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Moraltheologe Lob-Hüdepohl:

Triage nach Alter ist "absolut verwerflich"

Der Berliner Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl hat eine Verweigerung von Beatmungsgeräten für Corona-Kranke über 80 Jahren als "absolut verwerflich" bezeichnet. Lob-Hüdepohl, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrats ist, sagte, Alter, soziale Herkunft oder andere derartige Kriterien als alleinige Grundlage zu nehmen, sei "moralisch schlichtweg abzulehnen". Nach jüngsten Bericht erhalten im Elsass betagte Corona-Patienten wegen fehlender Ressourcen keine Beatmung mehr.

Lob-Hüdepohl verwies auf die Stellungnahme des Ethikrats, der sich bei der sogenannten Triage, also der Patientenauswahl aufgrund fehlender Ressourcen, für klare medizinische Kriterien ausgesprochen hatte. Maßgeblich müssten die Therapieaussichten sein. Das Gremium veröffentlichte "Ad-hoc-Empfehlungen" zur Bewältigung der Corona-Krise.

Der Ethikrat rechtfertigte die derzeitigen Freiheitsbeschränkungen, forderte aber eine baldige schrittweise Rückkehr zur Normalität. Lob-Hüdepohl mahnte, bei allen Maßnahmen "das Ganze der Gesellschaft im Blick zu behalten - deren Solidarität ja gewissermaßen einem Stresstest unterzogen wird".

Er beobachte derzeit "eine einseitige Zuspitzung auf den Lockdown", sagte der Moraltheologe. Dabei verwies er auf "Begleitschäden für die Gesellschaft", die schon jetzt eingetreten seien, wie eine Unterversorgung in den Psychiatrien oder Heimen für behinderte Menschen, Vereinsamung oder soziale Folgen, "wenn die wirtschaftliche Existenzgrundlage wegbricht". All dies gelte es bei der "extrem schwierigen Güterabwägung" mit einem leistungsfähigen Gesundheitssystem zur Versorgung der Corona-Kranken zu berücksichtigen.

Nach den Worten Lob-Hüdepols war es dem Rat besonders wichtig, in der Stellungnahme den Primat der Politik hervorzuheben: "Die Corona-Krise ist die Stunde der demokratisch legimitierten Politik". Damit liege die wesentliche Verantwortung beim Parlament. Ebenso wichtig sei aber eine gesellschaftliche Debatte zur Frage, welche Lebensrisiken als akzeptabel anzusehen seien und welche nicht. Dabei müssten alle vulnerablen Gruppen gleichermaßen berücksichtigt werden.

KNA

29.03.2020 - Corona , Ethik , Senioren