVD aus der Schublade. Darauf, sagt er, könne jeder sehen, warum er so wütend sei. 

Die DVD zeigt eine Dokumentation der BBC unter dem Titel „Stealing a nation“, also „Eine Nation stehlen“. Amateuraufnahmen aus den 1960er Jahren vermitteln einen Eindruck vom Leben auf den Chagos-Inseln. Es sind Szenen aus glücklichen Tagen. Spielende Schulkinder sind darauf zu sehen. Läden, Kirchen und Häuser. Fröhliche Gesichter. Einsame Strände. Haustiere wie Enten, Schweine und Hunde. Zu letzteren verband die Einheimischen eine besonders enge Beziehung. In einer Einstellung im Film jagt ein Hund im Meer für seinen Besitzer nach Fischen. 

Umso verstörter waren die Chagossianer, als ihre geliebten Vierbeiner auf einen staatlichen Befehl hin getötet wurden, über 1000 an der Zahl. Unheil war über ihr Paradies hereingebrochen. Es schien, als habe man den Menschen, die einst als ehemalige Sklaven auf die Inseln gekommen waren und dort seit fünf Generationen lebten, damit ihre Unschuld, ihre Glückseligkeit genommen. 

Doch dies war, wie sie heute wissen, nur der Anfang der schrittweisen Vertreibung aus ihrer Heimat. Alle, die so wie Bancoults Familie das Chagos-Atoll aus gesundheitlichen oder anderen Gründen verlassen mussten, durften danach nicht mehr zurückkehren. Und die, die dort noch verblieben waren, wurden systematisch ausgehungert, indem man Lieferungen von Milch, Zucker, Öl und anderen Lebensmitteln unterband. 

Hinter all dem steckte ein streng geheimer Plan zwischen Mauritius’ alter Kolonialmacht Großbritannien und den USA, den sie auf höchster Ebene und hinter dem Rücken ihres eigenen Parlaments und Kongresses ausgehandelt hatten. 

Militärstützpunkt für USA

Der Deal: Die Amerikaner wollten Chagos aus geostrategischen Gründen unbedingt als Militärstützpunkt zwischen Afrika, Asien und Australien haben und pachteten die Inselgruppe für 50 Jahre von Großbritannien. Wie aus geheimen Akten, die erst vor wenigen Jahren auftauchten, hervorgeht, erschufen die Engländer zur Legitimation dafür eigens das „Britische Territorium im Indischen Ozean“ (BIOT). Verbunden mit der Lüge, dass Chagos mit Ausnahme von einigen Wanderarbeitern unbewohnt sei, es gebe dort nur „einige Tarzans und Janes“. 

Gleichzeitig erhielt die britische Regierung von den Amerikanern 14 Millionen Dollar für die „Säuberung“ der Insel-Gruppe. Damit dies möglichst stillschweigend und ohne Einmischung oder Proteste seitens der mauritischen Regierung geschehen konnte, wurde diese von den Engländern 1968 nur unter der Bedingung in die Unabhängigkeit entlassen, dass sie vorab zugestimmt hatte, auf alle Ansprüche Chagos betreffend zu verzichten. Damit war das Schicksal der Einwohner besiegelt. Sie waren quasi heimatlos. Entwurzelt.      

Nach und nach mussten sie an Bord der für sie bereitgestellten Frachtschiffe, berichtet eine Zeitzeugin im Film. Wie Tiere seien sie sich vorgekommen. Jeder durfte nur einen Koffer mitnehmen. Zuerst ging die Fahrt auf die Seychellen, wo man sie zunächst im Gefängnis unterbrachte. Von da aus dann weiter nach Mauritius, wo sie nach der Ankunft an den Docks stehen gelassen wurden. Die Häuser, in denen sie eine erste Bleibe fanden, hatten kein Wasser, keine sanitären Anlagen oder Elektrizität. 1975 wurden die letzten Einwohner von Chagos umgesiedelt. Viele von ihnen leben immer noch immer in den Slums von Port Louis. Ohne Aussicht auf Rückkehr.

Denn bis heute befindet sich auf ihrer Hauptinsel Diego Garcia einer der wichtigsten US-Militärstützpunkte außerhalb der Vereinigten Staaten. Rund 3250 Soldaten sind hier stationiert. Dazu Kriegsschiffe, Atom-U-Boote. Eine Satelliten-Spionage-Station. Von Garcia aus wurden Angriffe auf den Irak und Afghanistan geflogen. Es existiert eine komplette Infrastruktur mit allen Annehmlichkeiten für die Mitarbeiter. Bars, Geschäfte, Swimmingpools. Sogar Lady Gaga sei schon für einen Auftritt hier gewesen, weiß Olivier Bancoult.  

Viele Suizide

„Seit ich auf Mauritius bin, leben wir ein wertloses Leben“, heißt es in einer Liedzeile eines Chagos-Songs. Für den Aktivisten Bancoult sind das keinesfalls leere Worte. Es habe zahlreiche Suizide gegeben, berichtet er. Die etwa 550 verbliebenen Chagossianer lebten auf Mauritius, den Seychellen und London verteilt und hätten mit Problemen wie Arbeitslosigkeit, Drogen, Alkohol, Prostitution und Rassismus zu kämpfen. 

Da helfe es auch nicht viel, dass nach Protesten im Jahr 1982 jeder von ihnen von der englischen Regierung eine einmalige Zahlung von 3000 Pfund als Entschädigung erhalten habe. Der moralische Preis dafür war hoch: Denn mit ihrem Fingerabdruck auf der Quittung hatten die meisten als Analphabeten so unwissend eingewilligt, auf die Rückkehr nach Chagos zu verzichten. Bancoults Mutter Rita, die inzwischen verstorben ist, sagt im Film: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das Geld nie genommen.“ Und fügt hinzu: „Gott wird sie für das bestrafen, was sie uns angetan haben.“     

Auch die Tatsache, dass die Chagos-Flüchtlinge die britische Staatsangehörigkeit erhalten hätten, sei kein Trost, findet Olivier Bancoult. „Die haben wir doch nur aus Wiedergutmachung und schlechtem Gewissen bekommen“, winkt der 54-jährige müde ab. „Was haben wir denn von dem Pass? Wir sind nicht in London geboren. Wir fühlen uns trotzdem als Außenseiter und Bürger zweiter Klasse.“ 

Aussagen wie diese sind es wohl, mit denen er sich bei den Mauritiern nicht nur Freunde macht. Ein britischer Pass sei etwas, worüber viele glücklich wären, wenn sie diesen selbst bekommen könnten. Manche werfen ihm vor, er tue das alles nur zur Selbstdarstellung und aus Machtgier. Warum er überhaupt nach Chagos zurück wolle, wo doch nichts sei, fragten sich viele. Ein Klick auf Fotos im Internet reiche, dort könne man doch die zerfallenen Hütten und von Baumwurzeln überwucherten Gebäude sehen.

Nelson Mandela habe ihm damals gesagt: „Gib niemals auf.“ Wohl auch deshalb geht Olivier Bancoult unbeirrt seinen Weg weiter. Und das, obwohl der Pachtvertrag zwischen den USA und Großbritannien 2016 gerade erst wieder um 20 Jahre bis 2036 verlängert wurde. Die Regierung von Mauritius unterstütze ihn zwar inzwischen mehr, gibt Bancoult zu. Doch die beiden Großmächte spielen sich beim Thema Verantwortung die Bälle wie beim Ping-Pong immer wieder zu. 

Bancoult hat in den vergangen Jahrzehnten viel unternommen. Er traf Prominente aus aller Welt, darunter Papst Johannes Paul II. und den englischen Premier Tony Blair. Im Jahr 2000 entschied Großbritanniens oberster Gerichtshof, dass die Umsiedlung der Chagossianer illegal war. Zurückkehren konnten sie dennoch nicht, das britische Oberhaus lehnte dieses Urteil im Nachhinein ab. Zuletzt machte Bancoult erfolgreich Druck auf die mauritische Regierung: Am 3. September wird es zu Chagos eine Anhörung vor dem internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag geben. 

Besuche auf der Insel

Für Gespräche durfte Bancoult in den vergangenen Jahrzehnten bislang dreimal als Besucher nach Chagos fahren. Immer wieder werde er von seinen Landsleuten gefragt, wann sie zu den Gräbern ihrer Verwandten zurück dürften. Auch viele seiner eigenen Angehörigen, etwa Geschwister und Großeltern, liegen dort begraben. Dass er seiner Mutter den Wunsch, auf Chagos die letzte Ruhe zu finden, nicht erfüllen konnte, schmerzt ihn besonders. Doch er bleibt optimistisch. 

Moderne Netzwerke wie Facebook oder Twitter helfen ihm dabei, immer mehr Unterstützer für seine Sache zu finden. Die ganze Welt solle wissen, was ihnen passiert sei. „Wir haben nie für eine Schließung der Militärbasis plädiert. Das Chagos-Atoll wird nur zu einem Drittel von ihr genutzt. Mein Geburtsort Peros Banhos ist beispielsweise mehr als 130 Meilen von der Basis weg. Wir sind Kinder Gottes und wollen eine friedliche Koexistenz. Unser Ziel ist es, bleiben zu dürfen.“

Bancoult glaubt fest daran, dass dies noch zu seinen Lebzeiten geschieht. Schließlich habe man für die über 40 britischen Überseeterritorien wie die Falkland-Inseln oder St. Helena auch eine Lösung gefunden. Falls es wirklich klappen sollte: Was möchte er dann eigentlich auf Chagos tun? „Das, was Gott für mich beschließt. Wenn er will, dass ich Präsident werden soll, dann werde ich Präsident. Wenn sie dort aber einen Elektriker wollen, dann eben Elektriker.“

Anja Boromandi

15.06.2018 - Ausland , Diskriminierung , Politik